Korntal: Heimkinder wurden jahrelang zur Arbeit gezwungen

Evangelische Brüdergemeinde idea
16. August 2018

Korntal: Heimkinder wurden jahrelang zur Arbeit gezwungen

In dem Beitrag von „Report Mainz” schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Screenshot SWR

In dem Beitrag von „Report Mainz” schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Screenshot SWR

Korntal (idea) – In Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal hat es in den 1950er bis 1980er Jahren nicht nur sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder gegeben, sie mussten auch systematisch „Zwangsarbeit“ leisten. Das berichtete das ARD-Magazin „Report Mainz“. In dem Beitrag schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Detlev Zander, der die Missbrauchsvorwürfe 2014 öffentlich gemacht hatte, berichtete, dass er ab seinem sechsten Lebensjahr zehn Jahre lang für die Brüdergemeinde arbeiten musste, etwa in der Landwirtschaft und im Hausbau. Ein weiterer Betroffener, Thomas Mockler, musste nach eigenen Angaben neun Jahre Zwangsarbeit leisten. So habe er Fenster, Türen und Wände aus Häusern herausreißen müssen: „Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“ Heimkinder hätten den ganzen Tag Arbeiten verrichten müssen, die „eigentlich ein erwachsener Mann machen sollte und kein Kind“.

Aufklärer: Es gab ein Ausbeutungssystem

Der Marburger Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger, der an der Aufklärung der Vorfälle beteiligt war, sprach in dem Beitrag von einem „Ausbeutungssystem“. Wenn die Kinder „ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden“. Hafeneger hatte im Juni zusammen mit der ehemaligen Amtsrichterin Brigitte Baums-Stammberger (Birresborn/Eifel) einen über 400-seitigen Aufklärungsbericht vorgelegt. Dazu wurden 105 ehemalige Heimkinder interviewt. 93 erklärten, dass sie körperliche Gewalt erleiden mussten, und 61 gaben an, sexuell missbraucht worden zu sein. Die Opfer haben von der Diakonie der Brüdergemeinde „finanzielle Anerkennungsleistungen“ von in der Regel zwischen 5.000 und 20.000 Euro erhalten. Laut dem „Report“-Beitrag empfinden die Betroffenen die bisher gezahlten Summen „als Hohn“. Sie wollten für eine „gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit“ weiter kämpfen. Die Psychotraumatologin Brigitte Bosse (Mainz), die mit betroffenen Heimkindern gesprochen hatte, sagte in dem Beitrag: „In dem Aufarbeitungsprozess sind nach meiner Wahrnehmung die Fragen der Ausbeutung nicht vorgekommen.“ Auf die Frage, ob die Höhe der bisher gezahlten Leistungen angemessen seien, antwortete sie: „Wie kann Geld jemals das Leid aufwiegen?“. Wenn man sich aber an Tabellen im Schmerzensgeldrecht orientiere, dann seien die Zahlungen „sehr niedrig“.

Vorsteher: „Wir bitten um Vergebung für alle Verletzungen“

Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea äußerte der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen: „Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, auch im Bereich der Arbeit.“ Der umfassende Aufarbeitungsprozess habe gerade auch den Aspekt des Arbeitszwangs deutlich gemacht. „Dass Arbeit in dieser Zeit erzieherisch häufig mit Zwang und Strafe verbunden war, verurteilen wir scharf und bedauern zutiefst, dass dies geschehen konnte.“ Der Brüdergemeinde sei bewusst, dass ihre finanziellen Anerkennungsleistungen das Geschehene nicht wiedergutmachen könnten. Andersen: „Die Erlebnisse in unseren Heimen werden immer ein Teil der Lebensgeschichte der Betroffenen sein. Wir erkennen ihr Leid und ihren Schmerz an und bitten um Vergebung für alle Verletzungen.“ Es gebe jedoch keine Überlegungen, die Anerkennungsleistungen aufzustocken. Die 1819 gegründete Brüdergemeinde ist eine mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vertraglich verbundene selbstständige Personalgemeinde. Zu ihr gehören diakonische Einrichtungen, darunter Kindergärten, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sowie ein Altenzentrum.

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3 Kommentare

Alemannevor 5 Tagen

Ich finde es unverantwortlich, wie hier mit dem Begriff “Zwangsarbeit” umgegangen wird, auch von Journalisten. In den fünfziger und sechziger Jahren hat jedes Bauern- und Handwerkerkind selbstverständlich in Haus, Hof und Werkstatt mitgeholfen. Das war übrigens auch pädagogisch wertvoll, weil die jungen Leute früh gemerkt haben, wo ihre Gaben stecken (und wo auch nicht). Dass das nicht jedem dieser Kinder Spaß gemacht hat, liegt auf der Hand. Bei ungeliebten Hausaufgaben, die unter elterlichem Druck endlich gemacht werden, spricht man auch nicht von “Zwangsarbeit”.

Lutherusvor 7 Tagen

Ob solche Praktiken von Beginn an den Weg der Brüdergemeinde in Korntal geprägt haben, wage ich zu bezweifeln. Andererseits ist es leider so, dass nicht zuletzt in pietistischen Kreisen Brutalität in der Erziehung gegen Kinder nicht selten war, wie ich aus der eigenen Verwandtschaft weiß. Das sollte nicht verwundert, wird doch in einem pietistischen Erziehungsbuch von Dallmeier als Ziel unter anderem das Brechen des Willens des Kindes genannt. Ich halte das völlige Verbieten körperlicher Züchtigung von staatlicher Seite für überzogen und einen eklatanten Eingriff des Staates in die res privata. Aber sie hat auch diese – nicht nur in ferner Vergangenheit vorgekommene – Brutalität in der Erziehung zum Hintergrund. Es ist erfreulich, dass es, gerade auch aus bibeltreuen Kreisen, heute eine Reihe von Erziehungsbüchern gibt, die einen ganz anderen Geist atmen. Aber gerade der Pietismus muss sich schon fragen, warum da so viel schief gegangen ist, angefangen bei Francke.

wachsamseinvor 9 Tagen

Zwangsarbeit wie in der 3. Welt, die für Westprodukte arbeiten (z.B. „Schmutzige Schokolade“) ist grundsätzlich zu hinterfragen. Dennoch Arbeit und Tätigkeit ist für Heranwachsende auch ein wichtiger Faktor in ihrer Entwicklung zu einer gesunden heranreifenden Persönlichkeit. Alle Kulturen der Welt machen uns das vor, dass sie ihre Kinder aktiv in die gesellschaftlichen Prozesse und in die Familie integrieren. Dazu gehören auch den Kindern entsprechende Arbeiten anzuvertrauen. Für mich war es ganz normal als Kind bestimmte Arbeiten im Haus oder Garten regelmäßig oder sporadisch mit zu erledigen. Das neudeutsche Modell dass Kinder 4-8 Stunden täglich „zocken“, also vor ein Bildschirmgerät sitzen und dabei geistig und seelisch Schaden nehmen hat ja gehörig versagt. ADHS und immer mehr Einweisungen in die Kinder- und Jugend Psychiatrie und häufige Orientierungslosigkeit sowie Werteverluste belegen die dramatischen Fehlentwicklungen im „Westen“.

ideaSpektrum 34.2018 - Wie werde ich ein guter Leiter?

 

Neue Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde Korntal Text des Beitrags Ausgebeutete Kinder

Text des Beitrags Ausgebeutete Kinder

Neue Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde Korntal

Moderation Fritz Frey:

Es waren einfach andere Zeiten. Mit dieser Redewendung versuchen Ältere oft Jüngeren Dinge zu erklären, die eigentlich unerklärlich sind.

Warum zum Beispiel Heimkinder früher oft pauschal als verwahrlost, frech und renitent angesehen wurden und Erziehung vor allem eines bedeutete: Prügel, exzessive Gewalt.

So ging es auch im Kinderheim der evangelisch-pietistischen Gemeinde Korntal zu, doch dort war es wohl noch weit schlimmer – Heimarbeit der perfiden Art habe es gegeben, so berichten ehemalige Heimkinder.

Mit anderen Worten es wurden Kinder zu jahrelanger Zwangsarbeit verdonnert. Mona Botros hat zweien von ihnen zugehört.

Bericht:

Detlev Zander wuchs als Heimkind bei der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal auf. Bis heute habe er schlimme Erinnerungen an diese Zeit.

Detlev Zander

Detlev Zander

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Ich hatte auch Angst immer, wenn wir da hergefahren sind. Immer! Weil ich wusste ja, was auf mich zukommt.”

Dreizehn Jahre lang prägte die streng gläubige, pietistische Gemeinde sein Leben.

In dieses Ferienlager seien er und andere Heimkinder aus Korntal jeden Sommer gebracht worden, erzählt uns Detlev Zander. Sie hätten es “Arbeitslager” genannt.

Er selbst hätte ab seinem sechsten Lebensjahr zehn Jahre lang für die Brüdergemeinde arbeiten müssen. Unter anderem in der Landwirtschaft.

Und – dieses Privathaus des langjährigen Heimleiters hätten er und andere Heimkinder in den 70er Jahren maßgeblich mit gebaut.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Dieses Haus beklemmt mich unheimlich. Mir stockt es schier den Atem, weil in dem Haus ist auch so viel Gewalt, also auf der Baustelle gab es so viel Gewalt, hab ich so viel Gewalt erlebt. Und dann natürlich dieses ununterbrochene Arbeiten.
Wir waren auf dem Dach. Und hier war ein Gerüst. Unten haben wir so eine Treppe gemacht, so eine Hochhebe-Treppe. Und dann sind die Dachziegel einzeln so hoch. Und ich saß oben. Ich werd’s nie vergessen. Ich saß oben auf dem Ding und hatte so eine Angst.”

Zu den Vorwürfen in Verbindung mit dem Haus des Heimleiters wollte die Brüdergemeinde keine Stellungnahme abgeben.

Von Zwang zur Arbeit berichtet auch Thomas Mockler. Er war im selben Kinderheim wie Detlev Zander. Ab dem 7. bis zum 16. Lebensjahr habe er als Heimkind arbeiten müssen.

Thomas Mockler

Thomas Mockler

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Da ist gepfiffen worden und dann ist halt nur – nicht mal der Vorname genannt worden – sondern nur: Mockler, Müller, Mayer, mitkommen! Und dann durften wir hier den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Innenwände herausreißen, solche Sachen.”

Auch diese Reithalle hätten Detlev Zander und Thomas Mockler mit aufgebaut. Die Arbeitseinsätze hätten täglich mehrere Stunden gedauert.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Die Reitbande mussten wir mithelfen annageln, dann bei den Verschalungen von den Betonpfeilern helfen. Und dann natürlich der Kies oder der Sand – da sind Lastwägen reingefahren – und die musste man dann von Hand auf den Boden schippen.”

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Überwiegend so die Handlangerarbeiten. Das, was eigentlich ein erwachsener Mann machen sollte und nicht gerade ein Kind.”

Wurden Heimkinder ausgebeutet? Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf REPORT MAINZ Anfrage:

Zitat:

“Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang (…) auch im Bereich von Arbeit.”

Ein Eingeständnis kurz nach der Veröffentlichung des Aufklärungsberichts zu den Vorgängen in Korntal zwischen den 50er bis in die 80er Jahre.

Prof. Benno Hafeneger hat im Auftrag der Evangelischen Brüdergemeinde die Akten zu Korntal ausgewertet. Auch zum Thema Kinderarbeit.

Prof. Benno HafenegerProf. Benno Hafeneger

O-Ton, Prof. Benno Hafeneger, Universität Marburg:

“50er, 60er, Anfang der 70er Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden. Wenn sie ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Also das war schon ein Ausbeutungssystem.”

Wie schlimm dieses Ausbeutungssystem war, zeigt der Aufklärungsbericht:

Darin sprachen 64% der Betroffenen von Arbeitszwang, 31% sagten, sie hätten Gewalt und Strafen bei der Arbeit erlebt.

Auch Detlev Zander. Er hätte nicht nur Zwangsarbeit leisten müssen, sondern sei von dem Hausmeister Fritz M. immer wieder sexuell missbraucht worden, erzählt er.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Hier hat er mich mehrfach vergewaltigt. Hier. In dieser Hütte. Brutal. Brutal vergewaltigt. Er hat mich genommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Hat mich auf dem Boden gelegt und ist dann über mir hergefallen, wie ein Tier. ‚So, jetzt bin ich fertig‘, hat er immer geschrien und dann hat er mich so…wie so ein, weggestoßen. Und dann hat er mir gesagt: ‚Jetzt gehst du arbeiten und nimmst noch einen Schluck Bier‘.”

Laut Abschlussbericht haben insgesamt 30 ehemalige Heimkinder ausgesagt, von dem Hausmeister Fritz M. sexuell missbraucht worden zu sein. Inzwischen ist er verstorben.

Wie wurden Opfer wie Detlev Zander für Zwangsarbeit und sexuellen Missbrauch entschädigt?

Bislang haben Betroffene eine so genannte Anerkennungsleistung erhalten, zwischen 1.000 und 20.000 Euro. Gegenüber REPORT MAINZ sagt die Brüdergemeinde:

Zitat:

“Unsere finanziellen Anerkennungsleistungen können nicht wieder gut machen, was geschehen ist.”

Trotzdem: Die Betroffenen empfinden die bisher gezahlten Summen als Hohn.

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Man darf ja nicht vergessen, ich habe ja meine Kindheit verloren. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.”

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

“Ich fordere von der Brüdergemeinde, dass nochmal ganz genau hingeschaut werden muss, warum mussten die Kinder so viel arbeiten. Und selbstverständlich müssen die Kinder dafür Geld bekommen. Da führt gar kein Weg dran vorbei.”

Sie wollen weiterkämpfen – nicht nur um eine Anerkennungsleistung sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit.

Abmoderation Fritz Frey:

Auch unsere beiden Betroffenen haben sogenannte Anerkennungsleistung von der Brüdergemeinde Korntal erhalten. Bei Herrn Zander waren es 20.000 Euro, 5.000 hat Herr Mockler bekommen. Eine finanzielle Geste, doch ist sie ausreichend?

Betroffene fordern Entschädigung für Zwangsarbeit Ausbeutung durch Kinderarbeit in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

14.08.2018: Betroffene fordern Entschädigung für Zwangsarbeit Ausbeutung durch Kinderarbeit in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Aufklärer beschreibt System von Arbeitszwang und Strafen

Kinder aus einem Heim der Brüdergemeinde Korntal spazieren einen Weg entlang.

Kinder aus einem Heim der Brüdergemeinde Korntal

Kurz nach Abschluss der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und Gewalt bei der Evangelischen Brüdergemeinde decken Recherchen von REPORT MAINZ ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern auf.

Betroffene berichten gegenüber dem Politikmagazin, sie hätten nicht nur in den Heimen selbst, sondern auch in der Landwirtschaft und am Bau viele Jahre lang und über viele Stunden am Tag arbeiten müssen. Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf REPORT MAINZ Anfrage:

“Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, der dabei zutage getreten ist, auch im Bereich von Arbeit”.

Im Auftrag der Brüdergemeinde hat Prof. Dr. Benno Hafeneger von der Universität Marburg die Akten zu Korntal ausgewertet. Seine Arbeit hat im Wesentlichen die Vorwürfe der Opfer bestätigt:

“In den 50er, 60er und Anfang der 70er Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden. Wenn die Kinder ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Also das war schon ein Ausbeutungssystem”, sagte Hafeneger im Interview mit REPORT MAINZ.

Gegenüber dem ARD-Politikmagazin berichtete Detlev Zander, der den Missbrauchsskandal in Korntal 2013 erstmals an die Öffentlichkeit trug, er habe von seinem sechsten bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Gärtnerei der Brüdergemeinde, im Stall und auf dem Acker arbeiten müssen. Ferner habe er als Heimkind mehrere Privathäuser mit gebaut und die privaten Fahrzeuge eines Heimleiters waschen müssen. Im Interview erinnert er sich:

“Ich habe auf der Baustelle so viel Gewalt erlebt. Gewalt und dieses ununterbrochene Arbeiten.”

Auch für Thomas Mockler hätten Arbeitseinsätze den Alltag im Heim geprägt. Neun Jahre lang habe er im Dienste der Brüdergemeinde arbeiten müssen, gegen seinen Willen. Im Interview mit REPORT MAINZ erhebt er schwere Vorwürfe:

“Wir durften den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Wände herausreißen. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.”

Konkrete Zahlen zum Ausmaß finden sich im Aufklärungsbericht zum Missbrauch in den Kinderheimen. Insgesamt wurden Gespräche mit 105 ehemaligen Heimkindern ausgewertet. So berichteten 64% der Betroffenen von Arbeitszwang, 31% sagten, sie hätten in Zusammenhang mit der Arbeit Gewalt und Strafen erlebt.

Mittlerweile hat die Brüdergemeinde nach eigenen Aussagen Anerkennungsleistungen in Höhe von 1.000 EUR bis 20.000 EUR an betroffene Heimkinder gezahlt. Auf Anfrage von REPORT MAINZ räumte die Brüdergemeinde ein:

“Wir sind uns bewusst, dass unsere finanziellen Anerkennungsleistungen nicht wieder gut machen können, was geschehen ist.”

Betroffene wie Thomas Mockler und Detlev Zander sagten gegenüber REPORT MAINZ, sie empfänden die bislang gezahlten Summen als Hohn. “Diese Summen sind den Taten und Misshandlungen in keinster Weise angemessen”, sagte Thomas Mockler. Sie wollen weiterkämpfen, nicht nur um eine Anerkennungsleistung, sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit. 

HINTERGRUND

Im Mai 2017 berichtete REPORT MAINZ erstmals von einem System der Gewalt in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde. Die pietistische, streng gläubige Gemeinde ist beheimatet in Korntal, nördlich von Stuttgart.

Zwei Betroffene erzählten exklusiv von schwerem sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigungen, dem sie immer wieder durch Mitarbeiter der Kinderheime ausgesetzt gewesen sein sollen. Darüber hinaus habe die Brüdergemeinde sie an Wochenenden an so genannte Patenfamilien abgegeben, wo sie ebenfalls sexuell missbraucht worden sein sollen.

Der weltliche Vorsteher der Evangelischen Brüdergemeinde, Klaus Andersen, sagte 2017 gegenüber REPORT MAINZ: “Das bedauern wir sehr. Und ich weiß, dass damals auch die Mitarbeiter, trotz alledem, mit viel Herzblut und Engagement ihre Arbeit getan haben.”

MISSBRAUCH IN DER EVANGELISCHEN BRÜDERGEMEINDE KORNTAL Aufklärer: Kinder wurden systematisch zur Arbeit gezwungen

MISSBRAUCH IN DER EVANGELISCHEN BRÜDERGEMEINDE

KORNTAL

Aufklärer: Kinder wurden systematisch zur Arbeit gezwungen

Kurz nach Abschluss der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch bei der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal decken Recherchen von “Report Mainz” ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern auf.

“Ich habe auf der Baustelle so viel Gewalt erlebt”, sagt Detlev Zander. “Gewalt und dieses ununterbrochene Arbeiten.” Zander ist das prominenteste Opfer eines Systems von sexuellem Missbrauch und Gewalt in Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg)zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren. Er hatte die Missbrauchsvorwürfe 2014 erstmals in die Öffentlichkeit getragen.

Nun berichtet Zander außerdem über ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern. Auch andere Betroffene bestätigen das. Sie hätten nicht nur in den Heimen selbst, sondern auch in der Landwirtschaft und am Bau viele Jahre lang und über viele Stunden am Tag arbeiten müssen. Das berichtet das ARD-Politikmagazin “Report Mainz”.

Aufklärer bestätigt ein “Ausbeutungssystem”

Im Auftrag der Brüdergemeinde hat Benno Hafeneger von der Universität Marburg die Akten zu Korntal ausgewertet. Seine Arbeit hat im Wesentlichen die Vorwürfe der Opfer bestätigt: “In den 50er-, 60er- und Anfang der 70er-Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden”, sagte Hafeneger gegenüber “Report Mainz”. “Wenn die Kinder ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Das war schon ein Ausbeutungssystem”.

“Kinder sind systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden.”

Benno Hafeneger, Aufklärer

Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf “Report Mainz”-Anfrage: “Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, der dabei zutage getreten ist, auch im Bereich von Arbeit.”

Als Heimkind Privathäuser gebaut und Autos gewaschen

Zander berichtet gegenüber dem Politikmagazin, er habe von seinem sechsten bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Gärtnerei der Brüdergemeinde, im Stall und auf dem Acker arbeiten müssen, sagt er. Außerdem habe er als Heimkind mehrere Privathäuser mitgebaut und die Fahrzeuge eines Heimleiters waschen müssen.

“Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.”

Thomas Mockler, ehem. Heimkind

Auch für den Betroffenen Thomas Mockler hätten Arbeitseinsätze den Alltag im Kinderheim geprägt. Neun Jahre lang habe er im Dienste der Brüdergemeinde arbeiten müssen, gegen seinen Willen. Im Interview mit “Report Mainz” erhebt er schwere Vorwürfe: “Wir durften den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Wände herausreißen. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.”

Konkrete Zahlen zum Ausmaß finden sich im Aufklärungsbericht zum Missbrauch in den Kinderheimen. Insgesamt wurden Gespräche mit 105 ehemaligen Heimkindern ausgewertet. So berichteten 64 Prozent der Betroffenen von Arbeitszwang, 31 Prozent sagten, sie hätten in Zusammenhang mit der Arbeit Gewalt und Strafen erlebt.

Opfer kämpfen für “gerechte Entschädigung”

Opfervertreter Detlev Zander bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Foto: picture-alliance / dpa)

Opfervertreter Detlev Zander bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Foto: picture-alliance / dpa)

 

Mittlerweile hat die Brüdergemeinde nach eigenen Aussagen Anerkennungsleistungen in Höhe von 1.000 bis 20.000 Euro an betroffene Heimkinder gezahlt. Auf Anfrage von “Report Mainz” räumte die Brüdergemeinde ein: “Wir sind uns bewusst, dass unsere finanziellen Anerkennungsleistungen nicht wieder gut machen können, was geschehen ist.”

Betroffene wie Thomas Mockler und Detlev Zander sagten gegenüber dem Politikmagazin, sie empfänden die bislang gezahlten Summen als Hohn. “Diese Summen sind den Taten und Misshandlungen in keinster Weise angemessen”, so Mockler. Sie wollen weiterkämpfen, nicht nur um eine Anerkennungsleistung, sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit.

Den ganzen Bericht von “Report Mainz” sehen Sie am Dienstagabend um 21:45 Uhr im Ersten.

Brüdergemeinde Korntal Abschlussbericht mit schockierenden Details veröffentlicht

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde Korntal

Abschlussbericht mit schockierenden Details veröffentlicht

Von tim/lai/fk 

Vier Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Heimen der Brüdergemeinde in Korntal und Wilhelmsdorf ist nun der offzielle Aufklärungsbericht veröffentlicht worden – mit teils schockierenden Ergebnissen.

Detlev Zander hat den Missbrauch in Heimen der Brüdergemeinde vor vier Jahren öffentlich gemacht. Foto: dpa
Detlev Zander hat den Missbrauch in Heimen der Brüdergemeinde vor vier Jahren öffentlich gemacht.Foto: dpa

Korntal-Münchingen – Schwerster sexueller Missbrauch, Vergewaltigungen, Schläge, Drohungen, Kinder, die ihr eigenes Erbrochenes essen mussten – die pietistische Brüdergemeinde in Korntal hat an diesem Donnerstag den lange erwarteten offiziellen Aufklärungsbericht zum Missbrauchsskandal in den drei Kinderheimen der diakonischen Einrichtung in Korntal und Wilhemsdorf vorgelegt. Mit teils schockierenden Ergebnissen.

408 Seiten umfasst das von den Aufklärern, der ehemaligen Richterin Brigitte Baums-Stammberger und dem Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger, angefertigte Werk. Die Kernaussage: „Die Erziehungskultur und deren Praktiken waren bis in die 1970er Jahre systematisch mit körperlicher und psychischer Gewalt verbunden.“ Die Kinder seien dem autoritären, mit Zucht, Zwang und Drill verbundenen Erziehungsstil rechtlos ausgeliefert gewesen.

Sexueller Missbrauch sei „systematisch möglich“ gewesen

81 Täter konnten identifiziert werden: Erzieherinnen, Heimleiter, Ärzte, Hausmeister, aber auch Bäcker oder Stallknechte. Auch zahlreiche Fälle von sexueller Gewalt wurden dokumentiert, die von verbaler Belästigung bis hin zu Vergewaltigungen reichen. Die Erkenntnisse fußen auf Akten und Interviews, die Baums-Stammberger mit insgesamt 105 ehemaligen Heimkindern geführt hat.

Der sexuelle Missbrauch der Heimzöglinge sei in den drei Heimen „systematisch möglich“ gewesen und begünstigt worden, weil Schutz- und Präventionskonzepte fehlten. Hinweise auf ein Netzwerk von Tätern, die systematisch Kinder missbrauchten, haben sich keine ergeben. Vielmehr habe es sich um eine Vielzahl von Einzeltätern gehandelt, die die Situation und das „Klima der Gewalt“ für ihre pädophilen und teils sadistischen Neigungen ausgenutzt hätten. Klaus Andersen, der weltliche Vorsteher der Gemeinde, nutzte die Vorstellung des Berichts, bei der auch mehrere Opfer teilnahmen, zu einer Entschuldigung. „Das Verhalten damals war falsch und entspricht nicht unserem christlichen Verständnis“, sagte er. „Wir bitten ehrlich und von Herzen um Entschuldigung.“

Die Fälle sind verjährt

Strafrechtlich sind die untersuchten Fälle verjährt, der Großteil der Taten ereignete sich zwischen 1949 bis Ende der 1980er Jahre. Detlev Zander, ein ehemaliges Heimkind, hatte den Missbrauchsskandal 2014 publik gemacht.

Brüdergemeinde bittet “um Vergebung” KINDERHEIME IN KORNTAL UND WILHELMSDORF

KINDERHEIME IN KORNTAL UND WILHELMSDORF

Brüdergemeinde bittet “um Vergebung”

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat sich für Missbrauchsfälle in ihren Heimen entschuldigt. Nach über einjähriger Arbeit stellte sie am Donnerstag ihren Aufklärungsbericht vor.

“Wir bitten um Vergebung für den Missbrauch“, sagte der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Die Gemeinde erkenne “schmerzlich und demütig in tiefer Betroffenheit das Leid der Betroffenen“ an. Der Aufklärungsbericht zu den Missbrauchsfällen in den Kinderheimen von 1945 bis in die 1980er Jahre bringe “erschreckende Gewissheit” darüber, was in den Heimen passiert sei.Der weltliche Vorstand der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, Klaus Andersen, am 07.06.2018 bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts zu den Missbrauchsfällen (Foto: SWR)

Vorstand Klaus Andersen bat die Opfer um Vergebung

Um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, hatte die pietistische Gemeinde zwei unabhängige Aufklärer verpflichtet: die ehemalige Richterin Brigitte Baums-Stammberger und den Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger.

Bruno Hafeneger hatte unter anderem Archivmaterialien der Brüdergemeinde analysiert. Man habe damals gewusst von Taten und Tätern, sagte er auf der Pressekonferenz. In Akten fanden sich laut Hafeneger dokumentierte Fälle von körperlicher und sexualisierter Gewalt.

Zahlreiche Opfer

Zur Aufklärung wurden auch Interviews mit mehr als 100 Opfern geführt. Laut Brigitte Baums-Stammberger kam heraus, dass 56 ehemalige Heimkinder sexualisierte Gewalt und 93 Kinder körperliche Gewalt erlebt haben.

Opfervertreter hatten lange dafür gekämpft, dass die Gemeinde ihre Vergangenheit aufarbeitet und Betroffene für das erlittene Leid entschädigt. Bis zu 20.000 Euro pro Person wurden ausgezahlt.

Erleichterung bei den Opfern

Opfervertreter Detlev Zander sprach von Genugtuung und Erleichterung. Nun sei schwarz auf weiß nachzulesen, was ihm und anderen in den Heimen angetan worden sei. Er sei jedoch geschockt, dass die Verantwortlichen der Brüdergemeinde damals laut Bericht von Misshandlungen wussten und sie die Kinder trotzdem nicht davor geschützt haben. “Da müssten einem die Tränen kommen”, sagte er. Gegenüber der SWR-Sendung Report Mainz hatte er die Aufarbeitung zuvor scharf kritisiert.

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal erklärte, die Ergebnisse des Berichts verstehe sie als Auftrag, das Geschehene nicht zu vergessen. Noch bis zum 30. Juni 2020 hätten ehemalige betroffene Heimkinder die Möglichkeit für Interviews mit Brigitte Baums-Stammberger. Solange würden auch “Anträge für Anerkennungsleistungen” angeboten. Diakonie und Brüdergemeinde würden an einem Weg arbeiten, um die Erinnerung wachzuhalten: gegen das Vergessen und für ein aufmerksames Miteinander.

STAND

MISSBRAUCHSFÄLLE IN KORNTAL Brüdergemeinde entschuldigt sich

MISSBRAUCHSFÄLLE IN KORNTAL

Brüdergemeinde entschuldigt sich

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde / Berlin diskutiert über Korntal

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde

Berlin diskutiert über Korntal

Von fk 

Großes Echo auf Kritik am Aufklärungsbericht zum Missbrauch in der Brüdergemeinde.

Das Hoffmannhaus ist   nach wie vor ein Kinderheim. Foto: factum/Granville
Das Hoffmannhaus ist nach wie vor ein Kinderheim.Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen – Der Aufklärungsbericht zur sexuellen Gewalt in den Heimen der Korntaler Brüdergemeinde wird zum Zankapfel. Experten streiten, der Missbrauchsbeauftragte des Bundes ist involviert. Damit steht Korntal seit einer Veranstaltung in der vergangenen Woche in Berlin im Fokus einer bundesweiten Debatte: Am Beispiel Korntal zeigt sich, dass es in Deutschland keine Standards für die Aufarbeitung jener Verbrechen gibt.

Die Zöglinge in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde wurden zwischen den Jahren 1950 und 1980 Opfer von physischer, psychischer, aber auch sexualisierter Gewalt. Das geht aus dem Bericht der Aufklärer Benno Hafeneger und Brigitte Baums-Stammberger hervor, der vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde. Die Kritik an der Publikation wurde dann vergangene Woche in Berlin öffentlich.

Kritik am Bericht wird in Berlin publik

Der Bericht entspreche in keiner Weise fachlichen Standards, sagt etwa die Traumatherapeutin Ursula Enders. Er vermittle vielmehr den Eindruck einer „Komplizenschaft mit eventuell immer noch in der Brüdergemeinde vorhandenen Bestrebungen der Vertuschung institutionellen Versagens“. Beispielhaft nennt sie den Umgang mit dem ehemaligen Gemeindepfarrer. Opfer bezichtigen ihn der Vergewaltigung. Im Aufklärungsbericht schreibt Brigitte Baums-Stammberger, es gebe dafür keine plausiblen Hinweise. Enders sieht die Missbrauchsopfer ein zweites Mal beschädigt. Baums-Stammberger aber bezweifelt, dass Enders „den Bericht fachlich überhaupt beurteilen kann, da sie nicht über die dafür notwendige Expertise verfügt“. Enders gehörte der Untersuchungskommission der Missbrauchsfälle in der Evangelisch-Lutherischen Nordkirche an.

Enders hatte ihre Kritik anlässlich einer Veranstaltung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs publik gemacht. Vertreter der Kirchen, der Wissenschaft und Betroffene hatten sich in Anwesenheit des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, mit dem Thema „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ befasst. Sowohl Vertreter der Brüdergemeinde als auch ehemalige Heimkinder hatten dort das Gespräch mit Rörig gesucht. Sein Fazit: „Auch wenn ein umfassender Bericht zu den sexuellen Gewalttaten erstellt ist und Anerkennungszahlungen an Betroffene geleistet werden, heißt das noch lange nicht, dass Aufarbeitung auch gelungen ist.“ Aufarbeitung in Kirchen und anderen Institutionen sei eine „schwierige und äußerst schmerzhafte Aufgabe, wie sich bisher in fast allen Aufarbeitungsvorhaben gezeigt hat, auch dem der Brüdergemeinde Korntal“.

Nach dem Hearing stehe für ihn fest, „dass Kirchen und andere Institutionen vor und während des Aufarbeitungsprozesses und vielleicht auch danach unbedingt eine sehr gute Beratung von unabhängiger Stelle benötigen“. Sie müsse Betroffenen und Verantwortlichen in Kirchen und Institutionen helfen, diesen Prozess gemeinsam und transparent zu verwirklichen. Er selbst, sagt Rörig, wolle den Dialog mit Betroffenen, Kirchen und Beteiligten an der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Brüdergemeinde fortsetzen. Mehr noch: „Ich erwarte von der von mir berufenen Aufarbeitungskommission, dass sie bis Anfang 2019 erste Vorschläge für Standards einer gelingenden Aufarbeitung vorlegt“, sagt er.

Brüdergemeinde begrüßt eine Auseinandersetzung mit dem Bericht

Die Kommission wird von der Professorin Sabine Andresen geleitet. „Ein großer Kritikpunkt der Kommission am Aufarbeitungsprozess in Korntal – und allen anderen – ist, dass die Kirche ihn nicht von sich aus angestoßen hat. Sie hat nur so viel getan, wie sie – auf Druck von Betroffenen und der Öffentlichkeit – tun musste“, sagt sie. Sollte das Gremium weiterhin bestehen, blieben Kirchen ein Schwerpunkt ihrer Untersuchungen.

Die Brüdergemeinde selbst hält sich zurück. Dass die Verarbeitung des Berichts aufgrund verschiedener Sichtweisen zu unterschiedlichen Bewertungen führe, sei nicht verwunderlich, sagt ihr Sprecher Gerd Sander. Die Aufklärer, deren Arbeit man weiter für kompetent halte, habe man um eine Stellungnahme gebeten. „Wenn der Aufklärungsbericht einen konstruktiven Diskurs über die Weiterentwicklung von Standards anregt, leistet er einen weiteren Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion. Eine fachliche und professionelle Auseinandersetzung mit dem Bericht halten wir für sinnvoll und wünschenswert.“

Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Deutschland

Anlaufstelle Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs soll an oberster Stelle der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung klären. Dabei geht es um Anliegen von Betroffenen, Experten aus Praxis und Wissenschaft und allen, die sich gegen sexuelle Gewalt einsetzen.

Die Kommission 
Die aus sechs Personen bestehende Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht bundesweit derartige Kriminalfälle. Unter Leitung der Professorin Sabine Andresen sollen Ausmaß, Art und Folgen sexueller Gewalt aufgezeigt werden. Die Kommission will damit nach eigenen Worten „eine breite politische und gesellschaftliche Debatte zu einem Thema anstoßen, das noch immer tabuisiert wird“. 
Sollte die Laufzeit der Kommission über März 2019 hinaus verlängert werden, blieben Kirchen ein Schwerpunkt der Arbeit, so Andresen. Die Kommission wird sich dann zudem mit Freikirchen, Heimen in kirchlicher Trägerschaft, Orden und Sekten beschäftigen. Kommission und unabhängige Beauftragte stehen im engen Austausch miteinander.

Brüdergemeinde Korntal Kinderzwangsarbeit bis zum Kollaps

Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde Korntal

Kinderzwangsarbeit bis zum Kollaps

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Die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei der Brüdergemeinde steht offiziell vor dem Abschluss. Die ARD-Sendung „Report Mainz“ legt den Fokus auf teils brutale Arbeitseinsätze der Heimkinder. Fachleute äußern derweil neue Kritik an den Aufklärern.

Feldarbeit war nicht nur in Korntal  Pflicht, wie dieses Bild einer Ausstellung in Stuttgart zeigt. Foto: Archiv Verein ehemaliger Heimkinder
Feldarbeit war nicht nur in Korntal Pflicht, wie dieses Bild einer Ausstellung in Stuttgart zeigt.Foto: Archiv Verein ehemaliger Heimkinder

Korntal-Münchingen – Steht die Aufklärung des Missbrauchsskandals vor dem Abschluss? Ende September soll zwar in Stuttgart das letzte Treffen der ehemaligen Heimkinder mit den Moderatoren in Stuttgart sein. Aber nach einem friedlichen Ende sieht es nicht aus. Hinter den Kulissen rumort es weiter, auch weil ein Teil der ehemaligen Heimkinder unzufrieden ist mit der Aufarbeitung. Die Aufarbeitung sei mit den Entschädigungen „auf ein für die Brüdergemeinde erträgliches Maß reduziert“, sagt etwa Angelika Bandle.

Sie lebte von 1959 bis 1970 in einem Kinderheim der pietistischen Brüdergemeinde. Die Gemeinde hat den Betroffenen bis zu 20 000 Euro bezahlt. „Wie oft muss man von Erziehern, Korntaler Pateneltern und Bürgern vergewaltigt worden sein, um 20 000 Euro zu bekommen? Die Maßstäbe sind nicht nachvollziehbar“, kritisiert Bandle. Gut möglich, dass auch dies im September zur Sprache kommt.

Das Grinsen des Erziehers wird ein Mann nicht vergessen

Derweil rückte das ARD-Politmagazin „Report Mainz“ am Dienstag einen bislang nur beiläufig in der Öffentlichkeit diskutierten Aspekt in den Fokus: Zwangsarbeit in den Heimen. Darüber hat unter anderem Detlev Zander berichtet, der die Fälle von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt vor vier Jahren öffentlich gemacht. Um die Fälle aufzuarbeiten, wurden mit der Juristin Brigitte Baums-Stammberger und dem Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger zwei Aufklärer benannt.

In ihrem im Juni vorgelegten Bericht zeichneten beide auch den Heimalltag der Kinder von den 1950er bis in die 1980er Jahre nach. Laut den Aufklärern hatten knapp 64 Prozent der 105 befragten Kinder davon berichtet, zur Arbeit verpflichtet oder gar gezwungen worden zu sein. Knapp ein Drittel sagte, bei der Arbeit geschlagen oder bestraft worden zu sein. Die Kinder mussten laut den Aufklärern in der Landwirtschaft, Hauswirtschaft und auf dem Bau mitarbeiten. Ein Betroffener, der bis Mitte der 1960er Jahre im Heim lebte, berichtet von der Rüben- und Kartoffelernte. „Ich habe beim Auflesen mal eine übersehen, da stieg der Verwalter ab und zeigte darauf. Dann trat er mir mit dem Stiefel voll in den Hintern. Einmal hat er mir eine Rübe an den Kopf geworfen, so dass ich bewusstlos war.“ Körperliche Beschwerden durch die ganztägige Feldarbeit bei Hitze seien von den Verantwortlichen ignoriert worden: Die Kinder durften nicht einmal Getränke mitnehmen, auf dem Feld bekamen sie aber auch nichts. Ein anderer Betroffener, der in den 1950er Jahren in einer Einrichtung der Brüdergemeinde lebte, erzählt: „Einmal haben wir eine Sprudelflasche gefunden und mit Leitungswasser gefüllt und mitgenommen. Der Erzieher hat sie vor unseren Augen ausgegossen. Das Grinsen sehe ich heute noch.“

Kritik am Bericht wird laut

Detlev Zander wiederum hatte bald schon nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe überhaupt gegen die Brüdergemeinde auch unter anderem vom Ferienlager in der Schwestergemeinde in Wilhelmsdorf bei Ravensburg berichtet. Das habe er weniger als Ferien-, vielmehr als Arbeitslager erlebt. Die Kinder hätten den ganzen Tag am Bau eines Privathauses des damaligen Heimleiters mithelfen müssen. Die Aufsicht über die Kinder habe der Hausmeister gehabt. Er gilt als ein Haupttäter im Missbrauchsskandal, er hatte sich mehrfach an den Kindern vergangen.

Die Aufklärer schildern in ihrem Bericht deutlich die Situation der Heimkinder. Manche Fachleute äußern allerdings auch Kritik an dem Bericht. Der langjährige Stuttgarter Jugendrichter Hans-Alfred Blumenstein etwa wundert sich über die Untersuchung im Fall des Hausmeisters. Laut den Aufklärern untersagte die Verwaltung dem Hausmeister 1961 den unmittelbaren Umgang mit Kindern. Dennoch schildern Betroffene ebenfalls im Bericht, wie der Mann auch nach 1961 etwa mit ihnen Traktor fuhr. Warum dies möglich war, bleibt offen. „Die Frage ist, ob die Heimmitarbeiter ihre Aufgabe in dieser Hinsicht ernst genommen haben. Sie hätten etwas tun müssen“, sagt er. Jeder habe wissen müssen, wes Geistes Kind der Hausmeister gewesen sei. Dass er dennoch direkten Kontakt zu den Kindern hatte, werfe ein Licht auf den Umgang des Heims mit den Kindern in Bezug auf deren sexuelle Unantastbarkeit. „Man fragt sich, warum die Aufklärer diesen Vorgängen nicht näher nachgegangen sind, weil sich daraus auch Rückschlüsse auf die gesamte Situation im Heim hätten ergeben können.“

Die Vorwürfe und der Richter Blumenstein

Der Missbrauchsskandal
Detlev Zander machte 2014 die Gewalt in den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal publik. Eine erste Aufarbeitung scheiterte, auch weil sich die Betroffenen zerstritten hatten. Im Frühjahr des vergangenen Jahres wurden die Aufklärer benannt, die diesen Juni ihren Bericht vorstellten.

Der Bericht 
Nach Kritik aus den Reihen jener, die den Korntaler Opfern nahe stehen, hat sich auch der ehemalige Stuttgarter Jurist Hans-Alfred Blumenstein mit dem Aufklärungsbericht befasst. Blumenstein wurde in der Öffentlichkeit unter anderem bekannt, weil er als Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht 1995 den ehemaligen Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr unter anderem des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen schuldig sprach.

Neue Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde Korntal

Recherchen von REPORT MAINZ zeigen, es gab ein System von Arbeitszwang und Strafen in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde. Betroffene schildern erstmals in der Öffentlichkeit, wie sie nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch am Bau systematisch und über viele Stunden am Tag hätten arbeiten müssen. Gegenüber REPORT MAINZ bestätigt die Evangelische Brüdergemeinde die Vorwürfe: “Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, der dabei zutage getreten ist, auch im Bereich von Arbeit”.

Prof. Dr. Benno Hafeneger (Universität Marburg) hat im Auftrag der Brüdergemeinde die Geschehnisse in den Kinderheimen untersucht. Er bestätigt die Aussagen der Betroffenen in Bezug auf Kinderarbeit und spricht von einem  “Ausbeutungssystem”, in dem Kinder unter Androhung von Strafen zu Arbeit gezwungen worden seien. Betroffene fordern nun eine in ihren Augen gerechte Entschädigung.

REPORT MAINZ fragt Dr. Brigitte Bosse