Buchbesprechung “Und Gott schaut weg” von Detlev Zander

Detlev Zander
Quelle: Bild privat
„Diese Kinder waren mein Eigentum. Meine Zeit haben sie gestohlen, meine Nerven ruiniert, und jetzt kommen sie daher,  dreißig Jahre später, und wollen auch noch meinen guten Ruf ruinieren! Unglaublich! Ich wollte immer nur das Beste für diese Kinder, ich wusste immer, was das Beste ist für sie.“ Dies sagt gegen Ende der Novelle „Und Gott schaut weg“ Ella Frings, die Erzieherin, die Dieter Z. in sadistischer Weise misshandelte und bei der Körperpflege sexuell missbrauchte, die ihn bestahl, ihn zwang altes Fleisch zu essen und ihn sein Erbrochenes vom Boden lecken ließ. Sie war über 12 Jahre seine Bezugsperson im fiktiven Kinderheim Kronberg und verkaufte ihn dort an päderastische Kinderschänder, um sich so ihr Eigenheim fürs Alter zu finanzieren.
Das fiktive Dorf Kronberg hat seine reale Entsprechung mit dem Ort Korntal im Landkreis Ludwigsburg. Dort wirkt seit 1818 die Evangelische Brüdergemeinde Korntal, eine pietistische Gemeinschaft. Detlev Zander, der dreijährig in das dortige Kinderheim kam, hat über die Zustände in Korntal einen autobiografischen Roman geschrieben, der neben seiner Geschichte die Geschichte jahrzehntelangem organisierten Missbrauchs unter dem Dach der evangelischen Kirche wiedergibt. Wobei sich die evangelische Landeskirche Württembergs bis heute von den Korntaler Fundisten separiert, da diese rein rechtlich eine eigenständige Kirche darstellen. Gleichwohl besteht ein enges, „brüderliches“ Binnenverhältnis. Der Skandal, den Zander 2014 öffentlich machte, geht die evangelische Kirche Deutschlands insgesamt an, auch wenn sie sich bis heute auf die organisatorische Trennung beider Gemeinschaften beruft. Gerade dieses hervorgehobene Nebeneinander zeichnet allerdings ein deutliches Miteinander: nämlich den Willen, Missbrauch und Misshandlungen durch kirchliches Personal zu relativieren, zu vertuschen und letztlich die Verantwortung auf die Berufung von verworrenen Nicht-Zuständigkeiten abzuweisen.

Doch dieser Hintergrund wirkt nur als düstere Kulisse auf das Geschehen. Sie stellt eine Ausweglosigkeit dar, ein geschlossenes System, in das der dreijährige Dieter hineingerät und dem er derart ausgeliefert bleibt, dass er am Ende diese pietistische Hölle, in der er ständigem Missbrauch und Misshandlung ausgesetzt war, nicht mehr verlassen möchte, weil sie ihm zu seiner beschränkten Welt geworden war. Seine Prägung durch diese Hölle, in der ihm als Opfer die ganze Schuld an seiner Misshandlung zugewiesen wird, wird ihm auch für die nächsten dreißig Jahre den Mund verschließen. Diese abgründige Haltung der Pietisten skizziert Zander zu Beginn des Buches, als die Ältesten der Brüdergemeinde darüber konferieren, wie sie mit der öffentlichen Bekanntmachung ihrer Verbrechen umgehen sollen. Nachdem die Leichen im Keller wieder lebendig werden, ja dem leitenden Pfarrer Josef Sturm gar im Traum erscheinen, versucht dieser, den aufkommenden Sturm zu bändigen. In einer Art Notkonferenz denkt die Runde der Vertuscher und Täter über einen Umgang, mit der Öffentlichkeit und den Opfern nach.

Ja, sie haben alle die verdorbene Gesellschaft geduldet, die ihre Brüdergemeinde war und bis heute noch ist, indem sie sich einer ehrlichen Aufarbeitung und Entschädigung weiterhin verweigert, doch das war, als man erstmals darüber reflektierte, noch schlimmer. Der pensionierte Gemeindepfarrer meinte, als Sturm etwaige Entschädigungszahlen ansprach, über die Opfer, die er während seiner Amtszeit willentlich übersah: „Diese Menschen würden die Summe Geldes, die man ihnen geben könnte, eh nur versaufen. Schau dir diese Leute doch mal an! Lauter gescheiterte Existenzen. Zudem ist es Gottes Wille, diesen Menschen ihr Schicksal zu geben. Ohne dieses Schicksal wäre alles das nicht passiert. Es gibt Größeres in Gottes Plan als diese kleinen Leute.“

Diese menschenverachtende Haltung war der Nährboden für Missbrauch, Misshandlung und Menschenhandel. Es ist eine schier unglaubliche Vorstellung, dass so etwas über 200 Jahre unter den Fittichen der Kirche bis ins 21. Jahrhundert hinein geschehen konnte; weswegen diese Erzählung so besonders wichtig ist. Denn der Skizze des scheinheiligen Hintergrundes folgt die Skizze der geschehenen Widerwärtigkeiten, der systematischen Vergewaltigung von Kindern, von Buben und Mädchen, und einer ganzen Stadt, die wegschaut. Es ist die Beschreibung von Strukturen des Missbrauchs, die sich immer wieder bilden, sobald in einer größeren Gemeinschaft Kinder systematisch missbraucht und misshandelt werden. Es sind korrupte Gemeinschaften, in denen Geld das Schmiermittel ist, um die perversen Gelüste vieler „Gönner“ auszuleben. Zur Verfügung gestellte Kinderkörper und Kinderseelen sind die Gegenleistung für bezahlte Patenschaften. Die Vergewaltigung und Erniedrigung von Kindern genügt diesen Verbrechern freilich nicht, vielmehr geilen sie sich auch noch daran auf, wie sie den Willen der Kinder brechen, ihre Person verkrüppeln und sie somit zu eben diesen gescheiterten Existenzen machen, die sie in ihnen sehen wollen, um Gottes Willen zu verwirklichen.

Da entstand durch Zuhälterei von Kindern ein Bethaus, das die Kinder quasi mit ihrer Schändung bezahlten. Ihre blutenden Leiber und erlöschenden Seelen waren die Währung für die Gnade Gottes. Dieser Gott ließ sich mit Blut und Sperma bezahlen, wahrhaftig übelste Spermagnosis. Diese Schändung war nicht nur die Vernichtung und Beschmutzung ihrer kindlichen Reinheit, sondern es war zugleich Ausdruck der abgrundtiefen Verachtung, mit der die Erwachsenen, denen diese Kinder als Schutzbefohlene übergeben wurden, ihnen begegneten.

Es ist die immergleiche Projektion des eigenen schmutzigen Charakters auf die kindlichen Opfer, mit denen die Täter ihr Verhalten vor sich rechtfertigen. Ja, diese abartige, verlogene Rechtfertigung ist ihnen so eingefleischt, dass sie sie voreinander nicht verbergen und gar in die Öffentlichkeit tragen, indem die Brüdergemeinde die Forderungen der Überlebenden nach Entschädigung der Verbrechensfolgen als Geldgier und bösartige Bereicherung denunziert. So ziehen sie die überlebenden Opfer ein weiteres Mal durch den Dreck. Schänden sie ein weiteres Mal, indem sie versuchen, sie an den Pranger zu stellen und zu beschämen. Die Krönung dieser verblendeten Selbstgerechtigkeit zeigt das Bild, als Josef Sturm zum Abschluss seiner „Scheinheiligenkonferenz“ betet: „Lieber Herr, wir bitten Dich, beschütze unsere Gemeinschaft und behüte uns vor falschen Beschuldigungen.“

Was ist das für eine Kirche, was für eine Brüdergemeinde, die es immer noch als Lässlichkeit ansieht, wenn ihre Schutzbefohlenen blutig geschlagen wurden, sie ihr Erbrochenes vom Boden lecken mussten, ihr Penis mit einer Wurzelbürste blutig geschrubbt wurde, sie mit einem Schraubenschlüssel anal vergewaltigt worden sind, weil ihr Vergewaltiger vorübergehend nicht mehr penetrieren konnte, während ihm der letzte befriedigende Kick im Hirn noch fehlte, und er seinen Machtrausch über das Leben eines Buben vor sich noch nicht bis zur Neige genossen hatte? Das ist keine Kirche mehr, sondern übelste Gosse, höllische Widerwärtigkeit und barbarische Schändlichkeit. Diese Brüdergemeinde war ein verbrecherisches Syndikat, und sie ist es nach wie vor, indem sie sich ihrer Verantwortung weiterhin entzieht.

Wie gezielt die Erwachsenen die Kinderseelen zerbrachen, indem sie die Kinder bewusst deprivierten und somit durch Lieblosigkeit in herzlose Verlorenheit stürzten, um sie von ihrer Willkür abhängig zu machen, zeigt die Szene, als die sadistische Betreuerin des Dieter Z. ihm seinen Teddybär wegnimmt, mit dem er als Dreijähriger ins Heim kam. Der Teddy war sein ständiger Begleiter und einziger Trost. Sie erkennt diese Bindung, nachdem sich das Kind an einem Tag nach einer durchlittenen zweifachen Vergewaltigung besonders störrisch gibt. Mit sadistischer Freude verbrennt sie den Teddy vor den Augen des Kindes. „Frau Frings, hat gesiegt, das Kind ist jetzt alleine, völlig alleine, es sitzt reglos auf dem Stuhl, nicht einmal die Tränen wollen kommen.“

So ging die Folter im Namen Gottes, und sie hatte offenbar Methode; denn mir verbot, als ich sieben Jahre war, eine Rummelsberger Tante im Waisenhaus meinen imaginären erwachsenen Freund, der mich an Vaters Stelle begleitete, mit einem anderen Kind zu teilen. Sie achtete von da an darauf, dass ich dem anderen Kind nichts über ihn zuflüsterte, und tat ich es doch, setzte es Prügel. Anscheinend tauschten sich die evangelischen Sadisten über ihre Foltermethoden über Bundesländergrenzen hinweg aus.

Diese Ella Frings ist nicht nur Sadistin, sondern auch eine typisch weibliche Kinderschänderin, die sich still und heimlich am Leib der Kinder befriedigt. So tauschen sich die Kinder darüber aus, dass die Tante bei ihren Prügelorgien so seltsam schnauft oder sich der Kinder Füße in den Schritt zwängt, um sich zu masturbieren. Diese weibliche Form des Kindesmissbrauchs wird in der Literatur häufig erwähnt. Ich kenne sie selbst, denn die Mutter von mir drückte meinen Kopf und mein Gesicht häufig in ihren Schoß, als wäre es nur ein besonders inniges Herzen. Ja, Mütter und Frauen kommen damit durch, und wer Augen hat, kann derlei Übergriffigkeiten öfters beobachten.

Einige Kinder überleben den Missbrauch und die Misshandlung nicht, sie bringen sich um; auch Dieter versuchte es. Andere überlebten das Heim und töteten sich als junge Erwachsene, weil das Trauma ihnen ihre Seele erstickte. In einem Bild schaufelt Zwergle, einer der Haupttäter, einem zwanzigjährigem Burschen, den er als Kind anhaltend vergewaltigte, das Grab. Später wird Zwergle in einem finalen Bild in einer Irrenanstalt von drei seiner Opfer aufgeknüpft. Es ist sowohl ein gruseliges als auch unbefriedigendes Bild; denn leider kann man derlei Verbrecher nur einmal aufknüpfen und nicht hunderte Male, so viele hunderte Male wie sie Kinder geschändet haben.

Zum Schluss kommt die Frings, die sich durch ihren Kinderhandel eine Eigentumswohnung erwerben konnte, wie zu Beginn dieser Besprechung zitiert zu Wort, indem sie sich in selbstgerechter Manier bedauert, als Opfer darstellt und zugleich ihren verdorbenen Charakter offenbart: „Die Kinder haben immer gelogen. Die lügen auch noch heute. Die wollen nur Geld!“ So das gehässige Geschwätz einer Zuhälterin, die den Kinderstrich von Korntal mit „Frischfleisch“ bedient hatte. Schließlich zeigt sie noch Verständnis für den Vergewaltiger, dem sie die Kinder überließ: „Sie haben keine Ahnung, wie sehr zum Beispiel Herr Zwergle selbst darunter gelitten hat, dass er die Kinder so liebte. Sein ganzes Leben lang musste er mit dieser Sünde leben. Das ist doch Strafe genug.“ Ja, die armen evangelischen Vergewaltiger …

Detlef Zander erzählt mit einem sarkastischen Unterton. Es ist wohl eine Art Selbstschutz, denn anders als mit dieser bitteren inneren Distanz hätte er seinen Bericht nicht niederschreiben können. Ebenso zeichnet er die Figuren grob, holzschnittartig auf ihren miesen Charakter hin. Da ist kein Zwischenton, weil es auch für ein Kind, das diese Schrecklichkeiten überlebte, keinen gibt, sondern nur grauenhaftes Schwarz in Grau. So entstand eine Menagerie des Grauens, ein Bild, dass die Evangelische Brüdergemeinde Korntal bis heute von sich weist. Und es wird selbst dann abgewiesen werden, wenn die Gemeinde wie angekündigt bis Mitte dieses Jahres „eine angemessene Form der Erinnerung an das Geschehene sowie der Mahnung und des Eintretens gegen jegliche Form von Missbrauch für die Zukunft sichtbar“ geworden haben lassen wird. Denn selbst im Gedenken an seine übelsten Verbrechen bleibt der Pietist ein Gerechter vor seinem Gott.

„Und Gott schaut weg: Die Geschichte des Dieter Z. Ein Kind in der Hölle“; TB 140 Seiten; Books on Demand Verlag 2015; ISBN-13: 978-3734780684