Kann das funktionieren: evangelikal sein in der Politik? Oder auch “nur” christlich sein, als Politiker?

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Kann das funktionieren: evangelikal sein in der Politik? Oder auch “nur” christlich sein, als Politiker?

Ulrike Heitmüller  Quelle: Telepolis

 

Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn sich Evangelikale engagieren? Evangelikale und Fundamentalisten in den USA – doch kein Schreckensbild? Der Einfluss konservativer Christen in den USA wird in Deutschland oft als wahres Schreckensbild gezeichnet. Eine empirische Analyse zeigt ein etwas anderes Bild.

Esther Hornung hat in ihrer Dissertation1 gefragt: “Welchen Einfluss hatte protestantischer Fundamentalismus wirklich auf die nationale Innenpolitik der USA zwischen 1980 und 1996? Wie gestaltete und gestaltet sich dessen Verhältnis zum politischen System?” Letztlich ist es auch eine sozialethische Frage, nämlich nach der Bedeutung von Fundamentalismen für die Kirche in der modernen Gesellschaft. Sie hat aus einer Untersuchung von sieben Gemeinden im Mississippi Delta, Arkansas, geschlossen, dass “sich mittels der Entstehung der NCR [New Christian Right / Neue Christliche Rechte] seit den siebziger Jahren fundamentalistische Kirchen in wachsendem Maße an der Regierung der USA beteiligen konnten […] Fundamentalismus kommt dort zum Ausbruch, wo traditionelle ländliche Kultur und moderne Stadtkultur aufeinanderprallen.”

Aber, salopp gesagt, kein Grund zur Aufregung: Die NCR hat zwar seit Mitte der 1970er Jahre teil am politischen Geschehen der USA. Und das Wahljahr von 1996 bezeichnet, so Hornung, “einen Wendepunkt in der Entwicklung der NCR. Sie hatte sich zwar als feste politische Kraft etabliert, war allerdings gleichzeitig an ihre Grenzen gekommen. Die republikanische Partei hatte gezeigt, dass sie nicht bereit war, sich von ihren durch die NCR gewonnenen Mitgliedern beherrschen zu lassen.”

Das amerikanische System ist von “checks and balances” geprägt und von Pragmatismus beherrscht. In Deutschland ist das religiöse System ein anderes Während Kirchen in den USA ihre Unabhängigkeit pflegen, stehen in Deutschland Landeskirchen im offiziellen Dialog mit dem Staat, lassen Kirchensteuern eintreiben und ihr Personal an staatlichen Hochschulen ausbilden.

Hier geht es eher um einzelne Menschen; das Thema von Evangelikalen in der Politik ist unter drei Blickpunkten relevant: Sei es, dass Politiker evangelikale Organisationen wie Pro Christ oder die Evangelische Allianz unterstützen oder zu einer Freikirche gehören, sei es, dass sie die Bedeutung ihres Glaubens für ihren Beruf thematisieren, oder auch, dass sie oder ihre Parteien Ansichten vertreten, die konservativ christlichen Positionen entsprechen, ohne sich jedoch explizit christlich zu nennen.

 Dass jemand in die Politik geht, um seine christlichen Positionen zu verbreiten, ist klar bei Grüppchen wie der Partei bibeltreuer Christen, fällt aber kaum ins Gewicht. Wenn Politiker Organisationen wie Pro Christ oder die Evangelische Allianz Deutschland unterstützen, oder zu einer Freikirche gehören … … erregt dies immer mal wieder Aufsehen.

So fragte der Stern die Ex Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in einem langen Interview nach ihrer Mitgliedschaft in der sehr konservativen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Zu dieser sollen auch Erika Steinbach (die eine Anfrage von Telepolis nicht beantwortet hat) und Friede Springer gehören. Schröder wusste kurz und knapp zu antworten: Ihre Kirche sei nicht “evangelikal, sondern altkonfessionel”, und sie selbst sei “in einem kritischen Dialog mit der SELK”. “Ich wurde”, So Schröder, “in dieser Kirche getauft und konfirmiert, vertrete aber sehr wohl eine unabhängige Meinung.” So seien ihre politischen Positionen “fast immer konträr zur SELK” gewesen: “Ich habe für die Präimplantationsdiagnostik gestimmt, für die Ausweitung der Stammzellforschung, und ich habe während meiner Amtszeit als Familienministerin massiv die Gelder für künstliche Befruchtung erhöht. Außerdem habe ich dafür plädiert, homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichzustellen.”

Auch der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder ließ eine Presseanfrage von Telepolis unbeantwortet. Mariam Lau hatte in der Welt geschrieben: “Volker Kauder findet zwar, dass sein Glaube mit der Bezeichnung ‚Evangelikaler‘ nicht ausreichend beschrieben ist. Aber er fühlt sich wohl bei der ‚Evangelischen Allianz‘.” Laut Welt scheint der Begriff “evangelikal” für Kauder kein Schimpfwort zu sein: “Er spricht von ‚Erbauung, Ermahnung und Trost‘ als Hauptsäulen des Evangelikalen. Die Bibel als Gottes unmittelbares Wort, der Auftrag zur Mission, die große Bedeutung des Lebens Jesu für den eigenen Alltag, die Sündhaftigkeit des Menschen, die nur durch einen Gnadenakt Gottes und durch den Opfertod Jesu erlöst werden kann – all das lässt Kauder für sich selbst gelten.

” Der Politiker veröffentlicht allerdings selber einiges zu seinem christlichen Menschenbild in der Politik auf seiner Website: Als Mitglied einer Partei, die seit mehr als 60 Jahren das ‚C‘ in ihrem Namen führt, und als bekennender Christ ist das christliche Menschenbild der zentrale Leitfaden meiner politischen Überlegungen und Entscheidungen.

Die unantastbare Würde und fundamentale Gleichheit jedes Einzelnen, begründet durch die Gottesebenbildlichkeit. Die Freiheit des Menschen, die wir an vielen Stellen der Bibel finden, zum Beispiel bei Paulus in seinem Brief an die christlichen Gemeinden in Galatien. (Volker Kauder)

Kauder begründet seine Überzeugungen als Politiker mit seinem christlichen Glauben. Das ist gerade für aktive Politiker nicht ganz einfach – zu heikel die notwendigen Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zu groß das Risiko für den Vorwurf, weltfremd zu sein.

Wenige Politiker thematisieren die Bedeutung ihres Glaubens für ihren Beruf Ein Beispiel ist Günther Beckstein, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident, Mitglied im Kuratorium von ProChrist. Er äußert sich immer wieder explizit zum Thema: “Mein Glaube war mir auch im politischen Leben wichtig. Es hat mir sehr geholfen zu wissen, dass ich nicht selbst der Allerhöchste bin, sondern dem Allerhöchsten verantwortlich bin. Dies gibt Mut und Demut.

” Anders als es seine Mitgliedschaft bei ProChrist vermuten lässt, mailt er: “Ich selbst bin nicht evangelikal; ich war 14 Jahre lang Synodaler der Evangelischen Landeskirche in Bayern, 6 Jahre Synodaler und Vizepräses der EKD und gehörte 6 Jahre der Kirchenleitung der VELKD an; die Evangelische Akademie Tutzing (also eine ganz bestimmt nicht evangelikale Einrichtung der ELKB) hatte mich über mehr als 5 Jahre als Leiter des Politischen Clubs ausgewählt. Dies bedeutet, dass ich in der Amtskirche sehr engagiert war (dies auch heute noch ohne formale Ämter bin). Aber ich habe meinen evangelischen Glauben ernst genommen, entstamme dem CVJM, der mich in meiner Jugend sehr geprägt hat, und halte die pietistischen Wurzeln der

Amtskirche für wichtig als eine der verschiedenen Richtungen, die die EKD als Kirche der Freiheit prägen.” Becksteins Glaube, wenn auch nicht unbedingt seine eher konservative Ausrichtung, hat sich durchaus auf seine politische Haltung und seine Entscheidungen ausgewirkt: “Ich habe versucht, als Politiker das Recht einzuhalten, trotzdem in einzelnen Härtefällen eine rechtsstaatlich einwandfreie Lösung zu finden: Für die Möglichkeit der Einführung von Härtefallkommissionen habe ich deshalb hart (und erfolgreich) gearbeitet.

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Die Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist eine evangelikale Gemeinde, in der Kinder und Jügendliche in den Kinderheimen Korntal und Wilhelmsdorf jahrelang von Mitarbeitern, und Gemeindemitglieder misshandelt, vergewaltigt, gedemütigt worden sind. Auch der religiöse Zwang spielte eine wichtige Rolle im Missbrauchsskandal. Es wurde vertuscht, bagatellisiert. Die Kinder und Jugendlichen waren den evangelikalen Christen in Korntal völlig ausgeliefert.

Der längst verstorbene ehemalige Vorsteher der  Brüdergemeinde Korntal Erwin Rebel sagte:

Wir möchten aus diesen Kinder, gute Menschen machen für diese und jene Welt!

Detlev Zander 

 

Evangelikale Christen sind besonders strenggläubig

Welt am Sonntag

Evangelikale als eine Macht in der deutschen Politik

Von Mariam Lau

Evangelikale Christen Quelle: picture alliance / landov/landov

Evangelikale Christen sind besonders strenggläubig

Strenggläubige evangelische Christen, denen die Bibel als getreues Wort Gottes gilt, leben nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gibt es sie. Mehrere Unionspolitiker, darunter CDU-Fraktionschef Volker Kauder, gehören dazu. Die Balance zwischen Glauben und realistischer Politik ist für sie oft schwierig.

Evangelikale – das Wort hört jemand wie der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Volker Kauder, über sich selbst nicht so gern. Es klingt zu sehr nach gefährlichem Irrsinn, nach Fernsehpredigern, die im Keller eingelegte Gurken für das Jüngste Gericht deponieren.

Aber es gibt in der deutschen Politik quer durch das Parteienspektrum Menschen, die nicht einfach nur „evangelisch“ sind, sondern ein bisschen mehr als das. „Wenn es eine aufsteigende Linie gibt von ‚gläubig’ bis ‚evangelikal’“, sagt der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke über sich, „dann bin ich da irgendwo am oberen Ende.“

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, kürzlich zur Präses der EKD-Synode gewählt, hält nichts von den „Evangelikalen“. Sie bezeichnet sich aber selbst als „fromm“. Auch die Kanzlerin ist gläubig, aber sie ist nicht „fromm“.

Niemand weiß genau, wie viele Evangelikale es in Deutschland gibt. Sie können lutherisch, reformiert oder baptistisch sein. Manche gehören zu den evangelischen Landeskirchen, andere zu Freikirchen. In der rund 160 Jahre alten „Deutschen Evangelischen Allianz“ sind angeblich 1,3 Millionen Menschen Mitglied.

Es ist keine Frage, dass die „Allianz“ der Union am nächsten steht. Bei Bundestagungen des Evangelischen Arbeitskreises der CDU stehen regelmäßig ihre Stände. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und der Vorsitzende der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag, Steffen Flath, gehören zum Kuratorium des Evangelisten-Netzwerks „Pro Christ“.

“Erbauung, Ermahnung, Trost”

Nur Passanten hat es gewundert, als im Sommer 2007 mitten auf der Berliner Prachtmeile Unter den Linden der CDU-Abgeordnete Hans-Joachim Fuchtel mit einer kompletten Schwarzwälder Trachtenkapelle und zahlreichen evangelikalen Organisationen für die Besserstellung von Familien demonstrierten. Die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Böhmer, und der Vorsitzende der Senioren-Union, Otto Wulff, schickten Grußworte, als christliche Lebensschützer mit tausend weißen Holzkreuzen in der Berliner Innenstadt gegen Abtreibungen protestierten.

 

Volker Kauder findet zwar, dass sein Glaube mit der Bezeichnung „Evangelikaler“ nicht ausreichend beschrieben ist. Aber er fühlt sich wohl bei der „Evangelischen Allianz“. Er spricht von „Erbauung, Ermahnung und Trost“ als Hauptsäulen des Evangelikalen. Die Bibel als Gottes unmittelbares Wort, der Auftrag zur Mission, die große Bedeutung des Lebens Jesu für den eigenen Alltag, die Sündhaftigkeit des Menschen, die nur durch einen Gnadenakt Gottes und durch den Opfertod Jesu erlöst werden kann – all das lässt Kauder für sich selbst gelten.

Es erfüllt ihn mit einem gewissen Stolz, wenn sein Freund und Fraktionskollege Georg Brunnhuber von ihm sagt: „Der Kauder ist der katholischste Protestant, den ich kenne. Wenn’s ums C geht, wird der zur Dampfwalze.“

Abtreibung? “Nur nach Vergewaltigung”

An der Wand hinter dem Schreibtisch hat der Fraktionschef ein großes Foto von der Privataudienz stehen, die ihm Benedikt XVI. zu Pfingsten gewährte. Für ihn, Sohn einer Vertriebenenfamilie aus dem ehemaligen Jugoslawien, die vom baden-württembergischen Pietismus geprägt ist, gehört die Verbindung von wirtschaftlichem Erfolg und Prädestinationslehre quasi zum Lokalkolorit.

Aber ganz leicht ist es mit dem Glauben und der Politik nicht immer. Scheidung, Abtreibung, Homosexualität – da kann Kauder oft nicht so reden, wie er vielleicht gern würde. „Der einzige Fall, wo ich Abtreibung akzeptiere, ist nach einer Vergewaltigung“ – findet Kauder. Aber er spricht es nur selten aus. Bei der Homo-Ehe traut er sich schon mehr Offenheit. Mit der Privilegierung der Ehe sei diejenige zwischen Mann und Frau gemeint – wobei man natürlich auch andere Formen von Partnerschaft toleriere. Nicht alles lässt sich mit einer Dampfwalze erledigen.

Der CDU-Politiker Hermann Gröhe, als Staatsminister im Bundeskanzleramt zuständig für Bund-Länder-Beziehungen und Bürokratieabbau, kommt aus einer evangelischen Kirchengemeinde in Neuss. Am Niederrhein sind die Protestanten traditionell stark reformiert geprägt inmitten einer katholischen Mehrheitskultur.

“Schon fast katholisch”

Seine Eltern, Flüchtlinge aus Sachsen, sind lutherisch geprägt. Den Reformierten erschienen die lutherischen Flüchtlinge mit ihrer stärkeren liturgischen Prägung „schon fast katholisch“. Für einen heimlichen Katholiken hält er sich jedoch keineswegs. „Ich fühle mich sehr wohl in meiner Kirche, auch weil in ihr Frauen und Männer, ordinierte Theologen und Nicht-Theologen gemeinsam Leitungsverantwortung tragen.“

Herman Gröhe, der dem Rat und der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört, glaubt, dass man es sich in Deutschland mit den amerikanischen Evangelikalen zu leicht macht: „Zuerst wurden sie ignoriert, nun werden sie dämonisiert.“ Zu lange habe man bei uns „Gottvergessenheit für Aufgeklärtheit“ gehalten. „Natürlich ist es für uns befremdlich, wenn der Irak-Krieg in religiöser Sprache gerechtfertigt wird“, meint er, „aber bei Martin Luther King haben wir dann wieder gar nichts gegen die enge Verbindung von Religion und Politik.“

Gröhe ist nach Amerika gefahren, hat Gottesdienste in Chicago erlebt, in San Diego in einer afroamerikanischen Gemeinde mit über 2000 Menschen oder in einem Kino im Hauptbahnhof in Washington DC. Manches blieb ihm fremd. „Aber ich kann vielem meinen Respekt nicht versagen.“ Es gefällt Hermann Gröhe, dass sich die amerikanischen Evangelikalen in ihrem politischen Engagement nicht mehr nur auf Abtreibung und die Bekämpfung der Homo-Ehe beschränken, sondern inzwischen auch Armutsbekämpfung, Menschenrechte und der Klimaschutz auf ihrer Tagesordnung sind.

“Respekt vor der älteren Schwester-Religion”

Die Judenmission – für viele Evangelikale selbstverständlicher Teil ihres Glaubens – ist für Gröhe „kein Ziel“. Kürzlich hat er in Berlin beim Internationalen Rat der Christen und Juden vor Teilnehmern aus aller Welt gesprochen. „Ich habe großen Respekt vor der älteren Schwester-Religion. Und es macht mich froh zu sehen, dass in Deutschland das jüdische Gemeindeleben wächst. Das steht für mich an erster Stelle.“ Was Gröhe das „zum Christsein gehörende, einladende Glaubenszeugnis“ nennt, könne aber niemanden ausschließen. Explizit missionieren, nach allem was geschehen ist – das kommt ihm nicht über die Lippen.

Früher hat es in der EKD zwei Flügel gegeben: die sozial Engagierten und die missionarisch Aktiven. Durch den Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber, ebenfalls im Kuratorium von „Pro Christ“, sind die beiden Flügel enger zusammengerückt. Zwar gibt es im Kanzleramt keine Andachten, wie im Weißen Haus des George Bush. „Aber man spürt schon“, meint Gröhe, „dass hier Menschen zusammen arbeiten, deren Kompass der christliche Glaube ist.“

Kanzleramtschef Thomas de Maizière, im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags, würde unterschreiben, was Hermann Gröhe über sein Christsein sagt: „Der Glaube an Jesus Christus gibt mir Halt im Leben und – wie ich hoffe – auch im Sterben. Das würde ich von einem Parteiprogramm nie sagen.“

Missbrauchsskandal Korntal „Gewalt war eine ständige Bedrohung“

Missbrauchsskandal Korntal„Gewalt war eine ständige Bedrohung“

Früher sollten Heimkinder mit Buße zur Frömmigkeit erzogen werden. Wer gegen Regeln verstieß, wurde hart bestraft. Ein Auswuchs dieses Systems war sexueller Missbrauch. Professor Benno Hafeneger untersucht, wie das bei der Brüdergemeinde war.

Szene aus Kinderheimen in der Nachkriegszeit Foto: Archiv Verein ehemaliger Heimkinder
Szene aus Kinderheimen in der Nachkriegszeit Foto: Archiv Verein ehemaliger Heimkinder

Korntal-Münchingen – Kirche, Staat, Eltern – für die Heimerziehung der fünfziger und sechziger Jahre waren viele verantwortlich. Doch das Schicksal etlicher Kinder zeigt: Alle haben versagt. Keiner könne sich der Verantwortung entziehen, sagt der Wissenschaftler Benno Hafeneger.

Herr Hafeneger, Sie äußern sich nicht im Detail zu Korntal. Gleichwohl sprechen Sie bereits von einem System der Gewalt. Schließen Sie in Korntal irgendetwas aus?
Zunächst gilt, dass seriöse Wissenschaft der methodisch geleiteten Suche nach der Wahrheit verpflichtet ist. Das gilt auch für die Aufklärung in Korntal. Hier wird allen Spuren, Hinweisen und Fragen empirisch nachgegangen und nichts ausgeschlossen. Bisherige Berichte über Heime zeigen eine Verschränkung von sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt oder auch von Medikamentenmissbrauch in Einrichtungen, die autoritär und von der Außenwelt abgeschottet waren und kaum kontrolliert wurden. Das meine ich mit System der Gewalt als ein System, in dem Gewalt möglich war.
Das klingt nach einem Zirkelschluss.
In Heimen herrschte bis in die 1970er Jahre vor allem eine strafende Pädagogik, das heißt eine Vorstellung, dass Kinder bei Fehlverhalten zu bestrafen sind. Sexualisierte Gewalt war auch damals strafbar, kam aber im Schutz des abgeschlossenen Systems Heim vor. Warum sollte das in Korntal anders gewesen sein?
Ein Aspekt Ihrer Untersuchung wird sicher auch die religiöse Gewalt sein.
Die Heime waren weitgehend in der Trägerschaft der beiden großen Kirchen. Hier hatte eine christlich begründete Erziehung einen besonderen Stellenwert. In Korntal gilt die Aufmerksamkeit der spezifisch evangelikal-pietistischen Praxis. Ich will drei Aspekte hervorheben. Erstens: Alle mussten an Gebeten, Gottesdiensten und weiteren Riten teilnehmen. Diese einschüchternde Religionspraxis produzierte Ängste und auch Abneigung gegenüber der Kirche. Zweitens zeigt sich ein negatives Kinderbild, das mit Begriffen wie sündhaft, triebhaft, gefährdet und verwahrlost versehen wurde und bei Kindern ein schlechtes Gewissen aufbauen sollte. Drittens bedeutete das Bild eines strafenden Gottes, dass der christliche Erzieher stellvertretend Gewalt ausüben durfte.
Gleichwohl ist die religiöse Gewalt nur eine von vielen angewandten Gewaltformen.
Man muss von einem mehrdimensionalen Gewaltverständnis ausgehen. Physische und psychische Gewalt waren alltäglich, sie waren eine ständige Bedrohung. Mit solchen Grenzüberschreitungen wird die körperliche und seelische Integrität verletzt. Den Kindern wird gezeigt, dass sie nichts wert sind.

Brüdergemeinde Korntal Aufarbeitung auf der Kippe

Aufarbeitung Missbrauch Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Vorsteher Andersen, Herr Geschäftsführer Glatzle, Herr Pfarrer Hägele,

sehr geehrter Diakonierat, Lenkungsausschuss, sehr geehrte Mitglieder der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, sehr geehrte Damen und Herren,

Ihnen  ist bekannt, dass wir von der Opferhilfe Korntal seit Jahren öffentlich gedemütigt, und verletzt werden. Wir haben insbesondere Ihren Vorsteher Klaus Andersen mehrmals darum gebeten, endlich einzugreifen. Unternommen in dieser Sache hat er bis jetzt noch nichts.

Wir erinnern uns an die diversen Schreiben, von Frau Porf. Dr. Wollf an die Herren, dem Leiter der Musikschule Korntal, Peter Meincke, sowie dem Korntaler Bürger Pätzhold, in dem damals ausdrücklich das Verhalten dieser Herren gerügt worden ist. Ihr Vorsteher Klaus Andersen spielte sogar mit dem Gedanken, die Herren anzuzeigen.

Ihre Strategie mag kurzfristig aufgehen, dies zeigt uns aber ganz deutlich, dass Sie aus Ihren Fehlern in der Vergangenheit nichts gelernt haben. Von Demut, Wahrhaftigkeit, sowie christlicher Nächstenliebe können wir an Ihrem Verhalten, und Ihrer nach innen eignest infizierten Aufarbeitung nicht erkennen. Ganz im Gegenteil, Sie lassen es erneut zu, dass Betroffene, die in Ihren Einrichtungen schwerstes Leid erleben mussten, erneut von Menschen verletzt werden. Mittlerweile kann der Eindruck entstehen, dass die Herren der Opferhilfe Korntal bewusst für Sie arbeiten. Nimmt Sie Ihnen ja sehr viel Arbeit ab, somit sind Sie aus der Schusslinie, der Öffentlichkeit, den Opfern, und der Presse wird suggeriert, dass es Ihnen ja so ernst ist mit der Aufarbeitung.

Wie passt es zusammen, nach all dem Treiben der Herren der Opferhilfe Korntal dass Sie es zulassen, dass ausgerechnet diese Herren in Ihrer Auftraggebergruppe sitzen, und Sie verhandeln mit diesen neuen Täter. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Sie eine Mitverantwortung haben, was hier täglich passiert. In der Vergangenheit wurde in Ihrer Gemeinde weggeschaut, nun wiederholt sich dieses Procedere. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen,  Ihr Verhalten ist inakzeptabel, und wir werden dies auch nicht mehr stillschweigend hinnehmen.

Wir fordern, erneut diese Kommission den Auftrag zu entziehen. Wer mit Tätern verhandelt, macht sich mitschuldig. Ihnen ist sehr wohl bewusst, wie Ihre  Moderatoren Rohr und Bautz mit uns umgegangen ist. Die Briefe von Rohr, man solle  den Verein Netzwerk Betroffenenforum e.V. nicht mehr informieren, oder sollte Zander weiter auf Weber beharren, wird es zu einer Spaltung kommen, und Rohr wird dann jemanden aus Frankfurt vorschlagen sind Ihnen bestens bekannt. Auch in der Sache sind Sie nicht tätig geworden.

Wir warten bis heute auf die Stellungnahme Ihrer Moderatoren.  Auch diese Strategie wir von keiner Nachhaltigkeit geprägt sein. Wir bleiben auch an diesem Thema dran, und erwarten eine Erklärung von Rohr.

Ihnen mag das Verhalten von Rohr in die Hände gespielt haben, wir hatten den Eindruck Sie waren bestens informiert über die Machenschaften. Wir verurteilen weiterhin Ihr Verhalten in dieser Sache., unsere berechtigte Forderung Rohr zu entlassen haben Sie schlicht ignoriert, zu Ihrem Vorteil.

Brüdergemeinde Korntal Aufarbeitung auf der Kippe

Rohr und Bautz haben bewusst an Betroffene Falschmeldungen platziert, wie hätten uns aus dem Aufarbeitungsprozess zurückgezogen. Auch hier erwarten wir eine Erklärung.

Nun meinen Sie ernsthaft, Sie haben Ihr Ziel erreicht, Betroffene an einen Tisch zu haben, die in Ihre Konzeptzion passen, Aufklärer die von Rohr vorgeschlagen worden sind. Mag aus Ihrer Sicht sicherlich richtig sein.

Stammberger hätte niemals beauftragt werden dürfen, denn Sie ist mit vielen Vorurteilen gegenüber Zander in das Amt gehoben worden. Von Unabhängigkeit, wie es die Opfer und Öffentlichkeit versteht kann hier schon lange nicht mehr die Rede sein. Dies nehmen Sie billigend in Kauf.  Wir fragen uns schon, wie seriös Ihre Aufarbeitung ist.

Wir bemängeln, dass keine Standards, oder Leitlinien angewandt werden. Wir dumm kann man den eigentlich sein, Zander der seit drei Jahren täglich an der Aufklärung arbeitet, aus dem Verfahren zu kicken. Es kann vermutet werden, dass dies in Ihre Konzeption passt. Ihnen wäre es am liebsten, wenn Zander nicht mehr leben würde, denn da könnten Sie wie geplant Ihren Schnellwaschgang durchziehen. Sie Tümpeln mit Ihrer Aufklärung in tiefen Gewässern.  Trittbrettfahrer werden stillschweigend von Ihnen geduldet, und können Entscheidungen mittragen.

Aufklärung ist die Basis der Aufarbeitung, beides zusammen ist stümperhaft, und befriedet nur Sie als  Täterorganisation. Noch Schimmer Sie bieten  im gleichem Kontext den Opfern eine freiwillige Anerkennungsleistung von bis zu 5.000 € an, gerne auch etwas mehr.

Wir weisen ausdrücklich auf unser, drei Säulen Prinzip hin. Wir fragen uns schon, was Sie Anerkennen wollen, wenn die Aufklärung maßgeblich von Ihnen gesteuert wird.  Opfer mit Almosen zu locken, damit sie ihre Geschichte erzählen, ist gelinde gesagt pervers, perfide und grenzt an Erpressung.

Ihnen ist klar, dass für die Opfer solch ein Betrag sehr viel Geld ist, für Ihre Gemeinde sicherlich nicht. Sie selbst haben den Betrag ja überraschend bei einer Pressekonferenz verkündet.  Über die Hintergründe sind wir bestens informiert.

Hafenecker mag ein guter Wissenschaftler sein, der Sie gemeinsam mit Stammberger regelmäßig informiert. Zuletzt siehe Pressemitteilung von Rohr und Bautz. Dies halten wir für einen elementaren Fehler aus der Sicht der Opfer.

 Es bleibt dabei, Hören Sie endlich auf, den Opfern, der Öffentlichkeit und der Presse zu suggerieren, die Aufklärung sei unabhängig, und auf einem guten Weg. Unterbinden Sie weitere Verletzungen gegenüber Betroffenen, und deren Umfeld.

Die jetzige Aufarbeitung muss auf den Prüfstand, sie muss revidiert werden, Täter müssen sofort abberufen werden.In erster Linie geht es hier um die Opfer, die im Namen Jesu, in Ihren Einrichtungen, misshandelt, vergewaltigt und gedemütigt worden sind.   Wir erwarten von Ihnen niemals eine Entschuldigung, wir erwarten Respekt, Wertschätzung und vor allem Demut. Hören Sie auf Opfer gegeneinander auszuspielen.

Detlev Zander

Informationen:

Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Opferhilfe Korntal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview – Missbrauch in Korntaler Kinderheim? ” Mein Pädagogenherz tut einfach weh”

Interview – Missbrauch in Korntaler Kinderheim? 

 ” Mein Pädagogenherz tut einfach weh”

Als Heide Scherer von den Missbrauchsvorwürfen hörte, die ein 53-Jähriger gegen die  Korntaler Brüdergemeinde erhebt, war sie geschockt. Denn sie war im Kinderheim seine Lehrerin.

Heide Scherer
Die 71-jährige Heide Scherer lebt in Schopfheim (Kreis Lörrach)

SWR.de: Was verbindet Sie mit der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und dem dortigen Kinderheim?

Heide Scherer: Meine Arbeit dort, von 1968 bis 1971 in der Schule, als Klassenlehrerin. Ich war dort im Privatschuldienst, in einer Sonderschule für schwer erziehbare und verhaltensgestörte Kinder.

Wie haben Sie die Kinder erlebt, wie war die Situation im Kinderheim?

Die Kinder waren schon sehr besonders, sehr schwierig, sehr auffällig. Sie kamen aus sehr belasteten Familien. Es waren ja alles Kinder, die von Amtswegen den Familien weggenommen wurden. Und ich habe es so erlebt, dass die Kinder mich ausprobiert haben. Ein Junge hat mich beispielsweise immer wieder ins Bein gebissen, dabei meine Strumpfhosen zerrissen oder er hat schwere Jähzornsanfälle bekommen. In dem Moment war an normalen Unterricht nicht zu denken.

Erinnern Sie sich auch an einen Schüler namens Detlev Zander?

Ja, er war ein kleiner kompakter Junge, schüchtern, sehr korrekt, innerlich ängstlich, sehr sogar. Er wollte immer alles sehr richtig machen, hatte Angst, dass er einen Fehler macht. Er konnte schlecht sehen, hatte eine sehr starke Brille. Mir fiel immer wieder mal auf, dass er einen innerlich unsicheren Blick hatte. Da dachte ich noch drüber nach, aber da so sehr viel in der Klasse los war, bin ich dem nicht nachgegangen. Er wurde nach außen hin nicht auffällig, hat sich mehr nach innen gezogen.

Dieser Detlev Zander hat jetzt, Jahrzehnte später, schwere Vorwürfe erhoben, gegen die Diakonie der Brüdergemeinde. Er sagt, dass er dort vergewaltigt wurde, geschlagen und auch zu Zwangsarbeit genötigt. Wie geht es ihnen, wenn Sie das hören?

Das sind natürlich unheimlich schwerwiegende Vorwürfe. Von Vergewaltigung hab ich nichts gemerkt. Dass er geschlagen wurde, kann ich mir sehr gut vorstellen, das hätte auch sein verängstigtes Blicken und Dasein unterstrichen. Von der Zwangsarbeit wusste ich nichts. Das sind Vorwürfe – mein Pädagogenherz tut einfach weh. Ich war damals 26 Jahre alt, hatte keine Phantasie in der Hinsicht. Auch keine Routine. Wir hatten auch keine Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule damals. Das musste man alles aus dem Moment heraus entscheiden und bewältigen.

Detlev Zander als Kind / Detlev Zander heute
Detlev Zander damals und heute

Wie wirken solche Vorwürfe auf Sie?

Zuerst, nachdem ich davon gelesen hatte, hab ich mich total dagegen gestellt. Denn es gab auch gute pädagogische Arbeit und Engagement, man hat sich schon bemüht. Es war aber auch sehr streng dort. Andererseits muss man streng sein, sehr strukturiert, sonst fallen die Kinder sofort ins Chaos, weil sie aus dem Chaos kommen. Dann war ich sehr erschüttert, konnte und wollte es im Grunde nicht glauben. Zwei Tage später sagte ich mir aber, wenn es so war, dann will ich versuchen, zu helfen und aufzuklären.

Was passierte dann, als Sie sich auf die Vorwürfe einließen?

Mir kamen Bilder von Situationen mit Detlev vor Augen, wie solche, als der Hausmeister anklopfte und auch sofort in der Klassentür stand. Da alles so familiär dort war, hat mich das nicht gestört. Heute würde mich das sehr stören, in der staatlichen Schule. In meinen Erinnerungsbildern sagte er damals: “Detlev, dein Fahrrad ist nicht in Ordnung, das Licht geht nicht richtig, komm doch mal mit”. Detlev wollte nicht mit und ich sagte ihm, das sei doch nett von dem Hausmeister, geh doch mit Detlev, wenn dir das hilft. Dann ging er mit und kam nach einiger Zeit wieder. Nachdem ich jetzt die Sachen gelesen habe von Missbrauch und Vergewaltigungen, sehe ich das natürlich ganz anders an. Das ist, wie wenn aus einem Brunnen ganz tief eine Erinnerung hochsteigt.

Detlev Zander sagt, er sei vom Hausmeister jahrelang im Fahrradkeller vergewaltigt worden. Haben Sie noch weitere Erinnerungen, die seine Aussagen untermauern?

Brüdergemeinde Korntal
Großer Saal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Vorerst keine Aufarbeitung in Korntaler Brüdergemeinde

Ich weiß sicher, dass ein Zivildienstleistender vor der Schule stand und sich unwahrscheinlich darüber aufregte, wie es da zuginge. Über den Schulräumen im Erdgeschoss war noch eine Gruppe von Jungen, die dort zusammen lebten. Die Heimkinder lebten immer in familienähnlichen Gruppen. Der Zivi klagte, die würden übereinander herfallen. Ich hatte das Gefühl, der blickt nicht mehr durch, das belastet ihn unheimlich. Er machte mir auch einen aufgeregten hilflosen Eindruck. Und dann sagte er noch, er hätte gesehen, wie der Hausmeister Buben ins Gebüsch zieht. Und ich dachte: Im Gebüsch, das ist ja sehr unbequem, was macht man da mit einem Jungen? Ich hatte keine Vorstellung von Missbrauch, von erwachsenen Männern an kleinen Jungen. Ich bin traurig nach Hause gegangen und hab mir überlegt, ob ich was sagen soll, bei der Leitung. Ich habs aber nicht gemacht. Ich dachte auch: Ist das ein Gerücht oder stimmt das? Bei solchen Anschuldigungen wird man unsicher.

Sie sind damals auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sexueller Missbrauch sein könnte, was da stattfindet?

Nein, ich hab wohl gespürt, dass das komisch ist. Das macht man ja eigentlich nicht. Warum macht der Hausmeister sowas? Und ich hab auch einen Hauch gespürt, da kann was nicht stimmen, das ist nicht normal, das ist auch kein Spiel, das vielleicht ein Vater mit seinem Sohn spielt. Es war nicht Usus, dass man solche Dinge in der Heimschule auf den Tisch legt. Und sexueller Missbrauch war kein Thema damals 1968.

Und wenn Sie es gesagt hätten, hätte man Ihnen geglaubt?

Heide Scherer
Heide Scherer als junge Frau

Ich habe genau diese Geschichte mit der Sache im Gebüsch kürzlich meiner Freundin erzählt, die auch Lehrerin dort war. Sie sagte, die hätten mir nicht geglaubt und wahrscheinlich gesagt: Was hat die denn für eine komische Phantasie?

Was meinen Sie, muss jetzt passieren, auch seitens der Brüdergemeinde, nach all diesen Vorwürfen?

Auch wenn die jetzt Verantwortlichen damals nicht dabei waren, muss die Brüdergemeinde in Stellvertretung die sich Beklagenden an den Tisch holen, mit jemand Neutralem zusammen, der fähig ist, so eine Sache zu moderieren. Die zur Zeit Verantwortlichen müssen sich entschuldigen. Und sie müssen um Verzeihung bitten. Auch in ihrem eigenen Interesse muss die Brüdergemeinde anbieten, dass die Vorwürfe auf juristischer Seite geklärt werden. Denn die Brüdergemeinde hat einen hohen Anspruch an sich: Das Verhalten der Mitglieder der Brüdergemeinde soll widerspiegeln, wie Jesus sich den Menschen gegenüber verhalten hat.

Sie kennen ja das “heilige Korntal” gut. Wie haben Sie diese pietistische Gemeinde wahrgenommen?

Das ist wie immer, wenn die Moralvorstellung sehr hoch ist. Die Mitglieder versuchen dementsprechend zu leben. Alles, was nicht passt, wird in ein dunkles Loch geschoben. Die eigenen unangenehmen Seiten, die jeder Mensch hat, will man nicht sehen, blendet es aus. So habe ich es erlebt. Es ist halt eine unwahrscheinlich große soziale Kontrolle in diesem Gebilde. Jeder ist ein Teil der Gruppe und wird vom Anderen beäugt, ob das was er macht, richtig ist. Und dann gibt es einen großen Deckmantel, der darüber gebreitet wird. Ich habe das Gefühl, der Deckmantel wird immer enger und man kommt aus dem gar nicht mehr raus. Einerseits waren die Erzieher in der Schule überfordert und hatten wahrscheinlich auch zu wenig fachliche Begleitung. Und zum Anderen ist dieser fromme Deckmantel sehr gefährlich.

 Erneute psychische Gewalt in Korntal

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Missbrauch Brüdergemeinde KorntalErteute
 Erneute psychische Gewalt in Korntal

Im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal  gibt es erneut gegen Betroffene gezielt, gesteuerte psychische Gewalt.

Der Vorsteher der evangelikalen Gemeinde in Korntal bei Stuttgart Klaus Andersen nimmt dies billigend in Kauf.Sieht indes aber keinerlei Veranlassung etwas zu unternehmen, im Gegenteil, er nutzt diese erneute Verletzungen für die Zwecke seiner bibeltreuen Gemeinde, und toleriert, dass die Täter gemeinsam mit ihm an einem Tisch sitzen, und  ganz  Sinne der bibeltreuen Täterorganisation verhandeln.


Wir fordern Andersen unverzüglich auf, diese Kommission aufzulösen, und die neuen Täter öffentlich rügt, zur Vernunft und Zurückhaltung aufruft.
Täter haben in einer Aufarbeitungskommision keinen Raum und keinen Platz.

Sollte der Vorsteher Klaus Andersen der bibeltreuen Christen in Korntal unserer Forderung nicht nachkommen, werden wir Strafanzeige erstatten, wegen unterlassener Hilfeleistung. Wir sind überzeugt, diese Straftat ist noch nicht verjährt.
Wer so handelt, und es billigend in Kauf nimmt, dass Betroffene erneut verletzt, gedemütigt werden, der meint es nicht ernst mit der Aufklärung.

Detlev Zander Sprecher Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V.

 

 

 

 

 

“Schläge waren etwas ganz Normales”

“Schläge waren etwas ganz Normales”

Gloria von Thurn und Taxis relativiert Missbrauchsskandal

Gloria von Thurn und Taxis hat den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen relativiert. Auf die Frage, ob die Institution der Domspatzen den Missbrauch ermöglicht habe, sagte sie: “Das ist totaler Schmarrn.” Die Opfervertreter reagieren mit Fassungslosigkeit.

Von: Guido Fromm und Andreas Schrank

Stand: 21.07.2017 |Bildnachweis

Am Rande der Regensburger Schlossfestspiele äußerte Gloria von Thurn und Taxis sich zum Skandal bei den Domspatzen – hier Auszüge aus dem Abschlussbericht – und sagte dem Bayerischen Rundfunk, dass auch sie als Kind geschlagen wurde. Die 57-Jährige relativierte dies zugleich mit einem Verweis auf andere Zeiten: “In meiner Jugend waren Schläge ein ganz normales pädagogisches Mittel, um mit frechen Kindern, wie ich eines war, fertig zu werden.” Gloria betonte auch, sie fände es unfair, heutige Maßstäbe auf frühere Dekaden anzuwenden. “Das geht nicht. Die Welt hat sich verändert.”

“Sexuellen Missbrauch gibt es überall”

Beim Thema sexueller Missbrauch wies sie darauf hin, dass dieser in vielen Bereichen geschehe. Es sei Aufgabe der Eltern, ihre Kinder darauf hinzuweisen. Auf die Frage, ob die Institution den Missbrauch ermöglicht habe, reagierte Gloria von Thurn und Taxis empört:

“Das ist totaler Schmarrn. Das ist einfach richtig gemein. In jeder Schule, in jedem Sportverein gibt es dieses Phänomen und das wird es auch immer geben. Man geht gerne auf die Kirche los und das ist ein gefundenes Fressen.”

Gloria von Thurn und Taxis

Opfer sind empört

Opfer-Sprecher Alexander Probst sagte zum Bayerischen Rundfunk, Gloria solle es “für alle Zukunft unterlassen, dumme und undifferenzierte Aussagen zu treffen” über Dinge, von denen sie keine Ahnung hat.

“Man mag es nicht glauben. Die Qualität dieser Aussagen passt zum Level einer Person, die den Schwarzen gerne schnackseln sieht.”

Alexander Probst, Opfer-Sprecher

Probst war als Elfjähriger bei den Domspatzen missbraucht worden und beteiligte sich in den vergangenen Jahren intensiv am Aufarbeitungsprozess. “Bei den Domspatzen sind fortgesetzte schwere Körperverletzungen an der Tagesordnung gewesen. Und wer so etwas heute noch abtut mit ‘so etwas war damals normal’, der hat wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun”, sagte Probst.

“Müller muss sich nicht entschuldigen”

Zum Streit um eine Entschuldigung des ehemaligen Regensburger Bischofs und heutigen Kardinals Gerhard Ludwig Müller sagte Gloria von Thurn und Taxis, dass dieser “gar nicht verantwortlich” für die Vorgänge sei. Das sei ja weit vor seiner Zeit gewesen.

187. Der Wald und die Bäume

Wer jeden Baum als Einzelfall abtut, wird den Wald nicht erkennen.
Wer argumentiert, dass „es halt so war“, „dass es normal war“, dass es“ dieses Phänomen gibt und auch immer geben wird“, der bleibt blind für das System von Herrschaft und Unterwerfung und blind für das System von Narzissmus und Komplentärnarzissmus.
Und die Profiteure dieses Systems haben auch wenig Motivation das System zu verlassen und sind auch wenig erfreut, wenn andere dieses System in Frage stellen und verlassen möchten.

  • Antwort von Barbara, Samstag, 22.Juli, 13:34 Uhr anzeigen

  • Antwort von Johanna, Samstag, 22.Juli, 14:25 Uhr anzeigen

isabel martin, Samstag, 22.Juli, 12:56 Uhr

186. ratzinger domspatzen

WIE immer:Religion- WELCHE auch immer- war ,ist und bleibt der Hauptgrund für Kriege,Verfolgungen,Bestrafungen,Katastrophen aller Art .Religion ist, wie auch schon immer bekannt war( Kommentar earth spirit-) eine Ausrede für Machtbesessenheit und Machtkampf, für das Ausleben von Phantasien und wirren Ideen jeglicher Art.
Heißt aber nicht, dass es das alles ohne die praktische Rechtfertigung “Religion” nicht gäbe… (praktisch deshalb, weil alles im Namen einer Phantasievorstellung verantwortet wird,weil ein voll Unangreifbarer,sozusagen eine Märchenfigur, an die man glauben WILL, der Grund für alles ist).
Die Menschen würden immer irgendeinen Grund zum Kämpfen, Vernichten und Streiten finden.Religion ist, wie gesagt, einfach am Praktischsten.
Religionsanhänger brauchen etwas -jemanden-, dem sie alles in die Schuhe schieben können, den sie anflehen können, anbeten können, verehren können, für den sie ALLES tun- und dafür gefälligst auch Belohnung erwarten, egal welche.Hallelujah.

  • Antwort von Barbara, Samstag, 22.Juli, 13:25 Uhr anzeigen

Heinrich Romeis, Samstag, 22.Juli, 12:36 Uhr

185. Thurn und Taxis

was Sie hier von sich geben, ist unerträglich. Ich respektiere viele unmögliche Ansichten, aber bei Ihren Ausführungen ist meine Toleranzgrenze erreicht. Das was Sie hier von sich geben, ist eine Verhöhnung der Opfer. Sie und Ihresgleichen sind mit ein Grund, warum ich nicht mehr der kirchlichen Gemeinschaft angehöre. So traurig Ihre Aussage ist, muß ich Ihnen in einem Punkt recht geben. Schläge waren in der Kirche normal. Ich erinnere mich noch sehr gut an die diversen Watsch von unserem Pfarrer und Religionslehrer, weil ich schon als Junge ein kritisches Verhältnis zur Kommunion und Konfirmation hatte. Mit Ihrem Kommentar haben Sie Ihren wahren Charakter offen gelegt. Ich empfinde es als Schande, dass man Ihnen so ein öffentliches Forum bietet. Und dazu noch im Bayerischen Fernsehen. Das hat nichts mehr mit Information zu tun, sondern es grenzt an Volksverhetzung unter Zuhilfenahme eines öffentlich-rechtlichen Mediums.

  • Antwort von Barbara, Samstag, 22.Juli, 13:27 Uhr anzeigen

  • Antwort von Johanna, Samstag, 22.Juli, 14:39 Uhr anzeigen

Barbara, Samstag, 22.Juli, 12:31 Uhr

184. Wer war für die Vorschule in Etterzhausen und Pielenhofen überhaupt zuständig?

Für die Vorschule in Etterzhausen und Pielenhofen war jedenfalls Georg Ratzinger NICHT zuständig! Leute, die meinen, sie müßten unentwegt auf “die Kirche” dreinschlagen und als Sündenbock hinstellen, sollten sich erst einmal vergewissern, WER überhaupt für diese Vorschule zuständig war!

  • Antwort von Angelika Oetken , Samstag, 22.Juli, 12:41 Uhr anzeigen

  • Antwort von Johanna, Samstag, 22.Juli, 14:02 Uhr anzeigen

  • Antwort von Haderner, Samstag, 22.Juli, 14:02 Uhr anzeigen

Earth Spirit, Samstag, 22.Juli, 12:08 Uhr

183. Kirche

Ob die liebe Gloria auch so argumentieren würde, wenn Sie selbst mißbraucht worden wäre oder ihre Kinder ?

Dieser ganze katholische irrwitz ist darüber hinaus vollkommen überflüssig. Der Glaube an eine Institution und deren Vertreter, die angeblich im Namen Gottes wirken, hat bisher Niemanden etwas genützt. Es geht auch hier um Macht, um mehr nicht. Ich möchte wetten, dass es der Menschheit erheblich besser gehen würde ohne Religion. Dann wären die Menschen wirklich frei. Die zelebrierte Trennung von Gott und den Menschen ist etwas für Narren.

Abschlussbericht in Regensburg vorgelegt

Abschlussbericht in Regensburg vorgelegt

Domspatzen-Ermittler zählt 547 Opfer von Missbrauch und Gewalt

Bei den Regensburger Domspatzen sind über Jahrzehnte mehr als 500 Kinder Opfer von Gewalt, Misshandlung und sexuellem Missbrauch geworden. Diese Zahl nennt Sonderermittler Ulrich Weber in seinem lange erwarteten Abschlussbericht. Es gibt aber immer noch eine Dunkelziffer.

Von: Kilian Neuwert, Christina Fuchs, Katharina Häringer, Uli Scherr

Stand: 18.07.2017 |Bildnachweis

Sonderermittler Weber sagte, er habe insgesamt 547 Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen als hochplausibel eingestuft, davon waren 500 Kinder Opfer körperlicher Gewalt, 67 waren Opfer sexueller Gewalt. Einige Kinder wurden sowohl sexuell als auch körperlich misshandelt. Darüber hinaus müsse man davon ausgehen, dass es bei den Domspatzen noch weitere Fälle gegeben habe. Weber geht von einer Dunkelziffer aus, insgesamt könnte es bis zu 700 Fälle geben.

Der Abschlussbericht des Domspatzen-Ermittlers ist 440 Seiten stark | Bild: picture-alliance/dpa

Der Abschlussbericht von Sonderermittler Weber zum Domspatzen-Skandal umfasst 440 Seiten.

Bei den Beschuldigten hat der Sonderermittler 49 Personen mit hoher Plausibilität bewertet. Neun dieser mutmaßlichen Täter wurden sexuell übergriffig. Vor allem in der Vorschule habe eine Atmosphäre alltäglicher Gewalt geherrscht. Ihre Zeit in dieser Einrichtung beschrieben die Opfer laut Anwalt Weber als Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager, als die schlimmste Zeit ihres Lebens, geprägt von Angst, Gewalt und Hilflosigkeit. Grund für die Gewalt seien meist Verstöße gegen ein willkürlich ausgelegtes Regelwerk gewesen.

Scharfe Kritik an früherem Bischof Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller | Bild: pa/dpa

In der Verantwortung: Ex-Bischof Ludwig Müller

Deutliche Kritik übt der Sonderermittler am früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Dieser habe eine “klare Verantwortung” für die “strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen” des von ihm 2010 initiierten Aufarbeitungsprozesses. Die Abberufung Müllers als Präfekt der Glaubenskongregation vor wenigen Tagen steht nach Webers Aussagen jedoch in keinem Zusammenhang. Der Vatikan habe vorab keine Kenntnisse vom Inhalt seines Sonderberichtes gehabt.

Zwiespältige Rolle von Papstbruder Georg Ratzinger

Georg Ratzinger | Bild: picture-alliance/dpa/Armin Weigel

Zu oft weggeschaut: Ex-Chorleiter Georg Ratzinger

Zur Rolle des Domkapellmeisters Georg Ratzinger sagte Weber, dieser habe “kein Wissen über sexuelle Gewalt” gehabt. Er warf ihm jedoch vor, bei den Fällen körperlicher Gewalt weggeschaut zu haben. Der heute 93 Jahre alte Ratzinger hatte den Knabenchor seit 1964 geleitet. Er ist der Bruder des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI.

Generalvikar: “Wir haben Fehler gemacht”

Generalvikar Fuchs räumte ein, das Bistum habe bei der Aufarbeitung Fehler gemacht. “Wir hätten vieles besser machen können”, sagte er. Wichtig sei für die Zukunft, dass die Kirche bei Missbrauchsverdachtsfällen nicht abwarte, sondern bei der Aufklärung eine aktive Rolle einnehme. Die Einsetzung eines unabhängigen Sonderermittlers habe sich bewährt. Gemeinsam mit anderen Kirchenvertretern hatte Fuchs im Anschluss an die Pressekonferenz zu Webers Bericht Stellung genommen.

Chorleiter Büchner zeigt sich betroffen

Der heutige Leiter dess Knabenchores, Roland Büchner, sagte, die Ereignisse würden ihn traurig machen. “Ich verurteile das ganz scharf. So etwas darf nicht mehr passieren.” Der Chor sei heute ein anderer. Alle Mitarbeiter würden ermutigt, dass sie aktiv auf Kinder zugehen, denen es augenscheinlich nicht gut gehe. Zur Rolle seines Vorgängers Georg Ratzinger sagte Büchner, für diesen sei das Wichtigste gewesen, dass die Leistung des Chores stimmt. “Er hat sich wenig um das andere gekümmert.”

“Die Qualität des Chores muss stimmen, aber nicht um jeden Preis.”

Domkapellmeister Roland Büchner

Nicht alle Opfer beantragen Entschädigung

Offenbar haben längst nicht alle Missbrauchs- und Gewaltopfer einen Antrag auf finanzielle Entschädigung gestellt. Bisher seien erst rund 300 Anträge eingegangen, hieß es. Rund 450.000 Euro seien bislang ausbezahlt worden.

Das Bistum Regensburg hat den Opfern sogenannte Anerkennungsleistungen zugesagt. Sie liegen pro Person zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Darüber wird auf Grundlage von Webers Bericht in einem gesonderten Gremium entschieden, in dem auch Opfervertreter beteiligt sind.

Für den ehemaligen Domspatzen Udo Kaiser war heute ein sehr schwerer Tag. Dem BR sagte er, dass dadurch zwar alte Wunden aufgerissen wurden, er allerdings froh darüber sei, dass endlich alle Vorfälle gründlich dokumentiert wurden. Jetzt könne er seinen Frieden finden, so Kaiser.

Opfervertreter Peter Schmitt hatte den Abschlussbericht des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber schon im Vorfeld als einen großer Schritt bewertet: “Nach vielen Jahren ist damit das Ziel einer umfangreichen Aufklärung der Missbrauchsfälle zwischen 1949 und 1992 erreicht”, sagt der 56-Jährige.

Wer sind die Verantwortlichen? Wer hat davon gewusst?

Georg Ratzinger

Welche Rolle der ehemalige Domkapellmeister Georg Ratzinger bei all dem spielte, ist bis heute nicht ganz geklärt. Auch auf diese Frage erhoffen sich Beobachter Antworten.
Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. leitete den Chor von 1964 bis 1994, also in jener Zeit, in der sich die meisten Missbrauchsfälle ereignet haben. Weber kam bei der Vorstellung seines Zwischenberichts zu dem Schluss, dass Ratzinger zumindest von Fällen körperlicher Gewalt hätte wissen müssen. Ratzinger selbst sprach später davon, dass Prügel zur damaligen Zeit in vielen Erziehungsbereichen üblich gewesen seien.

Schuldirektor und Präfekten

Das Bistum Regensburg

Der lange Weg der Aufarbeitung

Parallel zur Arbeit des Rechtsanwalts befasste sich ein eigens gegründetes Gremium mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Das Aufarbeitungsgremium, dem unter anderem Bischof Voderholzer, der Domspatzen-Internatsdirektor Rainer Schinko, sowie Betroffene angehören, hat sich auf ein Vier-Säulen-Konzept geeinigt.

Die dunkle Seite der katholischen Kirche: Domspatzen kein Einzelfall

2010 wurde nicht nur der Skandal um sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt bei den Regensburger Domspatzen bekannt. Auch in anderen Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland wurden Kinder misshandelt und vergewaltigt. Es handelt sich um Fälle, die zum Teil erst nach Jahrzehnten bekannt wurden.

BR-KOLLEGEN TWITTERN AUS REGENSBURG

Eine Chronologie von erschütternden Fällen

Katholische Kirche: Kreuz und Schatten | Bild: picture-alliance/dpa

Sie haben einen guten Riecher, die frommen Brüder von Korntal

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Missbrauch Brüdergemeinde Korntal

Sie haben einen guten Riecher, die Brüder von Korntal

Die Klärung der Missbrauchsvorwürfe in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ziehen sich hin. Dabei hätte es fast einen guten Weg gegeben. Der Rechtsanwalt Weber hatte die Untersuchung der Vorwürfe vornehmen sollen. Hatte? Hätte! Er war schon beauftragt mit der Untersuchung der einschlägigen Vorfälle bei den Regensburger Domspatzen. Das Vertrauen der ehemaligen Heimkinder hatte er. Dies Vertrauen war offenbar berechtigt, denn der Bericht, den er nun über Regensburg vorgelegt hat, ist beachtlich und zeugt von seiner Kompetenz im Umgang mit der Materie. »Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von etwa 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht.

Solche Aussichten waren der Brüdergemeinde offenbar zu gefährlich und sie kegelten ihn aus dem Verfahren.

Wie denn? Ganz einfach: Die Mediatoren, Rohr und Bautz die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte. Ein Medienbericht – tolle Quelle! Weber könnte betroffen sein.

Ein gefundenes Fressen. Ab mit ihm!

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt], er übt »scharfe Kritik an den Mediatoren. …[und] begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.

Der Mann hätte gefährlich werden können. Und nun sieht mans ja an seiner Behandlung des Regensburger Falls. Diese schonungslose Offenheit auch im Korntaler Fall? Da sei Gott vor – oder die Brüdergemeinde, was in deren Augen wohl dasselbe ist. Sie haben halt einen guten Riecher für gottlose Schnüffelei in ihrer Vergangenheit, die doch sehr anrüchig zu sein scheint.

Gut Ding will Weile haben – und Gottes Mühlen mahlen langsam. Hoffentlich irren sich die frommen Brüder, denn das Sprichwort geht weiter: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher!

Regensburger Domspatzen: 547 Kinder Opfer des Missbrauchsskandals

 

    Regensburger Domspatzen: 547 Kinder Opfer des Missbrauchsskandals

    [Regensburg]

    dpa/Armin WeigelDie Regensburger Domspatzen im Dom St. Peter in Regensburg

    Bei den Regensburger Domspatzen sind von 1945 bis in die 1990er Jahre mindestens 547 Kinder Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt geworden. Das geht aus dem Abschlussbericht hervor, den der Anwalt Ulrich Weber nun vorlegte. Die Pressekonferenz im Ticker-Protokoll.

    Das Wichtigste in Kürze: Der Anwalt Ulrich Weber hat seinen Abschlussbericht zum Misshandlungs- und Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt. Erschreckend ist vor allem die hohe Zahl der Betroffenen: Weber ermittelte 547 Opfer, von denen 500 Opfer körperlicher und 67 Opfer sexueller Gewalt geworden waren. (Die Differenz erklärt sich dadurch, dass einige Opfer von beiden Gewaltformen betroffen waren.) Der Anwalt berichtete von einer „Kultur des Schweigens“ und der bewussten Isolation der Kinder, die eine frühzeitige Aufklärung erschwert hätten. Heute werde dagegen viel für die Prävention ähnlicher Taten getan, es gebe mittlerweile eine „hohe Sensibilisierung“.

    11.02 Uhr: Ein wichtiger Hinweis vom Podium: Auch jetzt noch können sich Opfer melden. Zum Beispiel gebe das “Münchner Informationszentrum für Männer” Hilfestellung bei der Ausfüllung der Anträge für Opferentschädigung. Die Entschädigungen betrügen pro Opfer 5000 bis 20.000 Euro. Es sei ein “Katalog” mit Kriterien erarbeitet worden, der helfen soll, die Schwere des erlittenen Leides einzustufen und die Entschädigung entsprechend hoch anzusetzen.

    10.57 Uhr: Als nächstes soll es um Entschädigungszahlungen für die Opfer gehen. Dazu spricht das sogenannte “Anerkennungskomitee”, das jeweils über die Höhe entscheidet. Vorab war die Rede von bis zu 20.000 Euro pro Opfer. Jetzt spricht die Regensburger Professorin Barbara Seidenstücker.

    10.53 Uhr: Der Anwalt bedankt sich bei Experten, die ihm geholfen hätten und Zeugen, die Informationen geliefert hätten – vor allem aber bei den Opfern, die den Mut gehabt hätten, zur Aufklärung beizutragen. Achtung gebühre aber auch den Verantwortlichen bei den Domspatzen, die ausgesagt hätten. Auch die staatlichen Ermittlungsbehörden seien hilfreich gewesen.

    Anwalt berichtet von guter Zusammenarbeit mit Domspatzen: Keine Akten vorenthalten

    10.49 Uhr: Er habe “zu jeder Tages- und Nachtzeit” Zugang zu den entsprechenden Archiven gehabt, berichtet der Anwalt. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass ihm Unterlagen vorenthalten worden wären.

    10.44 Uhr: Seine Arbeit am Abschlussbericht werde mit dieser Pressekonferenz zu Ende gehen, sagt Anwalt Weber.

    10.40 Uhr: Strafrechtlich gesehen seien die Taten allesamt verjährt. Kirchenrechtlich könnten Taten nur verfolgt werden, wenn die Beschuldigten zum Tatzeitpunkt Priester gewesen seien.

    10.38 Uhr: Eine Journalistin will von Weber wissen, warum so viele Eltern nichts gemerkt hätten. “Die Kinder sind doch manchmal nach Hause gekommen.” Der Rechtsanwalt macht vor allem die damalige gezielte Isolation der Kinder dafür verantwortlich.

    Mittlerweile gibt es Maßnahmen zur Gewaltprävention

    10.30 Uhr: Dafür sind die Regensburger Domspatzen heute viel besser im Bereich Gewalt- und Missbrauchsprävention aufgestellt, so der Anwalt. Heute gebe es anders als früher “eine hohe Sensibilisierung für die Thematik”.

    10.27 Uhr: Es müsse davon ausgegangen werden, dass alle Verantwortlichen „zumindest ein Halbwissen“ über die Vorfälle hatten, aber oftmals weggeschaut hätten. Das betrifft dem Anwalt zufolge auch den Bruder des früheren Papstes Benedikt, Georg Ratzinger, der jahrzehntelang Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen war. Er habe wohl zumindest von körperlichen Misshandlungen gewusst, sei aber nicht ausreichend eingeschritten. Insgesamt habe es eine “Kultur des Schweigens” gegeben, die es Opfern schwergemacht habe, sich Gehör zu verschaffen. Erst 2014/2015 habe es einen “Paradigmenwechsel” gewesen: Erstmals seien bei der Aufarbeitung die Opfer direkt eingebunden worden.

    10.25 Uhr: Als begünstigende Faktoren nennt Weber unter anderem ein “ausgereiftes System der Isolation und der Kommunikationsverhinderung”, das lange verhinderte, dass Informationen über die Vorfälle an die Öffentlichkeit gelangten. Es habe auch “organisatorische Schwachstellen” gegeben, die die Gewaltprävention und die offene Kommunikation darüber verhinderten.

    “Ging darum, den Willen der Schüler zu brechen”

    10.21 Uhr: Anwalt Weber erinnert an die extrem hohen künstlerischen Anforderungen bei den Regensburger Domspatzen. „Um diese Ziele zu erreichen, wurde auch Gewalt eingesetzt“, berichtet er. Es sei oft darum gegangen, “den Willen der Schüler zu brechen, ihnen die Individualität zu nehmen”. Dies habe nicht unbedingt immer mit der “persönlichen Neigung” der Beschuldigten zu tun gehabt, sondern teils auch mit erzieherischer Überforderung und anderen Faktoren. Er betont, dass man das Ausmaß der Taten nicht mit den damals üblichen Erziehungsmethoden entschuldigen könne.

    10.18 Uhr: Viele Opfer litten auch heute noch psychisch unter den Folgen der Taten, so Anwalt Weber. Zu so gut wie allen Zeiten in der untersuchten Zeit von den 1960er bis in die 1990er Jahren seien die Misshandlungen verboten gewesen, betont er.

    “Ich habe die Antworten”, verspricht der unabhängige Gutachter

    10.11 Uhr: Jetzt spricht Rechtsanwalt Ulrich Weber. Sein Abschlussbericht habe 440 Seiten, sagt er zu Beginn. In dem Bericht kämen viele anonymisierte Opferaussagen im Zitat vor. Einige Opfer hätten ihre Zeit bei den Domspatzen als „Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager“ bezeichnet.

    “Ich habe die Antworten”, verspricht er. Jetzt sagt er etwas zu den Opferzahlen: Insgesamt stufe er 547 Opferaussagen als “sehr plausibel” ein. Von ihnen seien 500 Opfer tätlicher Gewalt geworden und 67 Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Einige Opfer seien von beiden Formen von Gewalt betroffen gewesen.

    10.09 Uhr: Die Zahl der untersuchten Fälle ist enorm hoch: Baumeister berichtet von mehr als 12.000 Opferaussagen, die in mehr als 577 Themenordnern abgelegt wurden.

    10.07 Uhr: Wichtigste Quelle seien die Berichte der Opfer gewesen, erklärt Baumeister. Aber man habe auch Beschuldigte befragt, zum Beispiel Generalvikare, Bischöfe und Erziehungspersonal.

    10.05 Uhr: Experte Baumeister erklärt, was die drei zentralen Fragen des Abschlussberichts sind:

    1. Was ist geschehen?
    2. Wie konnte es geschehen?
    3. Wie wurde mit den Geschehnissen umgegangen?

    10.01 Uhr: Es geht mit der Vorstellung des Podiums los. Neben dem unabhängigen Gutachter, Rechtsanwalt Weber, ist auch ein Experte für Methodik und Datenanalyse dabei, Johannes Baumeister. Es moderiert der Rechtsanwalt Andreas Heintz.

    09.57 Uhr: Die Pressekonferenz geht in wenigen Minuten los, der Raum füllt sich zusehends. Auch Anwalt Ulrich Weber, der den Bericht vorstellen soll, wurde bereits gesichtet.

    09.56 Uhr: Bei der Vorstellung des Abschlussberichts könnte es auch Erkenntnisse dazu geben, welche Rolle der Bruder des früheren Papstes Benedikt, Georg Ratzinger, bei dem Misshandlungsskandal spielte. Ratzinger leitete den Chor von 1964 bis 1999.

    09.28 Uhr: Nach zweijähriger Aufklärungsarbeit soll am Dienstagvormittag der Abschlussbericht zum Misshandlungsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt werden. Anwalt Ulrich Weber will das Ergebnis erläutern. Anschließend nehmen Vertreter des Bistums Regensburg und des weltberühmten Knabenchors Stellung. Die Betroffenen sollen bis Ende des Jahres mit jeweils bis zu 20.000 Euro entschädigt werden. Bekanntgeworden waren die ersten Fälle 2010.

    [Regensburg]

    dpa/Armin WeigelRechtsanwalt Ulrich Weber während einer Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch von Kindern bei den Regensburger Domspatzen

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