Missbrauchsskandal in Korntal Neue Unruhe wegen Altpeters Rückzug

Missbrauchsskandal in Korntal

Neue Unruhe wegen Altpeters Rückzug

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Wie geht es nach dem Rückzug der ehemaligen Ministerin Katrin Altpeter weiter? Im Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde ringt die Projektgruppe um die Aufarbeitung.

In Korntal herrscht weiter Unruhe. Foto: Pascal Thiel
In Korntal herrscht weiter Unruhe.Foto: Pascal Thiel

Korntal-Münchingen – Wer wird im Rahmen der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals als nächstes verschlissen? „Sie haben Ulrich Weber an die Wand gefahren, nun Katrin Altpeter“, poltert der ehemalige Korntaler Heimbewohner Detlev Zander in Richtung der Projektgruppe. Diese gestaltet die Aufarbeitung mit. Er, Zander, glaube nicht, dass sich in der Konstellation noch irgendjemand dieser Aufgabe widmen wolle.

 

Zander hat sich in seiner Verärgerung am Donnerstag schriftlich an den württembergischen Landesbischof Otfried July gewandt. In der Mail heißt es: „Werden Sie endlich aktiv, unterstützen Sie uns, Sie können sich nicht einfach herausreden, und die alleinige Verantwortung der Brüdergemeinde Korntal überlassen.“ Von der Landeskirche war am Donnerstag keine Stellungnahme zu erhalten.

Zander reagiert damit auf die jüngste Entwicklung des Aufarbeitungsprozesses. Die ehemalige baden-württembergische Arbeits- und Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) hatte jetzt erklärt, doch nicht an der Aufarbeitung der Fälle von Gewalt zwischen 1950 und 1970 in den Kinderheimen der Brüdergemeinde mitzuarbeiten. Begründet hat die Sozialdemokratin dies mit der mangelnden Transparenz des Aufarbeitungsprozesses. Zander hatte die Fälle 2014 publik gemacht.

 

Altpeter war ein Wunschkandidat einiger Betroffener in der Vergabekommission gewesen. Diese soll über die Geldbeträge entscheiden, welche die Brüdergemeinde zur Anerkennung des Leids bezahlt. Doch mit ihr haben die Betroffenen bereits ihren zweiten Wunschkandidaten verloren. Im Februar hat bereits der Rechtsanwalt Ulrich Weber hingeschmissen. Medien hatten zuvor über seine Verstrickung in eine Korruptionsaffäre spekuliert. An der Sache war, wie sich später herausstellte, nichts dran. Doch die Projektgruppe, die die Aufarbeitung mitgestaltet, erbat sich eine vierwöchige Bedenkzeit – gegen den Mehrheitswillen der Opfer. Daraufhin zog Weber, der als Aufklärer bei den Regensburger Domspatzen bundesweit bekannt geworden ist, sich zurück. Er hatte stets erklärt, sich nichts vorzuwerfen zu haben.

In der Projektgruppe sitzen Vertreter der Opfer sowie der Brüdergemeinde. Sie gestalten die Aufarbeitung und die Vergabekommission mit. Die Projektgruppe trifft sich am Dienstag, um den Fortgang zu beraten. Dabei wird es nicht nur um die Gründe für Altpeters Rückzug gehen, sondern im Zweifel um einen Ersatz. Gesprochen wird wohl auch über den weiteren Verlauf der Aufarbeitung. Einigen Betroffenen dauert der Prozess inzwischen zu lange. Das erhöht den Druck auf jene, die auf eine umfassende Aufarbeitung setzen. Sie sind etwas vorsichtig geworden. Zander ficht das nicht an: „Ich habe keine Angst.“

Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsskandal: Brief an die evangelische Landeskirche Württemberg

 

Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsskandal: Brief an die evangelische Landeskirche Württemberg 

 

 

Sehr geehrter Herr Eberhardt,

in großer Not wenden wir uns erneut an Sie, und Herrn July. Die Situation in Korntal wird für uns Betroffene immer unerträglicher, und ist uns nicht mehr zu zumuten!

Wie Sie sicherlich aus der Presse entnehmen konnten, hat nun auch nach unserer Meinung mit Recht die ehemalige Sozialministerin ihren Rückzug erklärt.  Daher war und ist unsere Kritik an der Aufklärung in Korntal berechtigt.

Wie schon mehrfach von uns scharf kritisiert wurde ist die Aufarbeitung nicht transparent unvollkommen, und unterliegt dem Diktat der Brüdergemeinde Korntal.

Wir fordern erneut die Evangelische Landeskirche Würtemberg auf, endlich in Korntal einzugreifen, und  mit uns zusammen zu arbeiten.

Ihre Argumentation die Brüdergemeinde Korntal sei eigenständig, und sei nur vertraglich mit der Landeskirche Württemberg verbunden lassen wir nicht mehr gelten.

Sie müssen uns jetzt schon erklären, warum sich Pfarrer Hägele bei einem Treffen als Pfarrer der Landeskirche Württemberg vorstellt hatte. Ist es richtig, dass der Pfarrer der Brüdergemeinde Korntal für 10 Jahre von der Landeskirche Württemberg freigestellt wird, deren Bezüge aber von der Landeskirche Württemberg bezahlt werden? Ist es richtig, dass Pfarrer Hägele   Aufgaben für die Landeskirche übernimmt? Ist es Richtig, dass Mitglieder der Brüdergemeinde Korntal berechtigt sind, das Kirchenparlament zu wählen.

Warum können Mitglieder der Brüdergemeinde Korntal gleichzeitig Mitglieder der Landeskirche Württemberg sein? Erhält die Brüdergemeinde Korntal weitere finanzielle  Mittel von der Landeskirche Württemberg, oder dem Diakonischen Werk Stuttgart?

Werden Sie endlich aktiv, unterstützen Sie uns, sie können sich nicht einlach heraus reden, und die alleinige Verantwortung der Brüdergemeinde Korntal überlassen.

Auch die Verantwortlichen der Landeskirche Württemberg trägt uns gegenüber eine Verantwortung. Wie Ihnen sicherlich kann sein wird, soll ein langjähriger Pfarrer, und Gemeindemitglieder der Brüdergemeinde Korntal gegenüber ehemaligen Heimkinder sexualisierte  Gewalt ausgeübt haben!

Weiter müssen Sie uns die Frage beantworten, warum wir als ehemalige Heimkinder  der Brüdergemeinde Korntal evangelikal getauft und konfirmiert  worden sind, warum wir nie Zugang zur evangelischen Kirchengemeinde in Korntal hatten? Wer hat dies veranlasst?

Wir fordern die Landeskirche Württemberg unverzüglich auf, sich Ihrer Verantwortung zu stellen, sofort mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein weiter so, kann sich die Landeskirche Württemberg, uns sicherlich Herr Bischof July, sowie die Brüdergemeinde Korntal nicht mehr leisten!

Im Rahmen unser Öffentlichkeitsarbeit  wird dieses Schreiben der Presse weitergeleitet.

Wir erwarten Ihre Rückmeldung zeitnah.

Beste Grüße

Detlev Zander

Missbrauchsfälle: Brüdergemeinde Korntal: Ex-Ministerin tritt aus Kommission aus

BADEN-WÜRTTEMBERG Schwäbische Zeitung

Missbrauchsfälle: Ex-Ministerin tritt aus Kommission aus

Katrin Altpeter (SPD)
Die ehemalige Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD). 

Christoph Schmidt/Archiv

Korntal dpa Im Aufklärungsprozess der Missbrauchsfälle in der Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) tritt die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) aus der Vergabekommission zurück. Der Moderator des Aufklärungsprozesses, Gerd Bauz, bestätigte am Mittwoch, dass ein Rücktrittsschreiben vorliegt. Zuvor hatte die SWR-Sendung „Report Mainz“ darüber berichtet. Die Vergabekommission hat die Aufgabe, ab Februar 2018 Geld an die Opfer zu vergeben, die sich im Zuge der Aufarbeitung gemeldet hatten. Bis zu 300 Heimkinder haben nach Angaben der Opfergruppen in den 1950er bis 1980er Jahren Gewalt und sexuellen Missbrauch in Einrichtungen der Brüdergemeinde Korntal erlebt.

In ihrem Rücktrittsschreiben kritisiert Altpeter den Aufklärungsprozess laut Bauz als intransparent. „Das ist ein Vorwurf an unserer Arbeit“, so Bauz. „Da will ich mit ihr das Gespräch suchen.“ Altpeter schrieb nach SWR-Informationen, sie sehe sich „nicht in der Lage, in einem Klima, in dem skeptische Worte oder das Hinterfragen bestimmter Dinge als „Irritation“ gelten, sinnvoll zu arbeiten“.

Die Suche zur Nachbesetzung habe schon begonnen, so Bauz. Das weitere Vorgehen werde in der nächsten Woche in den an der Aufarbeitung beteiligten Gruppen besprochen. Altpeter und die Brüdergemeinde waren am Abend nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsskandal Pressemitteilung

Pressemitteilung

Missbrauchsskandal Brüdergemeinde Korntal

Sofortiger Neuanfang gefordert

Plattling /Korntal, den 08.11.2017 Im Missbrauchsskandal der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist jetzt auch nach dem Rückzug der ehemaligen Sozialministern Altpeter ein sofortiger Neuanfang nötig.

Detlev Zander: Der Rückzug von Altpeter ist unvermeidbar gewesen, sie ist dem Verhalten der Verantwortlichen der Brüdergemeinde Korntal geschuldet! Ich habe mehrfach öffentlich darauf hin gewiesen, dass die Aufklärung in Korntal in eine völlig falsche Richtung geht. Sie unterliegt dem Diktat der Brüdergemeinde Korntal.

Die Aufklärung ist nicht transparent, wahrhaftig, und unabhängig. Sie findet nicht auf Augenhöhe mit Betroffenen statt! Jede Kritik von Betroffenen , insbesondere von mir werden von den Moderatoren Rohr und Bautz abgekanzelt! Betroffene werden erneut verletzt. Wünsche und Bedürfnisse Betroffener werden ignoriert!

Die Brüdergemeinde Korntal muss sich jetzt endlich eingestehen, dass ihre Konzeption eine an der Oberfläche kratzende Aufklärung kläglich gescheitert ist!

Wie viele kompetente Fachleute will die Brüdergemeinde Korntal noch vergraulen?

Es muss jetzt ein Neuanfang in Korntal stattfinden. Wir fordern eine sofortige Auflösung der Auftraggebergruppe, die sofortige Entlassung der Moderatoren Rohr und Bautz, sowie die Entlassung der Aufklärerin Stammberger. Weiter fordern wir die gesamte Aufklärung in Korntal aus der Verantwortung der Brüdergemeinde Korntal zu nehmen.

Wir fordern den Bischof der Landeskirche Württemberg July endlich auf, seiner Verantwortung gerecht zu werden, und in Korntal einzugreifen. Auch sind wir der Meinung,dass nun endlich die Politik gefragt ist!

Unsere Forderung nach dem Regensburger Modell bleibt bestehen!

Wie laut müssen wir noch schreien, bis wir gehört werden?

Missbrauchsskandal Brüdergemeinde Korntal Altpeter erklärt Rücktritt aus Vergabekommission

SWR – DAS ERSTE

Missbrauchsskandal Korntal

Ehemalige Landesministerin Altpeter erklärt Rücktritt aus Vergabekommission

Report Mainz” über neue Entwicklungen

 

 

Mainz (ots) – Die ehemalige Ministerin für Arbeit und Sozialordnung des Landes Baden-Württemberg, Katrin Altpeter, hat ihre Mitarbeit in der sogenannten Vergabekommission der Brüdergemeinde Korntal aufgekündigt. “Report Mainz” liegt exklusiv ihr Rücktrittsschreiben vor, in dem sie schwere Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde erhebt.

Vor drei Wochen hatte die Evangelische Brüdergemeine Korntal entscheidende Fortschritte im Prozess um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in ihren Kinderheimen bis in die 80er Jahre angekündigt. Laut einer Pressemitteilung vom 13. Oktober sollte die “konkrete Aufklärung” Ende 2017 abgeschlossen sein und ein Abschlussbericht “im ersten Halbjahr 2018” vorgelegt werden. Zudem wurde eine Vergabekommission aus “vier unabhängigen und beruflich qualifizierten Mitgliedern” berufen, die die Aufgabe hat, über die Höhe der finanziellen Anerkennungsleistung für jedes Opfer, das im laufenden Verfahren einen Antrag gestellt hat, zu entscheiden.

Als Grund für ihren Rücktritt aus der Vergabekommission teilte Katrin Altpeter mit, sie sehe sich “nicht in der Lage, in einem Klima, in dem skeptische Worte oder das Hinterfragen bestimmter Dinge als ‘Irritation’ gelten, sinnvoll zu arbeiten”. Weiter schreibt sie, es sei ihr ein “großes Anliegen” gewesen, das Geschehen in der Heimerziehung des Landes aufzuarbeiten und “etwas für die Opfer zu tun”. Sie hätte von der Brüdergemeinde einen transparenten und nachvollziehbaren Prozess erwartet, doch sei sie in ihren Erwartungen “leider enttäuscht” worden.

Klaus Andersen, weltlicher Vorsteher der Gemeinde, erklärte gegenüber “Report Mainz”, er sei gestern informiert worden, dass Frau Altpeter für eine Mitarbeit in der Vergabekommission nicht mehr zur Verfügung stehe: “Wir haben dies zur Kenntnis genommen und folgen dem Vorschlag der Moderatoren, uns über die Hintergründe dieser Absage und die weitere Vorgehensweise zeitnah im Rahmen einer Sitzung der Auftraggebergruppe auszutauschen.” Die Auftraggebergruppe gestaltet den Aufarbeitungsprozess und besteht unter anderem aus ehemaligen Heimkindern und aus Vertretern der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Darüber, wie es mit dem Aufarbeitungsprozess jetzt weitergeht, will sich Klaus Andersen derzeit nicht äußern. “Report Mainz” teilt er mit: “Da wir uns in diesem Aufklärungsprozess für einen Weg der Partizipation entschieden haben, der im Wesentlichen von den Entscheidungen der Auftraggebergruppe bestimmt wird, bitten wir um Verständnis, dass wir uns zum aktuellen Zeitpunkt nicht näher zu diesem Sachverhalt äußern können.”

Zum Hintergrund:

2014 kamen die Missstände in den Kinderheimen von Korntal durch die Schilderungen des Betroffenen Detlev Zander erstmals ans Licht. Die Vorwürfe umfassten Gewalt, sexuellen Missbrauch und Demütigung. Im Mai 2017 berichtete “Report Mainz” über erste Ergebnisse der von der Brüdergemeinde eingesetzten unabhängigen Aufklärer, die ehemalige Richterin Dr. Brigitte Baums-Stammberger und der Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger. Dem Politikmagazin gab Hafeneger zu Protokoll: “Der Aktenbestand gibt her, dass es sexualisierte Gewalt gab, dass diese Form von Gewalt auch thematisiert worden ist, dass die auch in den Gremien verhandelt worden ist, das heißt, dass mehrere von diesen Vorfällen wussten.”

Brigitte Baums-Stammberger führte bisher etwa 65 Gespräche mit Betroffenen, die einen Antrag auf Anerkennung stellen möchten. Im Mai schilderte Baums-Stammberger gegenüber “Report Mainz”, “An Straftatbeständen auch nach der damaligen Rechtslage, sind regelmäßig gefährliche Körperverletzungen vorgekommen, nämlich Körperverletzungen mit Gegenständen, es sind einfache Körperverletzungen vorgekommen, es sind Freiheitsberaubungen vorgekommen. Und es ist sexueller Missbrauch, auch schwerer sexueller Missbrauch vorgefallen.”

2014 erklärte sich die Brüdergemeinde Korntal erstmals zu einer Aufarbeitung des Skandals bereit. Doch von Anfang an war der Prozess geprägt von Misstrauen seitens der Opfer. Immer wieder mahnten Betroffene ein mangelndes Mitspracherecht und Transparenz an. Das laufende Verfahren wird von den verschiedenen Opfergruppierungen unterschiedlich bewertet. So wirft die Gruppe “Heimopfer Korntal” in einer aktuellen Erklärung der Brüdergemeinde vor, “das von einigen ihrer Mitglieder begangene Unrecht schnell, oberflächlich, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und für die Gemeinschaft möglichst kostengünstig zu Ende zu bringen.” Dagegen bezeichnet die “Arbeitsgemeinschaft Heimopfer Korntal” in einer Pressemitteilung vom 30. Oktober den laufenden Prozess der Aufklärung als, “insgesamt erfolgreich”.

Zitate gegen Quellenangabe frei. Weitere Informationen auf http://x.swr.de/s/rs9 Bei Fragen wenden Sie sich bitte an “Report Mainz”, Tel. 06131 929 33351 oder -33352.

Original-Content von: SWR – Das Erste, übermittelt durch news aktuell

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde Korntal

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde Korntal

Ehemalige Ministerin wirft in Korntal hin

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Die frühere baden-württembergische Arbeits- und Sozialministerin (SPD) ist bei der Aufarbeitung nun doch nicht dabei. Sie kritisiert in ihrer Begründung den laufenden Aufarbeitungsprozess.

Die Brüdergemeinde sieht sich wieder mit einem Rückzug konfrontiert. Foto: Pascal Thiel
Die Brüdergemeinde sieht sich wieder mit einem Rückzug konfrontiert.Foto: Pascal Thiel

Korntal-Münchingen – Katrin Altpeter arbeitet doch nicht bei der Aufarbeitung der Vorfälle von Gewalt in Heimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal mit. Die ehemalige baden-württembergische Arbeits- und Sozialministerin (SPD) begründet ihren Rückzug mit Kritik an dem laufenden Prozess. In ihrer Ministerzeit sei es ihr ein Anliegen gewesen, das Geschehen in der Heimerziehung aufzuarbeiten und etwas für die Opfer zu tun, teilt die Sozialdemokratin in einem Brief an die Verantwortlichen mit. „Dies alles konnte nur in einem transparenten und nachvollziehbaren Prozess geschehen; ebensolches hätte ich von einer Aufarbeitung der Brüdergemeinde erwartet. Diesbezüglich wurden meine Erwartungen leider enttäuscht.“

Fälle von Gewalt wurden 2014 publik

Vor allem in den Jahren zwischen 1950 und 1970 wurden Kinder in den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde Opfer von Gewalt bis hin zu Vergewaltigung. Bekannt wurden die Vorfälle 2014. Um das Leid der ehemaligen Heimzöglinge anzuerkennen, will die Brüdergemeinde jeweils zwischen 2000 und 5000 Euro bezahlen. Eine vierköpfige Vergabekommission soll im Einzelfall darüber entscheiden, ihr sollte Altpeter als Wunschkandidat einer Gruppe von Betroffenen angehören. Die Kommission hat noch nicht getagt.

„Ich hätte gerne zu einer konstruktiven Aufarbeitung der Geschehnisse beigetragen, aber ich sehe mich nicht in der Lage, in einem Klima, in dem skeptische Worte oder das Hinterfragen bestimmter Dinge schon als ‚Irritation’ gelten, sinnvoll zu arbeiten“, sagt die Ex-Ministerin. Sie hatte bereits zu einem früheren Zeitpunkt die geplanten Vergabekriterien kritisiert, die eine Bewertung ausschließlich der strafrechtlich relevanten Vorfälle vorsehen.

Altpeter weist Vorwurf der Brüdergemeinde zurück

Die Betroffenen wollten sich zu Altpeters Rückzug zunächst nicht äußern. Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, ist indes davon überzeugt, dass dies den Aufklärungsprozess nicht aufhalte. Gleichwohl bedauert er Altpeters Entscheidung. „Ihre Kompetenz hätte unserer Vergabekommission gut getan.“ Er sei aber auch enttäuscht darüber, dass sie „nicht die Chance genutzt hat, sich einen Überblick über den Aufarbeitungsprozess zu verschaffen, und offenbar nur von einer kleinen Gruppe informiert worden ist“. Altpeter weist den Vorwurf zurück.

Wie es nun weitergeht, ist offen. Dem Vernehmen nach hat die Projektgruppe, die den Aufarbeitungsprozess mitgestaltet, kurzfristig ein Treffen anberaumt.

Brüdergemeine Korntal Aufklärung

Pressemitteilung

Unter Tränen klage ich an, und gehe mit der evangelischen Brüdergemeinde Korntal hart ins Gericht!

Vor drei Jahren bin ich Detlev Zander 

Detlev Zander Quelle dpa

an die Öffentlichkeit, um auf die Missstände in der evangelischen Brüdergemeinde Kortal aufmerksam zu machen!  Mir war klar, dass dieser Weg nicht einfach wird. Dennoch habe ich die Aufarbeitung trotz aller Widerstände von der Brüdergemeinde Korntal, Opfern, und sog. Unterstützern respektive die Opferhilfe Korntal erzwungen!

Ich war mir immer treu, habe meinen Weg nie verlassen, den Fokus nie aus den Augen verloren, die Aufklärung der Misshandlungen in der Brüdergemeinde Korntal auf zuarbeiten, und die Öffentlichkeit darüber zu informieren!

Wenn ich den Eindruck hatte, dass die Aufarbeitung in eine falsche Richtung ging, habe ich mich nicht gescheut dies immer und immer wieder zu kommunizieren!  Dafür habe ich von allen Seiten schwere Schläge, Verletzungen und nicht zuletzt Demütigungen einstecken müssen! Die Verantwortlichen der Brüdergemeinde Korntal hat dazu einen großen Anteil mit Schuld. Klaus Andersen der Vorsteher hat meine Hilferufe zur Kenntnis genommen. In der Sache aber war er nie tätig. Er hat den Opferschutz nie praktiziert. ihm ging es einzig und alleine um den Schutz seiner Gemeinde. Ja heute nach der ganzen verletzende Erfahrung die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, unterstelle ich der Brüdergemeinde Korntal, sie würde über Leichen gehen! Dies zeigt ganz deutlich meine Reaktion, in diesem Jahr habe ich einen Suizidversuch unternommen. Weil ich den Kampf gegen die Brüdergemeinde Korntal aufgeben wollte. Die Kräfte haben mich verlassen. Ich habe mich als Verlierer, Versager in diesem Prozess gesehen!

Die Brüdergemeinde Korntal hat mich erneut gedemütigt, verletzt, mich missbraucht! Dieser Verantwortung muss sich die Brüdergemeinde stellen!

Ihren Bekundungen, und Sonntagsreden ist nur Heuchelei, und vom eigentlichen Thema abzulenken! Die Brüdergemeinde Korntal hat gegen mich einen Krieg führen lassen, die seines gleichen sucht!

Es wurde der Öffentlichkeit bewusst falsch kommuniziert ich habe mich aus dem Prozess verabschiedet. Klaus  Andersen, die Moderatoren Rohr und Bautz waren froh mich endlich aus diesem Prozess los zu haben! Unter der Leitung der unerträglichen Moderatorin Rohr, die mich aufs übelste verletzt, gedemütigt hatte  wurde eine sog. Auftraggebergruppe gegründet deren Mietglieder zu Teil entweder keine Opfer sind, oder aus dem Lager der Opferhilfe Korntal kommen! 

Man hat sich berußt für diese Zusammensetzung entschieden. Aus der Schicht der Brüdergemeinde Korntal ist mir dies nachvollziehbar,  denn keines dieser Mitglieder hat so ein umfassendes lückenlosen, historisches Wissen wie ich! Und davor hat die Brüdergemeinde Korntal berechtigte Angst.

Die Auftraggebergruppe unter der Leitung von Rohr und Bautz, haben es geschafft, den  sexuellen Missbrauch in den Vordergrund zu stellen,   und damit die Opfer angeblich schnell zu entschädigen!  Dabei geht es um viel mehr, dies habe ich immer und immer wieder angemahnt, doch leider vergebens. Es ist eben immer wieder das Spiel mit der Macht! 

Opfer werden von Rohr und Bautz aufgerufen dankbar zu sein, werden erneut unter Druck gesetzt. Ich gehe sogar soweit, die Opfer werden gekauft. Mit dem Ziel  nicht weiter nach zu fragen.  Richtig informiert werden sie aber nicht. Die Vergaberichtlinien sin nicht öffentlich, und die Mitglieder wollen anonym bleiben!  Was für ein verlogenes Spiel wird uns da täglich  auf den Tisch gelegt?

Ich kann es den vermeintlichen Opfern nicht verübeln,dass sie zufrieden sind, so schnell an Geld zu kommen. Doch es ist ein hoher Preis, den die Opfer zahlen müssen. Eine professionelle, unabhängige, transparente und  lückenlose Untersuchung mit all ihren Konsequenzen für die Brüdergemeinde Korntal findet eben nicht statt, das Diktat  der Aufarbeitung  bestimmt die Brüdergemeinde Korntal. 

Nein ich werde nicht abtreten, nein ich werde mich nicht umbringen, nein ich werde  nicht müde, und nein, ich werde kämpfen bis zu Schluss, damit die Aufklärung und Untersuchung  den Opfern aus der Brüdergemeinde Korntal gerecht wird!

Denn eines scheint gewiss, dadurch hätte  die evangelische Brüdergemeinde Korntal und ihre Helfershelfer gewonnen, und nein diesen Wunsch werde ich ihnen nicht erfüllen!

Detlev Zander

Die Kritiker müssen gehört werden Aufklärung Brüdergemeinde Korntal

Die Kritiker müssen gehört werden

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Die Aufarbeitung wird etliche Opfer zufriedenstellen. Doch die Brüdergemeinde muss auf die Unzufriedenen eingehen, sonst wird das Projekt keine Befriedung bringen.

Einige Betroffene sind mit dem laufenden Verfahren nicht zufrieden. Foto: dpa
Einige Betroffene sind mit dem laufenden Verfahren nicht zufrieden.Foto: dpa

 

Viele wollen mit dem Thema abschließen

Allerdings ist auch nachvollziehbar, dass sich viele Ehemalige aus den Heimen der Brüdergemeinde mit der neuerlichen Kritik an der Aufarbeitung nicht mehr auseinandersetzen wollen. Einerseits sehen sie sich in der Vergabekommission gut vertreten, weil diese auch mit zwei Wunschkandidaten der Opfer besetzt ist und die Brüdergemeinde sich mit eigenen Kandidaten zurückgehalten hatte. Andererseits wollen sich viele auch nicht mehr mit dem Thema befassen: Sie sind längst im Rentenalter und vielfach gesundheitlich angeschlagen. Sie wollen ihren Frieden mit ihrer Vergangenheit machen.

Brüdergemeinde muss sich der Kritik stellen

Für diese Betroffenen mag die laufende Aufarbeitung eine gute sein, die endlich Ruhe bringt. Das ist anzuerkennen. Doch deshalb sollte die Brüdergemeinde nicht einfach über die neuerliche Kritik anderer ehemaliger Heimzöglinge hinweggehen. Die Brüdergemeinde muss sich auch dieser stellen, will sie das unrühmliche Kapitel ihrer Historie umfassend aufarbeiten.

Neue Kritik an Aufarbeitung des Missbrauchsskandals

Brüdergemeinde Korntal-Münchingen

Neue Kritik an Aufarbeitung des Missbrauchsskandals

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Aus Verärgerung über die Vergabekommission stellen Betroffene die Aufarbeitung in Frage. Ein Mitglied der Kommission soll die ehemalige Ministerin Katrin Altpeter sein.

In die Aufarbeitung der Vorfälle in den Einrichtungen der Brüdergemeinde kommt keine Ruhe. Foto: Pascal Thiel
In die Aufarbeitung der Vorfälle in den Einrichtungen der Brüdergemeinde kommt keine Ruhe.Foto: Pascal Thiel

Korntal-Münchingen – Die Kritik reißt nicht ab – und nach Ansicht einer Gruppe ehemaliger Heimkinder steht die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals um die Korntaler Brüdergemeinde gar vor dem Aus. Das äußerten die Betroffenen bei einem Opfertreffen am Sonntag in Stuttgart. „Nach Meinung der Betroffenen ist der bisher erfolgte Aufarbeitungsprozess weder neutral noch allparteilich“, sagte Angelika Bandle in Anwesenheit von rund 30 ehemaligen Heimzöglingen. Bandle war von 1959 bis 1970 im Flattichhaus der evangelischen Brüdergemeinde Korntal. „Unser Ziel ist und bleibt es, das Aufarbeitungsverfahren zum Missbrauch der ehemaligen Heimkinder objektiv, unvoreingenommen, zügig und professionell zu gestalten.“

Auslöser: Besetzung der Vergabekommission

Bandle ist Wortführerin einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Betroffenen und sitzt zudem in der Projektgruppe, die den Aufklärungsprozess mitgestaltet. Diese teilt die Kritik mehrheitlich nicht. Geleitet wird die Projektgruppe von den Moderatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz. Anlass für Bandles Kritik ist die Besetzung der Vergabekommission, die über die Gelder entscheiden soll, die die Brüdergemeinde als Anerkennung des Leids bezahlt. Die Gemeinde habe einen der von den Opfern benannten Kandidaten abgelehnt, moniert Bandle. Zudem kritisierte sie, dass bei der Höhe der Entschädigung nur bewertet werden soll, was strafrechtlich relevant sei. Vor einiger Zeit war bereits ein von den Opfern favorisierter Aufklärer am Veto der Brüdergemeinde gescheitert – auch dies hatte zu massiver Verstimmung geführt.

Unumstrittenes Mitglied in der Vergabekommission ist die ebenfalls von den Opfern vorgeschlagene Katrin Altpeter. Die Sozialdemokratin war bis 2016 fünf Jahre lang baden-württembergische Arbeits- und Sozialministerin und sieht ihre Aufgabe in der Kommission als „Parteinahme für diejenigen, in deren Schuld die Brüdergemeinde steht“. Weil die Kommission bisher nicht getagt habe, könne sie sich noch kein vollständiges Bild machen. In Bezug auf die Vergabekriterien aber teilt sie Bandles Kritik: „Das Leben beinhaltet mehr als das, was einem an strafrechtlich relevanten Dingen widerfahren ist.“

Mehrheit teilt die Kritik nicht

Die Brüdergemeinde selbst und zahlreiche andere Opfer können Bandles Kritik indes nicht nachvollziehen. Diese sei „völlig unbegründet“, sagt etwa Wolfgang Schulz, ebenfalls ehemaliges Heimkind und Mitglied der Projektgruppe. Denn die Opferseite sei immerhin mit zwei Wunschkandidaten in der Kommission vertreten. Er drängt auf einen Abschluss: „Ich bin es leid, den alten Hass vor mir herzuschieben.“ Mit Verwunderung hat auch Klaus Andersen die Vorwürfe aufgenommen. Wenngleich sich der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde nach eigenem Bekunden bewusst ist, das es immer wieder Kritik geben werde, so sei diese „faktisch nicht nachvollziehbar“. Zumal das Treffen doch vor allem von Dankbarkeit geprägt gewesen sei, „dass der Prozess so weit gediehen ist“.

Die Juristin Brigitte Baums-Stammberger führte laut den Moderatoren bisher 69 Opfergespräche, der Wissenschaftler Benno Hafeneger arbeitet Archivbestände auf. Ihr Bericht soll im Frühjahr vorliegen.