Vertrauliche Anhörungen: Vorerst keine Anmeldungen – Vormerkungen ab sofort für 2019 möglich

AUFARBEITUNGSKOMMISSION

Meldungen

Hier finden Sie alle wichtigen Meldungen aus den Tätigkeitsfeldern der Aufarbeitungskommission.

Kommission veröffentlicht ersten Zwischenbericht: Familie im Fokus

Berlin, 14. Juni 2017. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat heute ihren ersten Zwischenbericht im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Neben der Dokumentation ihrer Arbeit beinhaltet der Bericht erste Erkenntnisse aus vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichten – Geschichten von Betroffenen, die in ihrer Kindheit sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren, hauptsächlich in der Familie.

Vertrauliche Anhörungen: Vorerst keine Anmeldungen – Vormerkungen ab sofort für 2019 möglich

Berlin, 12. Juni 2017. Die Kommission kann aktuell leider keine weiteren Anmeldungen für vertrauliche Anhörungen annehmen. Alle Personen, die Interesse an einer vertraulichen Anhörung haben, können sich aber für einen Termin im Jahr 2019 vormerken lassen.

Aufarbeitung von Missbrauch in Kirchen: Analyse und Dokumentation im Fokus der dritten Werkstattgespräche

Berlin, 3. Mai 2017. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat Vertreterinnen und Vertreter von Aufarbeitungsprojekten und Betroffene von Missbrauch in der evangelischen und katholischen Kirche zu den dritten Werkstattgesprächen nach Berlin eingeladen. Im Fokus standen die Analyse der kirchlichen Aufarbeitungsprozesse und die Dokumentation von gesammeltem Wissen und die damit verbundene Berichterstattung.

Ein Jahr Aufarbeitung – Kommission zieht Bilanz auf dem 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag

Düsseldorf, 29. März 2017. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs war heute zu Gast auf dem 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag(DJHT). Sie zog eine Bilanz der Arbeit ihres ersten Jahres.

Sexueller Kindesmissbrauch: Betroffene sprechen öffentlich

Berlin, 31. Januar 2017. Sie haben als Kind in der Familie sexuelle Gewalt erlebt – heute sprechen sie darüber. Öffentlich. Vor 250 Menschen. Beim Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Akademie der Künste im Herzen Berlins. Es ist das erste öffentliche Hearing der Kommission, deren Gäste Betroffene, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Verantwortlichen aus Institutionen und Politik sowie Fachkräften aus der Praxis sind.

„Brüdergemeinde nimmt uns nicht ernst“

Missbrauchsskandal

„Brüdergemeinde nimmt uns nicht ernst“

Von fk 

Detlev Zander erhebt schwere Vorwürfe im Aufarbeitungsprozess. Obwohl sich mit ihm jetzt 260 frühere Korntaler Heimkinder als Opfer von psychischer und physischer Gewalt gemeldet haben, ließen sich die Pietisten nicht richtig auf ihre Historie ein.

Detlev Zander ist über die Korntaler Verantwortlichen verärgert. Foto: factum/Granville
Detlev Zander ist über die Korntaler Verantwortlichen verärgert.Foto: factum/Granville
Herr Zander, wie geht es Ihnen?
Es geht, denn ich bin sehr verärgert über die Brüdergemeinde
Vor einem Jahr sind Sie als erster an die Öffentlichkeit gegangen. Inzwischen werden Begriffe wie sexueller Missbrauch und Demütigung in mehreren Fällen mit Korntal in Verbindung gebracht. Dabei beginnt die Aufarbeitung erst. Im Oktober sollen weitere Bausteine des Projekts vorgestellt werden.
Ja. Aber es ist immer noch ein Kampf, man kämpft und kämpft und kämpft. Letztlich habe ich das Gefühl, die Brüdergemeinde nimmt uns nicht ernst.
Sie sprechen die Arbeit in der Steuerungsgruppe an. Wieso haben Sie den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden? Es handelt sich schließlich um ein paritätisch besetztes Gremium unter der Leitung der Wissenschaftlerin Mechthild Wolff.
Wir, die Betroffenen, sind aber nicht gleichberechtigt. Wir werden nicht informiert. Wir haben in der Steuerungsgruppe beschlossen, Aktivitäten in Bezug auf die Aufarbeitung abzusprechen. Wenn ich eine Anfrage an die Brüdergemeinde stelle, bekomme ich keine Antwort. Die bekommt Frau Wolff. Das ärgert mich.
Sie haben die Situation doch aber sicher intern angesprochen.
Ja, aber es ändert sich ja nichts. Die Brüdergemeinde spricht sich intern ab, mit der Diakonie, mit der Landeskirche – und wir bekommen in der Steuerungsgruppe dann irgendetwas vorgelegt. Wir wollen mitreden. Ich bin nicht dazu da, irgendwelche Dinge nur abzunicken. Die Zeit ist vorbei.
Aber die Brüdergemeinde mag zwar zu Beginn etwas zögerlich agiert haben, aber das hat sich doch geändert, oder nicht?
Natürlich macht sie es geschickt, wenn sie Persönlichkeiten einlädt, wie zuletzt Maria Loheide von der Diakonie Deutschland, und nicht den Missbrauchsskandal an erster Stelle setzt, sondern die Altenpflege und die Flüchtlingshilfe. Die Brüdergemeinde suggeriert nach außen „Leute, was wollt Ihr? Wir tun doch was.“ Aber nach innen informiert sie nicht richtig, auf der Homepage aktualisiert sie die Daten beispielsweise nicht. Sie stellt nach außen was dar, ist aktiv, damit die Politik sowie die Landeskirche und die Diakonie zufrieden sind. Damit ist sie aus den Schlagzeilen. Über die Geschädigten wird aber fast nicht gesprochen. Wenn ich den Bürgermeister anschreibe, erhalte ich entweder die Antwort, er habe keine Zeit oder er wolle sich in den Dialog nicht einmischen. Aber wenn Prominenz da ist, wenn Frau Loheide kommt, kommt er auch. Nach außen hin wird das eine Bild vermittelt, nach innen ein anderes.
Wie nehmen Sie denn die Bereitschaft der Brüdergemeinde wahr, sich mit ihrer Historie auseinanderzusetzen?
Unterschiedlich. Natürlich macht die Brüdergemeinde etwas, aber ich habe das Gefühl, dass sie in der Thematik immer noch nicht angekommen ist. Sie setzt sich gar nicht richtig mit der Vergangenheit auseinander. Es gibt bei ihnen immer noch Leute, die daran zweifeln, ob das wirklich passiert ist, schließlich könne das doch alles gar nicht sein. Dabei haben sich inzwischen 260 Personen gemeldet.
Sie sprechen von 260 Opfern psychischer und physischer Gewalt, eine Frau soll gar geschwängert worden sein.
Ich habe mit ihr gesprochen. Wir haben in der Steuerungsgruppe besprochen, dass es aufgeklärt wird und geprüft wird, den Täter rechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Aber wir bekommen keine Informationen.
Diese Frau hat Ihnen ihre Erlebnisse berichtet. Sie selbst gingen mit dem, was Sie erlitten haben als erster an die Öffentlichkeit.
Ich habe 13 Jahre im Hoffmannhaus gelebt und bin missbraucht worden, mehrfach, im Fahrradkeller, durch den Hausmeister. Ich verbinde Korntal aber auch mit Wilhelmsdorf. Das war ein Ferienlager, wir haben es Arbeitslager genannt, da wir dort jeden Tag auf die Baustelle mussten, weil der Heimleiter ein Haus gebaut hat. Das waren für uns keine Ferien in dem Sinn, das war wieder ein geschlossener Kosmos, in dem man uns benutzen konnte. Wir dürfen die Aufarbeitung deshalb nicht nur auf den Missbrauch reduzieren. Wir müssen auch fragen, wer damals Verantwortung hatte.
Sie wollen es nicht dabei belassen, die Historie aufzuarbeiten, etwa zu klären, warum die Heimkinder im Großen Betsaal stets in der letzten Reihe Platz nehmen mussten.
Wir waren schlecht angesehen in der Gemeinde. Wir sind schon aufgefallen mit der Kleidung, in die Kinderkirche durften wir nicht. Doch die Wissenschaft interessiert vielleicht die Brüdergemeinde. Viele Betroffene können damit aber nichts anfangen. Andere Teilprojekte der Aufarbeitung wie Anerkennung von Leid und Erinnerungskultur kamen von uns. Jetzt befürchte ich, dass der wissenschaftliche Teil in den Vordergrund rückt, und die anderen Teilbereiche in den Hintergrund rücken.
Die württembergische Landeskirche hat inzwischen einen entsprechenden Beschluss gefasst zu Entschädigungszahlungen.
Sie geht aber sehr zögerlich mit dem Thema um. Ich möchte, dass sich die Landeskirche und die Brüdergemeinde klar positionieren. Dazu gehört auch, dass die Brüdergemeinde eben in bezug auf die Entschädigungen nicht nur wie bisher Sachleistungen anbietet. Sie sagt ja bisher, sie werde kein Geld auf ein Konto bezahlen. Das wird es mit mir nicht geben. Die Landeskirche wiederum kann nicht einerseits darauf verweisen, dass die Brüdergemeinde eigenständig sei, während die Brüdergemeinde auf die Landeskirche verweist, weil sie mit ihr vertraglich verbunden sei.
Zurück nach Korntal. Der Aufarbeitungsprozess ist nicht konfliktfrei, immer wieder ist von Auseinandersetzungen die Rede.
Was meine Sie wie oft es in der Steuerungsgruppe schon Streit gegeben hat! Wenn man keinen Druck macht, passiert nicht viel. Ich habe oft das Gefühl, dass uns Betroffenen gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt wird. Wir kommen uns oft vor, das klingt jetzt hart, als die dummen Heimkinder, die Nestbeschmutzer. Ein offenes, ehrliches Gespräch ist nicht möglich. Es geht nicht an, dass wir eine Alibifunktion haben: Die dummen Heimkinder, sie haben keine Bildung, wir setzen sie mit rein in die Steuerungsgruppe, damit es heißt, die Brüdergemeinde mache ein großes Projekt – aber in die wichtigen Entscheidungen werden wir nicht einbezogen.
Die Brüdergemeinde finanziert das Projekt.
Uns wird immer gesagt, wir sollen schweigen, weil etwas noch nicht spruchreif ist. Die Brüdergemeinde selbst hat aber so viele Gremien, da wissen sehr viele Bescheid und wir sollen den Mund halten. Ich habe immer gesagt, wir müssen informieren, die Betroffenen scharren mit den Hufen, sie sagen, da kommt ja gar nichts, sie wollen, dass etwas geschieht. Ich bin ihnen doch verantwortlich. Ich glaube, dass die Brüdergemeinde für sich aufarbeitet und Informationen einholt, aber uns nichts sagt.
Die Aufarbeitung ist auf Monate, wenn nicht Jahre angelegt. Was gibt Ihnen die Kraft, das durchzustehen?
Ich möchte, dass die Heimgeschichte aufgeklärt wird. Das gibt mir die Kraft.
Obwohl Sie zwischenzeitlich von Ihresgleichen, ehemaligen Heimkindern, in den sozialen Medien massiv attackiert werden.
Ja. Ich hatte eine schwere Krise, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Wer an der Front ist, kriegt auch mal eine drauf, das ist eben so. Aber es war ein Lernprozess.
Sie kommen immer wieder nach Korntal, an den Ort des Geschehens zurück für den Aufarbeitungsprozess…
… Korntal ist ja auch meine Heimat.
Gibt es für Sie auch einen schönen Ort in der Stadt?
Ja, eine Sitzbank im Seewald. Da saß ich früher oft, da gehe ich auch heute gerne hin.

Am biblischen Leitbild von Ehe und Familie festhalten

Am biblischen Leitbild von Ehe und Familie festhalten

Erklärung der Christus Bewegung Lebendige Gemeinde

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen wir die aktuelle Debatte in Kirche und Gesellschaft um die „Ehe für alle“ sowie die äußerst kurzfristig geplante namentliche Abstimmung im Deutschen Bundestag. Wir sind dankbar für die Arbeit der hauptamtlichen Politikerinnen und Politiker und begleiten diese Arbeit im Gebet.

Als ChristusBewegung Lebendige Gemeinde halten wir daran fest: Das biblische Leitbild der lebenslangen Ehe zwischen Mann und Frau bleibt unübertroffen. Wo die Ehe von gegenseitiger Liebe und Vertrauen geprägt ist, bietet sie einen hervorragenden Schutzraum für die Entfaltung von Sexualität sowie für die mögliche Weitergabe des Lebens an eine nächste Generation. Die geplante Ausweitung des Ehe-Begriffs auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften halten wir für sachlich unangemessen und lehnen sie deshalb entschieden ab. Die Ehe ist – nicht nur aus christlicher Überzeugung – die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben. Wir sind der Auffassung, dass der Staat auch weiterhin die Ehe in dieser Form schützen und fördern muss. Wir sehen es mit großer Sorge, wenn die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen.

Wir appellieren an die Mitglieder des Deutschen Bundestags: Die Institution der Ehe ist zu kostbar – sie darf nicht kurzfristig und überhastet zum Spielball koalitionstaktischer Überlegungen gemacht werden. Nicht zuletzt im Blick auf das Adoptionsrecht bleiben schwerwiegende grundsätzliche Bedenken, die durch punktuelle positive Erfahrungen nicht übergangen werden sollten.  Wir selbst halten fest am ursprünglichen jüdisch-christlichen Verständnis des Menschen, gerade auch im Blick auf die Ehe (Genesis 1-2) und vertrauen darauf, was Jesus Christus selbst seiner Gemeinde im Blick auf Ehe und Ehelosigkeit geboten und verheißen hat (Matthäus 19,1-11).

Unabhängig vom Ergebnis gesellschaftspolitischer Mehrheitsverhältnisse sind wir in unserem Gewissen an dieses Menschenbild gebunden und werden uns dafür auch weiterhin in Kirche und Gesellschaft einsetzen.

Korntal, 29. Juni 2017

Dekan Ralf Albrecht, Nagold
Andrea Bleher, Untermünkheim
Steffen Kern, Walddorfhäslach
Dieter Schenk, Wolfschlugen
Ernst Günter Wenzler, Stuttgart

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Verdacht des Kindesmissbrauchs

Verdacht des Kindesmissbrauchs  Ermittlungen gegen Finanzchef des Vatikan

Archiv: Kurienkardinal George Pell, aufgenommen am 09.07.2014

(Quelle: reuters)

George Pell ist der höchste katholische Würdenträger Australiens – und Finanzchef im Vatikan. Seit langem steht der Vorwurf im Raum, der Papst-Vertraute habe früher Kinder sexuell missbraucht. Jetzt ist gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Gegen einen der mächtigsten Männer im Vatikan ist ein Ermittlungsverfahren wegen Kindesmissbrauchs eingeleitet worden: Dem Finanzchef des Vatikan, Kardinal George Pell, werden mehrere sexuelle Vergehen vorgeworfen, wie die Polizei in seinem Heimatland Australien am Donnerstag mitteilte. Der 76-Jährige soll Mitte Juli zu einer Anhörung nach Melbourne kommen. Pell sagte sein Erscheinen vor Gericht zu und wies zugleich die Vorwürfe “energisch” zurück.Es gebe “mehrere Beschwerdeführer” gegen Pell, sagte Shane Patton von der Polizei des australischen Bundesstaates Victoria vor Journalisten in Melbourne. Der katholische Geistliche solle am 18. Juli zur Anhörung vor einem Gericht in Melbourne erscheinen. Pell werde “genauso wie jeder andere in diesen Ermittlungen behandelt”, versicherte Patton.

Pell spricht von “Schmutzkampagne”

Nähere Angaben zu den Vorwürfen gegen den Kardinal wollte Patton nicht machen. Die australischen Ermittler hatten Pell bereits im Oktober in Rom zu Missbrauchsvorwürfen befragt.Australischen Medienberichten zufolge wird Pell von zwei Männern bezichtigt, sie Ende der 70er Jahre missbraucht zu haben. Zudem soll er sich in den 80er Jahren nackt vor drei Jungen gezeigt haben. Kürzlich erschien ein Buch der Enthüllungsjournalistin Louise Milligan über Pell, das neue Einzelheiten zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen enthielt.Pell bezeichnete die Vorwürfe in der Vergangenheit als “völlig falsch” und sprach von einer “skandalösen Schmutzkampagne” gegen ihn. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens gegen ihn ließ er die Missbrauchsvorwürfe erneut zurückweisen. 

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“Auch wenn es in Rom noch früher Morgen ist, wurde Kardinal George Pell über die Entscheidung und das Vorgehen der Polizei von Victoria informiert”, erklärte das katholische Erzbistum in Sydney. “Er hat erneut alle Anschuldigungen energisch zurückgewiesen.” Pell wolle “so bald wie möglich” nach Australien zurückkehren, um vor Gericht “seinen Namen reinzuwaschen”, hieß es weiter.

Mandanten “überglücklich” über Verfahren

Die Anwältin Ingrid Irwin, die zwei nicht namentlich genannte Kläger gegen Pell vertritt, erklärte, ihre Mandanten seien “überglücklich” über das Ermittlungsverfahren. Es sei für sie nicht leicht gewesen, die Vorwürfe gegen Pell öffentlich zu machen. “Gegen jemand vorzugehen, der aus Sicht mancher Menschen direkt nach Gott kommt, hat ihnen alle möglichen Probleme bereitet”, sage Irwin der in Melbourne erscheinenden Zeitung “Herald Sun”.Vor einer australischen Missbrauchskommission hatte Pell persönliche Fehler im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen katholische Priester in den 70er Jahren eingeräumt. Drei Mal stellte er sich den Fragen des Ausschusses: ein Mal persönlich und zwei Mal per Video-Schaltung.Die 2012 angeordnete nationale Untersuchung zu Fällen von Kindesmissbrauch in Kirchen, Schulen, Kinderheimen, Jugendgruppen und Sportvereinen steht kurz vor dem Abschluss. Die Kommission hatte mit tausenden Opfern gesprochen. Im Februar veröffentlichte sie Untersuchungsergebnisse, wonach sieben Prozent der katholischen Priester in Australien zwischen 1950 und 2010 Kindesmissbrauch vorgeworfen wurde. Die Vorwürfe wurden jedoch nie untersucht.

Papst Franziskus ernannte Pell zum Finanzchef

Pell war früher Erzbischof von Sydney. 2002 wurden erstmals Missbrauchsvorwürfe gegen ihn öffentlich, er wurde aber später von jedem Fehlverhalten freigesprochen. 2014 ernannte Papst Franziskus ihn zum Finanzchef des Vatikan. Angesprochen auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Pell hatte Franziskus vergangenes Jahr gesagt: “Wir müssen ein Medien-Urteil vermeiden, ein Urteil, das auf Klatsch beruht.”Die katholische Kirche wird bereits seit Jahren durch zahlreiche Missbrauchsfälle weltweit erschüttert. Papst Franziskus sagte kurz nach dem Beginn seines Pontifikats im März 2013 zu, härter gegen Kindesmissbrauch in der Kirche vorzugehen.

Missbrauchsskandal in der kath. Kirche

Der Petersdom in RomDer Pontifex ruft innerhalb der Glaubenskongregation im Vatikan ein neues Gremium aus Kardinälen und Bischöfen ins Leben, das die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen und anderer schwerwiegender Delikte erleichtern soll.

Missbrauchsbericht  Mütter als Mitwisserinnen

Missbrauchsbericht  Mütter als Mitwisserinnen

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat einen vorläufigen Bericht vorgelegt. Die erste traurige Erkenntnis: Missbrauchte Kinder bekommen nur selten Hilfe – auch weil mitwissende Mütter nicht eingreifen.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch

imago/ Metodi Popow

Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch

 

Der häufigste Tatort für Kindesmissbrauch ist die Familie. Und viel zu oft sind Mütter Mitwisser des Verbrechens. Der Zwischenbericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs legt den Finger in genau diese Wunde.

Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Johannes-Wilhelm Rörig, erklärte im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, die zahlreichen Berichte von Betroffenen gäben einen tiefen Einblick in das Versagen der Mütter, die ihre Schutzrolle nicht wahrgenommen hätten.

“Sie sind als Mitwisserinnen nicht eingeschritten und haben ihren Kindern die geforderte Hilfe verwehrt.” Es gebe Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt hätten, ob sie wüssten, “was der Papa mit mir macht”. Die Mütter hätten daraufhin ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft.

“Meine Mutter hat uns nie gegen ihn geschützt, mit der Zeit wurde auch sie gewalttätig”, berichtete ein Betroffener. “Nach außen waren wir jedoch immer die Vorzeigefamilie besonders meiner Mutter ist dieser Schein nach außen wichtiger als alles andere.”

Gründe für das Dulden des Missbrauchs sind dem Bericht zufolge Abhängigkeiten, Ohnmachtserfahrungen oder Gewalt in der Partnerschaft. Dazu kämen auch die Angst vor einem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie eigene Missbrauchserfahrungen.

Missbrauchsbeauftragter Johannes Rörig

imago/ photothek

Missbrauchsbeauftragter Johannes Rörig

Im Mai 2016 hatte die Kommission ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR. Bis zum 5. Mai 2017 hatten sich 943 Personen für eine vertrauliche Anhörung gemeldet, 190 davon wurden angehört. Zusätzlich gingen 170 schriftliche Berichte ein. Bei etwa 70 Prozent der Betroffenen fand laut der Kommission der Missbrauch in der Familie oder im engeren sozialen Umfeld statt.

Aufgrund der begrenzten Anzahl könnten noch keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden, heißt es in dem Zwischenbericht. Es ließen sich jedoch Kernprobleme und Forderungen ableiten:

  • Fast alle Betroffenen hätten berichtet, dass ihnen in der Jugend nicht geglaubt worden sei und sie diese Erfahrung auch als Erwachsene hätten machen müssen.
  • Die Anhörungen zeigten, wie einschneidend sexueller Missbrauch für die Betroffenen ist, schon die Schullaufbahn verlaufe oft anders, “als sie vermutlich bei einem gewaltfreien Aufwachsen verlaufen wäre”. Ein Betroffener sagte: “Ich zahle lebenslang für etwas, was ich überhaupt nicht verschuldet habe.”
  • Man müsse die Sensibilität in Institutionen und Behörden stärken, die Tabuisierung beenden, die Entschädigung erleichtern, fasst die Kommission die Aussagen der Betroffenen zusammen. Zudem erlebten viele die strafrechtliche Aufarbeitung als enorm belastend.
  • Vor allem im familiären Umfeld hätten viele Kinder den Missbrauch nicht offenbart – was den Aussagen zufolge auch mit der Täterstrategie zu tun hat, dem Kind zu drohen oder ihm Schuldgefühle einzureden. “Da hat er mir ins Ohr geflüstert: Das ist jetzt unser Geheimnis, das darfst du niemandem verraten, auch der Oma nicht. Sonst müssen wir alle ins Gefängnis”, wird ein Betroffener zitiert. Ein anderer sagte: “Mir wurde schon immer eingebläut, nichts zu verraten. Die Polizei würde mich mitnehmen mit dem, was ich gemacht hatte.”

Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs

Mit der Schaffung der unabhängigen Kommission habe man in Deutschland Neuland betreten, sagt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch, einer Initiative, die sich seit 2010 für Betroffene aus Jesuitenschulen engagiert. Leider taugten angelsächsische Kommissionen wie die australische Royal Commission nur bedingt als Vorbild, weil diese “auf gesetzlicher Grundlage, in Vollzeit und auf gesicherter finanzieller Basis ihrem Auftrag nachkommen”.

Die deutsche Kommission handle zwar im Auftrag des Bundestages, “arbeitet aber untergesetzlich und ehrenamtlich und ist zudem vergleichsweise knapp finanziell ausgestattet.”

Die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, warnte, dass in Zukunft keine Anmeldungen für vertrauliche Anhörungen von Betroffenen mehr entgegengenommen werden könnten. Zwar reichten die Mittel für die fast tausend Anmeldungen, die das Gremium bislang bekommen hat. “Wir wissen aber schon heute, dass der Bedarf viel höher ist”, sagt Andresen dem SPIEGEL. Man brauche mehr finanzielle und personelle Ressourcen, auch über das Jahr 2018 hinaus.

Die Kommission bekam 2017 mit 1,6 Millionen Euro nur die Hälfte der Mittel, die sie ursprünglich als notwendig kalkuliert hatte. Zum Vergleich: Einer in England und Wales eingesetzten Kommission mit ähnlichen Aufgaben stehen pro Jahr umgerechnet 23 Millionen Euro zur Verfügung.

Positionspapier des Unabhängigen Beauftragten ( UBSKM ) und seiner Gremien veröffentlicht

Missbrauchsbeauftragter bittet nächste Bundesregierung um stärkeres Engagement im Kampf gegen Missbrauch und um Unterstützung von Betroffenen

Positionspapier des Unabhängigen Beauftragten ( UBSKM ) und seiner Gremien veröffentlicht

© UBSKM

26. Juni 2017: Heute haben der UBSKM , der bei ihm angesiedelte Beirat und der Betroffenenrat im Einvernehmen mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ihr Positionspapier veröffentlicht, das in einer großen Gremiensitzung am 23. Mai 2017 einstimmig beschlossen wurde.

Die gemeinsamen Empfehlungen an Politik und Gesellschaft machen deutlich, dass in Deutschland noch sehr viel mehr als bisher getan werden muss, um Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen frei von sexueller Gewalt zu ermöglichen. Erreichtes der vergangenen Jahre wird gewürdigt. Gleichzeitig wird deutlich, dass befristete Minimallösungen bei Schutz, Hilfe, Forschung und Aufarbeitung nicht ausreichen.

Für die Zukunft ist eine viel stärkere und insbesondere dauerhafte politische und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme notwendig. Nur so können bundesweit Konzepte zum Schutz vor sexueller Gewalt in Einrichtungen und Organisationen implementiert, Gefahren digitaler Medien stärker entgegnet, Hilfen und Versorgung verbessert, juristische und behördliche Verfahren optimiert, Forschung und Lehre ausgebaut, sowie die unabhängige Aufarbeitung auch künftig sichergestellt werden.

Weitere Informationen

Empfehlungen an Politik und Gesellschaft zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt verabschiedet

Downloads

Positionspapier – Empfehlungen an Politik und Gesellschaft

 Download (PDF, 0.7 MB, nicht barrierefrei)

Wie Kinder zu Opfern sexueller Gewalt werden

Collage unterschiedlicher Menschen in warmem Licht, Quelle: WDR

Wölfe im Schafspelz – Wie Kinder zu Opfern sexueller Gewalt werden

22.09.2016 | 44 Min. | UT | Verfügbar bis 22.09.2017 | Quelle: WDR

Sie organisieren und tarnen sich, um ihrem kranken Verlangen zu folgen: Viele Sexualtäter sind in guten Jobs und kümmern sich scheinbar selbstlos um bedürftige Kinder. Je etablierter eine Person im sozialen Leben verankert ist, desto unwahrscheinlicher gerät sie in Verdacht. Ihre Opfer sind die Schwächsten: Kinder.

Sexueller Missbrauch in Kirche – Kirche tut sich schwer damit, den Missbrauch durch Würdenträger lückenlos aufzuklären.

Sexueller Missbrauch in Kirche – Kirche tut sich schwer damit, den Missbrauch durch Würdenträger lückenlos aufzuklären.

Berlin  Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester gerät ins Stocken. Es ist nicht das erste Problem des Projekts.

Eigentlich wollten die Forscher Ende 2017 die Ergebnisse vorlegen – nun wurde die Frist für die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche bis September 2018 verlängert. „Aufgrund des Umfangs und auch der Komplexität ist dieser Schritt notwendig.“, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom Montag.

Die katholische Kirche hatte sich mit dem Zugang zu den internen Akten, die über den sexuellen Missbrauch „durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ Aufschluss geben sollen, lange schwer getan. Ein erstes Forschungsprojekt mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer war gescheitert, weil dieser der Kirche vorwarf, seine Forschung zensieren und kontrollieren zu wollen. Das Angebot der Kirche, Opfer finanziell zu entschädigen, wurde zudem lange als Strategie verstanden, sich der Aufklärung zu entziehen.

1700 Anträge von Betroffenen liegen vor

Nachdem Pfeiffer seine Zusammenarbeit aufgekündigt hatte, beauftragte die Bischofskonferenz im März 2014 Eine Forschergruppe um Professor Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim als Koordinator mit dem Projekt. Er wollte eigentlich Ende des Jahres seinen Bericht vorlegen. Daraus wird nun nichts.

Das Ausmaß des Missbrauchs ist immer noch nicht klar. Insgesamt 1700 sogenannte „Anträge auf Anerkennung des Leid“ liegen laut Bischofskonferenz inzwischen vor. Der Missbrauchsskandal hatte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse.

Therapeutin über Sextäterinnen: “Um zu vergewaltigen, braucht man keinen Penis”

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Kindesmissbrauch, Sexualdelikte

colourbox.deEine 25-jährige Lehrerin aus North Carolina verführt drei ihrer minderjährigen Schüler. (Symbolbild)

Ein spektakulärer Missbrauchsfall aus den USA zeigt, dass auch Frauen zu Sexualstraftätern werden können. Wir fragen eine Expertin, wie oft sexueller Missbrauch durch Frauen vorkommt und warum Jungen als Opfer von weiblicher Gewalt oft bagatellisiert werden.

Erst kürzlich schockierte ein Missbrauchsfall, der sich an der Rocky Mount Preparatory School im US-Bundesstaat North Carolina ereignete: Eine 25-jährige Lehrerin verführte drei ihrer minderjährigen Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren zum Sex. Derzeit sitzt Erin McAuliffe in Untersuchungshaft im Bezirksgefängnis von Carteret – die Anklage lautet auf drei Fälle von sexuellen Beziehungen zu Schülern und einen Fall von Missbrauch von Schutzbefohlenen.

Bei einer Verurteilung drohen der jungen Amerikanerin bis zu 20 Jahre Haft. Über Frauen, die Sexualstraftaten begehen, männliche Opfer und die Frage, warum bei Jungen Missbrauch oft lapidarisiert wird, sprachen wir mit Ursula Enders. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin des Kölner Vereins Zartbitter, der als Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen fungiert und als Vorreiter auf diesem Gebiet gilt.

Sexualdelikte werden überwiegend von Männern verübt. Ist dieser Fall auch deshalb so brisant, weil es sich um eine Täterin handelt?

Ursula Enders: “Auch Frauen üben sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen aus, häufiger, als mancher denken mag. In rund 20 Prozent der Fälle werden   Missbrauchshandlungen durch weibliche Täter begangen.

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Enders: “Dazu nur soviel: Auch Täterinnen kommen ebenso wie männliche Täter aus allen sozialen Schichten, unabhängig von Bildungsstand oder kulturellem Hintergrund. In der Regel traut man ihnen die Gewalthandlungen nicht zu.”

Wodurch unterscheiden sich männliche von weiblichen Sexualstraftätern?

Enders: “Es gibt keine Unterschiede. Machtausübung und Unterwerfung sind die zentralen Beweggründe für Täter, um sexuelle Gewalt anzuwenden – bei männlichen wie bei weiblichen. Man kann Kinder mit Gegenständen vergewaltigen, dazu braucht man keinen Penis. Allerdings ist es so, dass Frauen einen leichteren Zugang haben, weil ihnen öfter Kinder anvertraut werden. Man gesteht ihnen körperliche Nähe zu, auch wenn sie nicht angemessen ist, interpretiert sexuelle Übergriffigkeit oftmals als Pflege um, während die Umwelt bei Männern in ähnlichen Situationen sofort mit Entsetzen reagieren würde – das machen sich Täterinnen zunutze.”

Inwiefern spielt Abhängigkeit in der Beziehung zwischen Täter und Opfer eine Rolle?

Enders: “Wo Abhängigkeit besteht, finden Täter schnell potentielle Opfer. Deshalb muss zum Beispiel gerade an Schulen darauf geachtet werden, dass Lehrer ihr Berufs- und Privatleben trennen, auch in den sozialen Netzwerken, und Grenzen nicht verwischen. Es gibt jedoch auch Bereiche wie die Jugendarbeit, wo es nicht um Noten oder Abschlüsse geht, sondern die Jugendlichen Bestätigung und Anerkennung bekommen möchten und dadurch in emotionale Abhängigkeit geraten können. Ich weiß zum Beispiel von einer ehrenamtlichen Vormünderin, die psychische Gewalt ausgeübt hat, um einen jungen, unbegleiteten Flüchtling sexuell auszubeuten.”

Wenn eine Lehrerin ihre Schüler verführt wie in besagtem Fall – was genau geht da vor sich?

Enders: “In Jungengruppen gilt es als besonderes Zeichen der Reife, sexuelle Kontakte zu einer erwachsenen Frau zu haben. Das wiederum bringt den Jugendlichen bei ihren Freunden einen angesehenen Status ein. Also streben sie danach. Eine Lehrerin, die einen Schüler verführen möchte, zielt mit ihrer Strategie genau darauf ab, bemächtigt sich sozusagen des männlichen Bewertungssystems.”

Im öffentlichen Bewusstsein ist sexueller Missbrauch an Jungen weit weniger präsent als sexueller Missbrauch an Mädchen, wie auch von Beratungsstellen zu hören ist. Woran liegt das?

Enders: “Junge und Opfer, das geht nicht zusammen. Traditionell verbindet man mit dem männlichen Geschlecht Attribute wie Stärke, Durchsetzungsvermögen, Härte. Verletzlichkeit und Leiden kommen in der Zuordnung nicht vor. Abgesehen davon sind etwa zwei Drittel der Opfer Mädchen. Erst 2010, als die Missbrauchsfälle in Internaten publik wurden und insbesondere männliche Schüler betroffen waren, verlagerte sich der Fokus ein wenig.”

Ist es für betroffene Jungen deshalb auch schwieriger, darüber zu reden, was passiert ist, und Hilfe zu bekommen?

Enders: “Leider ja. Sich zu outen, wird mit Versagen gleichgesetzt. Meine Erfahrung zeigt, dass man die betroffenen Jungen darin bestärken muss, dass sie ein Recht auf Schutz vor sexuellen Belästigungen haben und dieses Recht auch einfordern dürfen. Und unsere Praxisarbeit zeigt zudem, dass sie Missbrauch nicht nur durch Erwachsene erfahren, sondern auch unter Gleichaltrigen. Sexuelle Gewalt wird zum Beispiel häufig als Tobespiel getarnt und in Mutproben oder Aufnahmerituale eingebaut. Und sie geht auch nicht selten von Mädchen aus. Ich habe schon erlebt, dass Jungen derart heftig in die   Hoden getreten wurde, dass sie operiert werden mussten.

Sie haben bereits in den 1990ern mit Ihrem Buch „Auch Indianer kennen Schmerz“, das sie zusammen mit dem Erziehungswissenschaftler Dirk Bange verfassten, auf die Problematik aufmerksam gemacht. Was hat sich seither verändert?

Enders: “Nicht viel. Selbst nach den 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsfällen an den Internaten und in der Kirche wurde auf politischer Ebene wenig unternommen. Den Beratungsstellen, die sich auch um männliche Opfer kümmern, mangelt es nach wie vor an guter Ausstattung und finanzieller Sicherheit. „Zartbitter“ ist das beste Beispiel, wir haben bis heute mit einer geringen Landesförderung und wenig politischer Unterstützung auf Landesebene zu kämpfen.”

Wo muss Ihrer Meinung nach heute am dringendsten angesetzt werden?

Enders:Die Prävention zielt in erster Linie auf Kitas und Kindergärten ab. Ein Drittel der Opfer allerdings ist älter als 12 Jahre. Und sexueller Missbrauch durch Gleichaltrige nimmt stetig zu. Das heißt: Schulen müssen zu sicheren Orten werden. „Zartbitter“ hat ein niedrigschwelliges Interventionsangebot gegen sexuelle Gewalt durch Gleichaltrige in Schulen und Verbänden entwickelt, das wir zurzeit erproben. Schon jetzt bestätigt die große Nachfrage die Notwendigkeit.”

Hilfe für Betroffene

Sexuelle Gewalt ist ein Problem für Mädchen und Jungen sowie für Erwachsene. Beim Hilfeportal Sexueller Missbrauch finden Betroffene und Angehörige Beratungsstellen, Notdienste und Therapeuten in ihrer Nähe. Das Hilfetelefon erreichen Sie kostenfrei und anonym unter 0800-22 55 530.

Von Montag bis Samstag können Sie sich zwischen 14 und 20 Uhr außerdem an die “Nummer gegen Kummer” wenden unter 116111.

Im Video: Sexuelle Gewalt: Diese drastischen Bilder könnten Ihnen bald auf der Straße begegnen

Sexuelle Gewalt: Diese drastischen Bilder könnten Ihnen bald auf der Straße begegnen

Erbärmliches Machtspiel

Erbärmliches Machtspiel

Von  

Soll die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ihren Namen verdienen, muss Detlev Zander eingebunden werden.

Es ist ein Ringen um den richtigen Weg der Aufarbeitung. Foto: Pascal Thiel
Es ist ein Ringen um den richtigen Weg der Aufarbeitung.Foto: Pascal Thiel

Korntal-Münchingen – Der neuerliche Anlauf zur Aufarbeitung entzweit die Gruppe um Detlev Zander. Dessen Netzwerk steht vor einem Scherbenhaufen- ob Zander nun zurücktritt oder nicht. Mancher, der den Mann, der die Vorfälle publik machte, kritisiert, ahnte, dass es so kommen würde, wenn die finanzielle Anerkennung des Leids winkt. Doch Häme ist fehl am Platz.

Tatsächlich treiben derzeit andere die Aufarbeitung voran. Die Brüdergemeinde und die zweite Opfergruppe haben Wissenschaftler engagiert, die Unterlagen sichten und Opfergespräche führen. Zanders Netzwerk hat sie nicht mitbeauftragt und hat sich deshalb ins Abseits manövriert. Es ist auf beiden Seiten ein Spiel mit und um die Macht. Das ist erbärmlich.

Just daran krankte der neuerliche Anlauf zur Aufarbeitung seit jeher, daran krankt er weiter. Zander auszuschließen, bedeutet, zig heikle Informationen wissentlich ungenutzt zu lassen. Es muss daher im Interesse aller sein, Zander einzubinden. Denn nur so wird die Aufarbeitung selbst für die Brüdergemeinde nicht zum Feigenblatt im Umgang mit einem unrühmlichen Kapitel ihrer Historie.