“Der Skandal ist, wie wir als Kirche mit Betroffenen umgegangen sind”

Bitte seid nicht traurig, wenn ich mir das Leben nehme. Ich kann nicht anders.

Foto: privat Als Detlev Zander dies schrieb, war er 14 Jahre alt und seit zwölf Jahren im Kinderheim der Brüdergemeinde Korntal. Zehn Jahre davon wurde er von mehreren Männern und Frauen regelmäßig gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt. Er hat den Brief erst im Jahr 2017 in seiner Akte aus dem Kinderheim gefunden.

“Der Skandal ist, wie wir als Kirche mit Betroffenen umgegangen sind”Über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und wie aufgearbeitet werden soll”Keine evangelische Landeskirche wird hinter dem heutigen Tag zurückbleiben wollen”, sagte Synoden-Präses Irmgard Schwaetzer nach dem Bericht zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche.13.11.2018 evangelisch.de

An Detlev Zanders Hotelzimmer in Würzburg lässt sich sehr schön sehen, wo die evangelische Kirche Nachholbedarf hat – und auf wie viel die Kirche achten muss, wenn sie sich ernsthaft mit dem Thema sexualisierter Gewalt in ihren Reihen auseinandersetzen will. Das kleine Zimmer liegt direkt über der Küche eines Restaurants und riecht auch so. Das Bett ist schmal und mit Kiefernfurnier verkleidet. Es ist Zufall, dass hier der gleiche dunkelbraune, kurzflorige Teppichboden liegt wie in Detlev Zanders Zimmer im Kinderheim Hoffmannhaus der Brüdergemeinde Korntal. Dort, wo er zehn Jahre lang von Männern und Frauen gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt wurde.L

Die EKD-Synodalen tagen im Vier-Sterne-Hotel mit Wellnessbereich. Es geht hier nicht um Sozialneid. Es geht um Wertschätzung, darum, jemanden auf Augenhöhe zu bringen. Detlev Zander und eine andere Betroffene von sexualisierter Gewalt sind zur EKD-Synode gekommen. Sie hören zu, was die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs zu sagen hat. Sie ist Sprecherin des EKD-Beauftragten-Rates für den Schutz vor sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Danach werden sie mit dem Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, und den Synodalen zu Mittag essen.

Dass Detlev Zander in Würzburg ist, hat er sich hart erarbeitet. Er hat selbst um die Einladung gebeten, und sie kam sehr kurzfristig. Da gab es schon längst kein Zimmer mehr im Vier-Sterne-Hotel. Diejenige, die sein Zimmer im Hotel am Bahnhof gebucht hat, konnte nicht ahnen, dass es ein solches Kabuff ist. Das Hotel hat gute Bewertungen bekommen. Und doch ist es unglücklich gelaufen. Hier zeigt sich, dass bisher nur wenige in der evangelischen Kirche zuständig für dieses anstrengende Thema sind – oder sich dafür verantwortlich fühlen. Und dass nur wenige wissen, worauf es ankommt, wenn man mit Betroffenen umgeht, die sich einem anvertrauen wollen. Für Vertrauen braucht es die richtigen Rahmenbedingungen, die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung hat das verstanden und das Vertrauen vieler Betroffener gewonnen, die sich im Juni 2018 auf einem öffentlichen Hearing zu sexualisierter Gewalt in den Kirchen geäußert haben.

Die große Hoffnung heute ist: Dass Kirsten Fehrs’ Einbringung auf der Synode in Würzburg auf breiter Ebene zu mehr Sensibilität führt. Dass ihr Bericht hoffentlich dafür sorgt, dass die evangelischen Landeskirchen sich wirklich zusammentun, um sich zu professionalisieren. Es soll unter anderem eine externe Anlaufstelle für Betroffene geben, die für das gesamte Bundesgebiet zuständig ist. Das ist gut, denn eine solche Stelle wünschen sich viele Betroffene, die Erfahrungen gemacht haben mit “Aufklärungsprozessen” in Landeskirchen, die häufig diesen Namen nicht verdienen. Die Gründe dafür sind vielfältig – einer davon ist, dass sich das Disziplinarrecht der Kirchen nicht dafür eignet, Opfern Genugtuung zu verschaffen.

“Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr”

Der Grund für das Leid vieler Betroffener in der evangelischen – und auch katholischen – Kirche sind nicht allein die niederschmetternden Erlebnisse ihrer Kindheit. Das Leid hat sich häufig fortgesetzt, wenn sie es wagten, die Täter bei der Institution Kirche zu melden. Dann, wenn sie sich offenbarten, um als Erwachsene Mitleid, Verständnis und Entschädigung für das in der Kindheit Erlebte zu bekommen, wiederholte sich bei ihnen die Erfahrung aus den Jahren, in denen sie als Kinder hilflos sadistischen und sexuell gestörten Erwachsenen ausgeliefert waren. Als sie es wagten, das Selbstbild der Kirche zu stören: sicher auf moralischem Grund, die wahren Werte lebend, dem sich opfernden Jesus Christus zur Seite stehend – da erfuhren sie die gleiche Macht- und Hilflosigkeit wie in ihrer Kindheit: Die Erwachsenen/die Amtspersonen in Kirchenverwaltungen, schützen sich gegenseitig und setzen die Kinder/die heute erwachsenen Betroffenen mit ihrer Autorität unter Druck.

Detlev Zander beispielsweise hat zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen: Einmal als 14-Jähriger im Kinderheim. Und einmal, nachdem er angefangen hatte, von der evangelischen Brüdergemeinde Korntal Schadenersatz zu fordern.

Dass sich die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit dieses Mechanismus’ gewahr wird und gemeinsam daran arbeitet, eine Retraumatisierung Betroffener zu verhindern, darum bat Kirsten Fehrs in ihrem Bericht. Sie bekam langanhaltenden Applaus, die Synodalen standen dafür auf. In der anschließenden Aussprache brachten viele zum Ausdruck, wie tief beschämt sie über das sind, was Kirsten Fehrs ihnen vorgetragen hatte. Diese Scham zeigt leider auch, dass sich einige Synodale erst jetzt bewusst werden, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche existentiell an den Grundfesten des Selbstverständnisses ihrer Kirche rüttelt. “Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr”, sagte Kirsten Fehrs zu den Synodalen. “Kind, du bist uns anvertraut, das möchten wir so sagen können, dass die Menschen uns das abnehmen”, sagte die Synodale Katrin Göring-Eckardt.

“Die Kirche von 2018 ist nicht mehr die gleiche wie 2010”, sagte ein anderer Synodaler. Ja, das stimmt. Aber sie ist immer noch eine Kirche, die irre viel zu lernen hat. Kirsten Fehrs kann diesen Prozess vorantreiben. Sie, die Bischöfin der Nordkirche, hat sich seit ihrem Amtsantritt in der Nordkirche mit dem Leid der Betroffenen und ihrem Wunsch nach Aufarbeitung auseinandergesetzt. In der Nordkirche hat sie viel erreicht und viel gelernt. Auch das Hearing im Juni hat sie besucht und sich anders als viele andere Oberhäupter der evangelischen Landeskirchen den Geschichten der Betroffenen gestellt.

Foto: Lilith BeckerDetlev Zander im Restaurant in Würzburg.

Die EKD-Synode hat sich das Thema nicht selbst gewählt: Sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche. Den Druck machten das Hearing und der Missbrauchsbericht zu Fällen in der katholischen Kirche, den die Deutsche Bischofskonferenz im September vorgestellt hatte. Die Scheinwerfer sind an, die Menschen erwarten eine Antwort. Kirsten Fehrs weiß das, die Kirchenkonferenz auch: Anfang September hat sie sich entschieden, einen Beauftragten-Rat aus fünf Menschen mit höheren Ämtern in der Kirche damit zu betrauen, sich um die richtige Strategie zu bemühen, wie mit Betroffenen umgegangen werden kann und flächendeckend aufzuarbeiten. Herausgekommen ist ein 11-Punkte-Handlungsplan, der unter anderem zwei Studien vorsieht: Eine, die herausfinden soll, was die Landeskirchen in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Dann eine so genannte Dunkelfeld-Studie, die herausfinden soll, wieviele Betroffene von Missbrauch es wirklich gibt und warum sie sich nicht getraut haben, mit ihren Geschichten hervorzutreten.

Die evangelische Kirche ist bisher noch im Tiefflug unter dem katholischen Missbrauchsskandal hindurchgerauscht. Aber das kann sich ändern. Und davor haben sicherlich manche Angst: Denn es könnte Kirchenaustritte bedeuten, so wie in der katholischen Kirche auch. Es könnte einen größeren Ansehensverlust für die evangelische Kirche bedeuten.

In der Aussprache der Synode wurde jedoch auch deutlich, dass zumindest die, die sich zu Wort meldeten, bereit sind, das Vorgehen des neuen Beauftragten-Rates erstmal bedingungslos zu unterstützen. Henning von Wedel, Synodaler aus der Nordkirche, sagte: “Der Skandal ist, wie wir als Kirche mit Betroffenen umgegangen sind.” Wenn aus dieser Einsicht echte Empathie und Verständnis für die Betroffenen erwächst, kann der Aufarbeitungsprozess gelingen. Und hoffentlich bekommen Betroffene die Möglichkeit, an diesem Aufarbeitungsprozess innerhalb der Kirche konstruktiv und auf Augenhöhe mitzuarbeiten. Dann ist vielleicht auch ein Zimmer im Vier-Sterne-Hotel für sie drin.

Aufarbeiten, was hinter diesen Mauern geschah: das Kinderheim der Brüdergemeinde Korntal.

Kindheit im Risikoraum SZ.de

8. Juni 2018, 10:17 Uhr

Missbrauch in Korntal

Brüdergemeinde Korntal
Aufarbeiten, was hinter diesen Mauern geschah: das Kinderheim der Brüdergemeinde Korntal.(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Hunderte Zöglinge wurden in der evangelisch-pietistischen Gemeinde Korntal Opfer von Gewalt. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle war langwierig und demütigend.Von Matthias Drobinski, Stuttgart

Vier Minuten hat Detlev Zander jetzt. Vier Minuten, wo doch so viel zu erzählen wäre über diese Kindheit mit Demütigungen, Schlägen, Vergewaltigungen; wo er doch reden müsste über die Zeit, wo die schlimme Erinnerung wiederkehrte und er beschimpft wurde, weil er darüber redete, wo er selber in Wut und Zorn die Fassung verlor. Die vier Minuten Redezeit im Konferenzraum eines Stuttgarter Hotels hat er sich erkämpft; hat sich, bis es so weit ist, hinter dem Tablet verschanzt und filmt, wischt sich den Schweiß von der Glatze. Aber er hat sich im Griff, seit er Anfang des Jahre in der Klinik war, nach dem Zusammenbruch. Sie haben ihn wieder aufgerichtet und gut eingestellt.

“Heute ist ein schwarzer Tag für die Brüdergemeinde Korntal”, sagt er, “denn jetzt haben wir es Schwarz auf Weiß: Wir haben nicht gelogen.” Vor vier Jahren hat Detlev Zander die Geschichte seiner Kindheit im Kinderheim Hoffmannhaus der evangelisch-pietistischen Brüdergemeinde veröffentlicht. Als 2010 die Übergriffe in der katholischen Kirche und der Odenwaldschule publik wurden, hatte ihn die Erinnerung wieder eingeholt, die er, der gestandene Krankenpfleger, so lange verdrängt hatte. Er wurde zuerst als Lügner hingestellt, doch dann tauchten immer mehr ehemalige Zöglinge auf und bestätigten Zanders Geschichten. Da war die sadistische Tante G., die in ihrer “Rotkehlchengruppe” die Kinder windelweich schlug und sie zwang, Erbrochenes wieder zu essen. Da war der Hausmeister, der immer Jungs abholte, weil er mit ihnen angeblich Fahrräder reparieren wollte. Da war die Zwangsarbeit, waren die prügelnden Erzieher, ohne jede Ausbildung, aber beseelt von der Idee, den Kindern den Teufel austreiben zu müssen.

Und so sitzen jetzt vorn auf dem Podium die frühere Frankfurter Richterin Brigitte Baums-Stammberger und der Marburger Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger und präsentieren ihren Aufklärungsbericht; er enthält die Geschichten von 105 ehemaligen Heimkindern und eine umfangreiche Analyse der Akten. Bis zu 300 Kinder seien Opfer von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt geworden, sagen sie, 81 Täter seien benannt worden, acht könne man als Intensivtäter ansehen. Eine interne Kontrolle habe es so wenig gegeben wie eine funktionierende Heimaufsicht; es habe zwar auch Anzeigen und Gerichtsverfahren gegeben, oft seien die Taten vertuscht worden. “Wie so viele Kinderheime in dieser Zeit waren die Korntaler Einrichtungen für Kinder ein Risikoraum”, sagt Hafeneger; “die Kinder galten als verwahrlost, frech und renitent, das musste ihnen mit Härte ausgetrieben werden.” Hinzu sei noch das Gottesbild der 1819 gegründeten Gemeinschaft gekommen: “Es war das Bild eines strengen, strafenden Gottes.” Der aber wegsah, wenn der Hausmeister sich wieder ein Kind holte.

Man spürt: Es ist ein großer Tag für Detlev Zander, das stille Kind von damals mit der dicken Hornbrille, der dem Hausmeister sagte: Nimm mich, als der sich an seinen sensiblen Freund heranmachte. Der Freund brachte sich dann doch um, er ist einer von vielen. “Ohne mich gäbe es das hier nicht”, sagt Zander, und alle nicken. Er dankt den Aufklärern und auch Klaus Andersen, dem weltlichen Vorsteher der Gemeinde, der mit auf dem Podium sitzt – für seinen Mut, sich auch gegen Widerstände in der Gemeinde den Taten zu stellen. Er sagt aber auch: “Es braucht noch eine Aufarbeitung des Aufarbeitungsprozesses.”

Es war nämlich ein weiter und demütigender Weg bis zu dem Bericht, der da an diesem Donnerstag vorgestellt wird. Klaus Andresen, erst seit 2011Gemeindevorsteher, hatte zunächst die Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff mit der Aufarbeitung beauftragt, aber bald hatten sich Wolff und die Betroffenen überworfen. “Sie war sehr unsensibel”, sagt Zander; so habe sie ihn mit Spitznamen wie “Knalltüte”, “Überraschungsei” oder “Krawallbürste” bedacht, “sie fand das witzig, ich verletzend”. Andere, die von Hartz IV lebten, ärgerte es, dass Frau Wolff über den Fortgang ihres Häuslebaus berichtete. Die Betroffenen zerstritten sich, die Aufarbeitung endete in Misstrauen, Schreiereien, bitteren Vorwürfen. “Eine Katastrophe”, sagt Ursula Enders, die Mitbegründerin der Beratungsstelle “Zartbitter”, die Zander begleitet, “ein solches menschliches Versagen habe ich noch nicht erlebt.” Immer noch gibt es keine allgemein anerkannten Standards der Aufarbeitung.

“Er schrie uns an, er müsse den Satan aus uns heraustreiben.”

Zander hätte gerne noch viele Fragen gestellt im Konferenzsaal des Hotels – drei Stunden hatte ein paar Tage vor der Pressekonferenz das Gespräch mit ihm in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung gedauert. Warum wurden nur die Akten und Berichte bis Ende der 80er Jahre aufgearbeitet? Der jüngste bekannt gewordene Übergriff stammt aus den frühen 2000er Jahren. Warum finden sich immer noch die Namen der Gewalttäter auf den Ehrentafeln der Gemeinde; warum gibt es keinen Gedenkort für die Opfer? “Es muss auch konsequenter nach der Rolle der Religion und der Kirche gefragt werden”, sagt Zander. Er hat einen Brief an den württembergischen Landesbischof Otfried July geschrieben – dass der ihm freundlich ein Seelsorgegespräch angeboten hat, ist Zander zu wenig. Zu gut ist ihm Pfarrer Fritz Grünzweig in Erinnerung, der von der Landeskirche für seinen Dienst in Korntal freigestellt wurde und hohes Ansehen in der Kirche genoss. “Er schlug uns und rastete manchmal regelrecht aus”, erzählt Zander, “er schrie uns an, er müsse den Satan aus uns heraustreiben, wir seien Teufelsbrut”.

Viel zu viel ist das alles für vier Minuten Redezeit. Vorsteher Andersen ist dran, er bittet um Entschuldigung, verspricht, alles zu tun, um die Würde der Betroffenen wiederherzustellen. Es wirkt echt, aber mancher aus dem Kreis der ehemaligen Heimkinder im Publikum schnaubt empört. Bis Juni 2020 können sich Betroffene melden; die Gemeinde zahlt zwischen 5000 und 20 000 Euro; dass Zander 20 000 Euro erhalten hat, macht ihn nicht bei allen Mitbetroffenen beliebt.

Doch jetzt drängen sich erst einmal alle aufs Gruppenfoto – ein bisschen Versöhnung an diesem Mittag.

In den 60er Jahren wurden erstmals Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der christlichen Brüdergemeinde in Korntal aktenkundig, die Verantwortlichen wussten davon – doch die Täter wurden geschützt.

Die Brüdergemeinde hat Taten vertuscht

Von Franziska Kleiner und Tim Höhn 19. Januar 2018 – 16:30 Uhr

In den 60er Jahren wurden erstmals Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der christlichen Brüdergemeinde in Korntal aktenkundig, die Verantwortlichen wussten davon – doch die Täter wurden geschützt. 

Im Korntaler  Hoffmannhaus sollen mehrfach  Kinder vergewaltigt worden sein – für einen Hausmeister beispielsweise hatten seine sexuellen  Übergriffe keine Konsequenzen. Foto: dpa
Im Korntaler Hoffmannhaus sollen mehrfach Kinder vergewaltigt worden sein – für einen Hausmeister beispielsweise hatten seine sexuellen Übergriffe keine Konsequenzen.Foto: dpa

Korntal-Münchingen – Immer mehr ehemalige Heimzöglinge berichten von ihren Erlebnissen in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Sie erzählen von physischer und psychischer Gewalt, die sie in den Jahren 1950 bis 1970 in den Kinderheimen erlebt haben. Inzwischen hat die Juristin Brigitte Baums-Stammberger, die mit dem Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger für die Aufklärung der Missbrauchsfälle zuständig ist, mehr als 85 Gespräche mit Betroffenen geführt.Mehr zum Artikel

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Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass die Brüdergemeinde früh von einzelnen Tätern wusste, diese aber weiterhin in ihren Reihen duldete. Das legen Informationen nahe, die unserer Zeitung vorliegen.

Diese beziehen sich vor allem auf einen langjährigen Hausmeister. Der inzwischen verstorbene Mann soll Heimzöglinge vergewaltigt haben. Das haben Betroffene in den vergangenen Monaten mehrfach berichtet. Jetzt zeichnet sich ab, dass die Übergriffe bereits in den sechziger Jahren aktenkundig wurden. Trotzdem blieb der Mann weiterhin im Kinderheim Hoffmannhaus tätig. „Man hat ihn nicht entlassen, weil er wohl ein unverzichtbarer Handwerker war“, berichtet Detlev Zander aus dem Gespräch, das er im Rahmen der Aufklärung mit Baums-Stammberger und Hafeneger geführt hat. Hafeneger wertet derzeit die Archivbestände aus.

Hat die Brüdergemeinde tatsächlich wissentlich einen Hausmeister weiter beschäftigt – und ihm so die Möglichkeit eingeräumt, sich weiter an Kindern zu vergehen? Klaus Andersen, der Vorsteher der Brüder, lehnt eine Stellungnahme zu diesem ungeheuerlichen Verdacht ab und verweist darauf, dass es Aufgabe des Aufklärer-Duos sei, alles ans Licht zu bringen.

Die Aufklärer haben bislang Gespräche mit 87 Opfern geführt

Der heute 56-jährige Zander lebte von 1963 bis 1977 im Korntaler Hoffmannhaus und wurde nach eigenen Angaben in dieser Zeit selbst ein Opfer des Hausmeisters. Zander war 2014 mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen und hatte die Aufklärung damit in Gang gebracht. Vor wenigen Tagen nun hat er sich erstmals zu einem Gespräch mit den Aufklärern Baums-Stammberger und Hafeneger getroffen. Deren Abschlussbericht soll laut der Brüdergemeinde in diesem Jahr fertig und veröffentlicht werden.

Hafeneger selbst äußert sich mit Verweis auf die Vertraulichkeit nicht im Detail zu dem Gespräch. Zander habe detailliert seine Gewalterfahrungen in Korntal geschildert, so Hafeneger. „Dabei ging er auf die strafende erzieherische Atmosphäre, unterschiedliche Formen sexualisierter, körperlicher und seelischer Gewalt ein, die er selbst wiederholt und über einen längeren Zeitraum erlebt hatte und die auch andere Kinder – so seine Hinweise – erlebt haben.“ Zander habe zudem präzise Ereignisse und Namen von Täterinnen und Tätern sowie Tatorte benannt, aber auch positive Erlebnisse und Erfahrungen in Korntal nicht ausgelassen. „Das Gespräch verlief sehr konzentriert und in einer offenen, von Respekt und Vertrauen geprägten Atmosphäre.“

87 solcher Gespräche mit Betroffenen wurden inzwischen geführt. 23 weitere Treffen mit Opfern sind terminiert. Das Archivmaterial sei umfangreich gesichtet und zum Teil schon ausgewertet, „So viel lässt sich sagen: Vieles, was Herr Zander berichtet hat, kann von den Aufklärern bestätigt werden“, berichtet Benno Hafeneger, der noch Gespräche mit zwei Schwestern plant, die früher in den Einrichtungen der Gemeinde tätig waren.

Die ehemaligen Heimkinder sollen entschädigt werden – mit bis zu 20 000 Euro

Detlev Zander hatte lange gezögert, sich überhaupt auf das Gespräch einzulassen. Seine Ablehnung begründete er stets damit, dass die Opfer in dem Aufklärungsprozess nicht ausreichend gewürdigt würden. Die Brüdergemeinde hat zugesichert, den Betroffenen in Anerkennung ihres Leids bis zu 20 000 Euro zu bezahlen. Die Gespräche sind freiwillig – aber das Geld erhält nur, wer daran teilgenommen hat. Auch diesen Aspekt hat Zander immer wieder kritisiert.

Über die Auszahlung des Gelds an die einzelnen Opfer entscheidet die sogenannte Vergabekommission. Nach anfänglichen Schwierigkeiten – unter anderem hatte die baden-württembergische Ex-Ministerin Katrin Altpeter die Intransparenz des Verfahrens kritisiert und sich deshalb aus der Kommission zurückgezogen – sind die vier Mitglieder nun benannt. Das haben Elisabeth Rohr und Gerd Bauz, die den Prozess im Auftrag der Brüdergemeinde moderieren, am Mittwoch mitgeteilt.

Die vierköpfige Kommission unter dem Vorsitz der Aufklärerin Brigitte Baums-Stammberger soll erstmals im Februar tagen. Die Namen der Mitglieder bleiben geheim, „um eine größtmögliche Unabhängigkeit sicherzustellen und jede Form von Beeinflussung auszuschließen“, erklären die Moderatoren. So sei man auch bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen vorgegangen.

Das allerdings ist nicht korrekt. In Regensburg wurden die Namen sehr wohl veröffentlicht, sogar auf der Webseite der Domspatzen waren sie zu lesen. Wichtiger für die Opfer dürfte indes sein, dass das Geld tatsächlich fließt. Ausgezahlt werden sollen die Anerkennungsleistungen, wenn alle Opfergespräche geführt sind. Dies soll „nach Möglichkeit“ in diesem Frühjahr der Fall sein, erklären die Moderatoren.Weitere Artikel zu    KorntalSexueller Missbrauch zur Homepage21 shares tweets share21 sharestweetsshare

Brüdergemeinde Korntal

Missbrauchsskandal KorntalMissbrauch: Heimopfer fordern Entschädigung

Von Franziska Kleiner 18. März 2019 – 06:00 Uhr

Ehemalige Schützlinge der Brüdergemeinde hoffen auf die Politik – und haben ein Vorbild.

Eine kleine Gruppe  hat am Sonntag auf dem Saalplatz demonstriert. Foto: factum/Granville
Eine kleine Gruppe hat am Sonntag auf dem Saalplatz demonstriert.Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen – Am Sonntag hat eine kleine Gruppe ehemaliger Heimkinder in Korntal demonstriert. Sie versammelten sich in unmittelbarer Nähe zu einer Veranstaltung der evangelischen Brüdergemeinde, in deren Einrichtungen die Kinder zwischen 1950 und 1970 Opfer sexueller, physischer und psychischer Gewalt geworden sind. Erstmals forderten die Betroffenen öffentliche Entschädigungszahlungen. Sie sollen nach dem Vorbild der Alpenländer geleistet werden. Noch in diesem Monat soll es deshalb ein Treffen mit dem Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) geben. „Ich wünsche mir von der politischen Seite eine Unterstützung für die Entschädigungsleistungen“, sagt das ehemalige Korntaler Heimkind Angelika Bandle.Mehr zum Artikel

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Ein bisschen mehr Rente

In Österreich erhalten die Betroffenen, die Opfer von Gewalt in Heimen wurden, seit 2017 eine Entschädigung. Mit dem Erreichen des Rentenalters bekommen sie monatlich 300 Euro. In der Schweiz würde über solche diese Zahlungen ebenfalls diskutiert, sagt Bandle. Sie begründet damit auch, welche Bedeutung das Treffen mit dem Minister hat. „Wir fordern eine Entschädigung für die entgangenen Bildungschancen.“ Die Opfer der Gewalt seien gesundheitlich so angeschlagen, dass sie dadurch um ihre Berufschancen gebracht worden seien. Ganz zu schweigen davon, dass man ihnen während der Heimzeit Bildung verwehrt habe, weil man stattdessen arbeiten musste. „Etliche der zwischen 40- und 50-Jährigen sind auf staatliche Leistungen angewiesen oder leben an der Armutsgrenze leben.“ Bandle ist Sprecherin der seit 2018 bestehenden Selbsthilfegruppe Heimopfer Korntal.

Keine Standards für die Aufarbeitung

Es gehe ihr nicht darum, abermals den Aufklärungsbericht zu diskutieren, stellt Bandle klar. Zwei Aufklärer hatten den Bericht im Sommer 2018 vorgelegt – vier Jahre, nachdem die ersten Vorwürfe von physischer, psychischer und sexueller Gewalt in den Kinder -und Jugendheimen der pietistischen Gemeinde laut geworden waren. Die Suche nach einem Aufklärer war schwierig gewesen, ein erster Anlauf zur Aufarbeitung gescheitert. Letztlich verpflichtete sich die Brüdergemeinde zu Zahlungen von bis zu 20 000 Euro pro Opfer, um das Leid anzuerkennen, das den Heimkindern bei der Brüdergemeinde zugefügt worden war. Die Taten selbst waren in den meisten Fällen juristisch verjährt. Das Verfahren war auch deshalb schwierig, weil es bundesweit keine Standards für eine Aufarbeitung gibt. Sie werden erst erarbeitet.

Wie an das Geschehen erinnern?

Auch wenn der Bericht inzwischen vorliegt, ist die Aufarbeitung der Korntaler Geschehnisse nicht abgeschlossen. Die Betroffenen fordern eine Erinnerungskultur ein. Unklar ist, wie dauerhaft an die Gewalt in den Einrichtungen erinnert werden soll.

An einer Erinnerungskultur ist auch dem Bürgermeister Joachim Wolf gelegen. Keine kommunale Behörde habe im Missbrauchsskandal Schuld auf sich geladen, betont er. „Das haben wir untersucht.“ Gleichwohl verhehlt er nicht, dass das Image der Stadt in den vergangenen Jahren gelitten habe. Man spreche nicht mehr länger vom „heiligen Korntal“. „Man verbindet Korntal heute mit dem Missbrauchsskandal. Umso wichtiger ist mir ein guter Umgang mit der Aufarbeitung.“

Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsskandal

Brüdergemeinde Korntal Für viele ist der Skandal noch nicht vorbei

Von Franziska Kleiner 02. Oktober 2018 – 16:30 Uhr

Die Brüdergemeinde Korntal erklärt die Aufklärung des Missbrauchsskandals für beendet. Kritiker sehen das anders und fordern eine zweite Untersuchung.

Mit einer kleinen Demonstration vor dem Veranstaltungsort haben ehemalige Heimkinder auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. Foto: factum/Granville
Mit einer kleinen Demonstration vor dem Veranstaltungsort haben ehemalige Heimkinder auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht.Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen/Stuttgart – Vor dem Park Inn Hotel in der Stuttgarter Innenstadt sind große Plakate aufgestellt. „Tiefe Trauer um die, die nicht die Kraft hatten, damit zu leben“ steht dort zu lesen. Und: „Wir sind Überlebende von Vergewaltigung, Demütigung und Folterungen.“ Am Sonntag haben sich die Opfer des Korntaler Missbrauchsskandals in Stuttgart getroffen, es sollte ein Abschluss sein. Die Brüdergemeinde hält die Aufklärung für beendet.Mehr zum Artikel

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Aber ist es wirklich vorbei? Viele sehen es anders, und viele ehemalige Heimkinder nutzten die Gelegenheit, um für ihr Anliegen zu demonstrieren. Zeitweise hätten bis zu 20 Betroffene an der Demonstration teilgenommen, sagt Angelika Bandle.

2014 an die Öffentlichkeit gegangen

Bandle ist ein ehemaliges Heimkind, ebenso wie Detlev Zander, beide halten den im Juni veröffentlichten Aufklärungsbericht für unzureichend. So sei etwa nicht untersucht worden, ob Gemeindemitglieder oder andere Bürger Mitwisser waren – oder zwischen 1950 und 1980 gar selbst zu Tätern geworden seien. Die Kinder in den Heimen der evangelischen Gemeinde waren vielfach Opfer von sexueller, psychischer und religiöser Gewalt geworden. Zander hatte dies 2014 öffentlich gemacht. „Im Endergebnis ist das eine Täterschutz-Aufklärung und ein Brüdergemeinde-Rettungsprogramm“, sagt er jetzt. Eine zweite Untersuchung sei zwingend.

Doch diese steht derzeit nicht zur Debatte. „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte und Gründe“, sagt der Sprecher der pietistischen Gemeinde, Gerd Sander. Die Brüdergemeinde als Träger der Kinderheime hat, wie in Aufarbeitungsprojekten üblich, die Studie finanziert.

Forderung: Verjährungsfrist streichen

Nach einem Streit verfolgen Bandle und Zander nun getrennt voneinander dasselbe Ziel. Sie sehen die Politik am Zug. „Die Verjährungsfrist muss weg. Außerdem müssen Institutionen und auch Familien strafrechtlich und finanziell in die Pflicht genommen werden“, sagt Bandle. Nach geltendem Recht verjähren Taten des sexuellen Missbrauchs nach fünf bis 30 Jahren. Zander verweist auf den Missbrauchsbeauftragten des Bundes. Johannes-Wilhelm Rörig hatte im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche ein Abkommen zwischen Staat und Kirche angeregt. Statt dass die Kirche die Vorfälle in Eigenregie aufarbeite, sollten Externe beteiligt werden, um Transparenz und Offenheit zu schaffen. Wenn es die Kirche wirklich ernst meine, müsse der Staat helfen, hatte Rörig in einem Interview gesagt.

Angelika Bandle und ihre Mitstreiter haben sich derweil zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen, die landesweit aktiv sein will. Als Gruppe wollen sich die ehemaligen Heimkinder jetzt verstärkt mit anderen organisierten Opfern von sexueller Gewalt zusammentun.

Am letzten Opfertreffen in Stuttgart haben am Sonntag rund 45 Betroffene teilgenommen. Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde bat die ehemaligen Heimkinder um Vergebung. Anders als in der Vergangenheit wurde die Atmosphäre von vielen als angenehm bezeichnet. Auch von Wolfgang Schulz, auch er ein Betroffener. Ihn freue die sachliche Atmosphäre, sagte er im Anschluss. Andererseits habe er ein ungutes Gefühl, weil er nicht wisse, wo die „teils berechtigte Kritik“ der Betroffenen geblieben sei.

Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsskandal

Missbrauchsskandal bei der Korntaler Brüdergemeinde„Widerstände gibt es bis heute“

Von Franziska Kleiner 01. Oktober 2018 – 16:30 Uhr

Nicht alles, was ehemalige Korntaler Heimkinder aufklären wollen, wurde im Aufklärungsbericht bearbeitet. Ein Gespräch mit dem Aufklärer Benno Hafeneger über Verdrängen, Wegschauen und Vertuschen und den Druck der Opfer.

In den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde  waren Kinder jahrzehntelang Opfer von Gewalt. Foto: dpa
In den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde waren Kinder jahrzehntelang Opfer von Gewalt.Foto: dpa

Korntal-Münchingen – Nicht alles, was ehemalige Heimkinder aufklären wollen, wurde in dieser Untersuchung bearbeitet. Ein Gespräch über Verdrängen, Wegschauen und Vertuschen und den Druck der Opfer.Mehr zum Artikel

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Überrascht Sie die Kritik an Ihrem Bericht? Es sind ja nicht nur etliche Opfer, sondern auch Fachverbände unzufrieden damit.

Nein, es wäre eher verwunderlich gewesen, wenn es keine Kritik gegeben hätte. Es gibt immer kritikwürdige Punkte, wie wir es gerade auch beim Bericht über die sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche erleben. Das gehört zum wissenschaftlichen Geschäft, ermöglicht erst produktive Kontroversen und generiert weitergehende Fragen und Deutungen. Die Frage ist, wie seriös und gehaltvoll die Kritik ist. Mir ist nicht bekannt, dass es Kritik von mehreren Fachverbänden gegeben hätte. Die Kritik, die von einer einzigen Kontakt- und Informationsstelle kam, ordne ich nicht einem seriösen wissenschaftlichen Diskurs zu. Dass es aus unterschiedlichen Gründen immer auch Betroffene gibt, die unzufrieden sind und bleiben, ist aus vielen Aufarbeitungsprozessen bekannt.

Das gilt auch für Korntal.

Das ist zu akzeptieren. An alle Seiten ist zu appellieren, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Sind denn die Vorwürfe allesamt haltlos?

Natürlich gibt es einzelne Anmerkungen, die interessant sind; einen will ich andeuten. Pfarrer Grünzweigs Predigten wurden nicht untersucht, weil wir die „schwarze Pädagogik“, die sich vielleicht in ihnen finden lässt, aus den Archivmaterialien gut erschließen konnten.

„Schwarze Pädagogik“ bezeichnet Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung umfassen. Bleiben wir bei Pfarrer Grünzweig. Opfern zufolge hatte der Hausmeister, der als Haupttäter gilt, auch nach Grünzweigs Verweis weiterhin Kontakt mit Kindern. Wie war das möglich?

Natürlich haben wir versucht, das zu klären. Aus den Akten ist das nicht ersichtlich und die Mitglieder der Gremien und der Heimleitung leben nicht mehr. Meine Deutung ist, dass in Unkenntnis und ohne Blick auf Strukturen, Mentalitäten, Risikofaktoren und Täterstrategien Vorstand und Heimleitung dachten und hofften, das pädokriminelle Verhalten des Hausmeisters sei einmalig gewesen. Und dass er dies nach Verweis, Kontaktverbot und Wohnungswechsel einstellen würde. Ob und wer in der Folge von seiner sexualisierten Gewalt gewusst hat, ob hier um der Institution willen weggeschaut, geschwiegen, vertuscht, bagatellisiert oder gar stillschweigend geduldet worden ist, darüber kann nur spekuliert werden. Fakt ist, dass er weiterhin und lange Zeit – sich wohl in Sicherheit wiegend – Jungen sexualisierte Gewalt angetan hat und es keine Strafanzeige gab.

Ein verstorbener Wohltäter der Gemeinde steht bei Betroffenen weiter im Fokus. Im Aufklärungsbericht verweisen Sie aber auf widersprüchliche Opferangaben. Haben Sie nicht versucht, in der Gemeinde mehr über den Mann zu erfahren?

Die Studie war nicht als Lokal- oder Gemeindestudie oder als Bevölkerungsbefragung angelegt. Eine so breite, über die Institutionen hinausgehend angelegte Untersuchung gibt es in den Aufarbeitungsprozessen bisher nicht. In den Akten findet sich kein Hinweis auf diese in der Gemeinde ehrenamtlich tätige Person.

Betrachten Sie Ihre Arbeit als beendet?

Ja, das gilt für die Analyse von Akten und Archivmaterial sowie die Auswertung von den Gesprächen, die in den Bericht eingingen. Inzwischen gab es weitere Interviews, zahlreiche Gespräche sind bis Jahresende terminiert. Man muss abwarten, ob es einer ergänzenden Auswertung bedarf.

Zu Beginn Ihrer Recherche betonten Sie, die Brüdergemeinde nehme keinen Einfluss auf Ihre Arbeit. Ist es dabei geblieben?

Nur unter der Voraussetzung von Untersuchungsfreiheit haben wir den Auftrag der Auftraggebergruppe angenommen. Sie, nicht die Brüdergemeinde, war dafür zuständig. Die Brüdergemeinde hat keinen Einfluss genommen.

Die Aufarbeitung von Missbrauch in Institutionen ist hierzulande längst nicht so weit wie etwa in Kanada oder Irland. Schaute auch die Wissenschaft zu lange weg?

Ja, wie Gesellschaft und Politik hat auch die Wissenschaft lange weggeschaut, hat diese unvorstellbare und erschütternde Seite der bundesdeutschen Erziehungsgeschichte verdrängt und nicht wahrgenommen. Erst mit den Berichten des Runden Tisches der Bundesregierung, journalistischen Recherchen und dem Buch „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski und vor allem mit den Aktivitäten der Opfer nahm das wissenschaftliche Interesse zu. Gleichzeitig hatten kirchliche und staatliche Träger von Heimen lange kein Interesse an einer wissenschaftlichen Aufklärung dieser verdrängten Geschichte. Widerstände gibt es bis heute. Dabei kam die Aufarbeitung durchweg nicht aus eigenem Antrieb. Erst die öffentliche Debatte und der Druck der Opfer führten zur Aufklärung.

Würden Sie den Auftrag heute genauso wieder annehmen?

Ja, weil die Konstruktion der Auftraggebergruppe in die richtige Richtung weist. Weiter waren die Voraussetzungen für seriöses wissenschaftliches Arbeiten gegeben, es gab keine Reglementierungen. Gleichzeitig muss man sich als Wissenschaftler mit erschütternden Berichten und Ergebnissen von Gewalt an Schutzbefohlenen auseinandersetzen und weiß, dass nur ein Hellfeld ausgeleuchtet wurde und es ein weiteres Dunkelfeld gibt. Dabei leitet mich ein der Aufklärung, dem Kindeswohl und der Humanität verpflichtetes Professionsverständnis, das zur Aufhellung einer dunklen Vergangenheit beitragen will, wie Macht über Kinder missbraucht wurde. Für die Institutionen geht es dann nicht nur um „Reparaturarbeiten“, sondern um ihre Glaubwürdigkeit mit wirklichen und wirksamen Konsequenzen.