14.08.2018: Betroffene fordern Entschädigung für Zwangsarbeit Ausbeutung durch Kinderarbeit in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Aufklärer beschreibt System von Arbeitszwang und Strafen

Kinder aus einem Heim der Brüdergemeinde Korntal spazieren einen Weg entlang.

Kinder aus einem Heim der Brüdergemeinde Korntal

Kurz nach Abschluss der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und Gewalt bei der Evangelischen Brüdergemeinde decken Recherchen von REPORT MAINZ ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern auf.

Betroffene berichten gegenüber dem Politikmagazin, sie hätten nicht nur in den Heimen selbst, sondern auch in der Landwirtschaft und am Bau viele Jahre lang und über viele Stunden am Tag arbeiten müssen. Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf REPORT MAINZ Anfrage:

„Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, der dabei zutage getreten ist, auch im Bereich von Arbeit“.

Im Auftrag der Brüdergemeinde hat Prof. Dr. Benno Hafeneger von der Universität Marburg die Akten zu Korntal ausgewertet. Seine Arbeit hat im Wesentlichen die Vorwürfe der Opfer bestätigt:

„In den 50er, 60er und Anfang der 70er Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden. Wenn die Kinder ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Also das war schon ein Ausbeutungssystem“, sagte Hafeneger im Interview mit REPORT MAINZ.

Gegenüber dem ARD-Politikmagazin berichtete Detlev Zander, der den Missbrauchsskandal in Korntal 2013 erstmals an die Öffentlichkeit trug, er habe von seinem sechsten bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Gärtnerei der Brüdergemeinde, im Stall und auf dem Acker arbeiten müssen. Ferner habe er als Heimkind mehrere Privathäuser mit gebaut und die privaten Fahrzeuge eines Heimleiters waschen müssen. Im Interview erinnert er sich:

„Ich habe auf der Baustelle so viel Gewalt erlebt. Gewalt und dieses ununterbrochene Arbeiten.“

Auch für Thomas Mockler hätten Arbeitseinsätze den Alltag im Heim geprägt. Neun Jahre lang habe er im Dienste der Brüdergemeinde arbeiten müssen, gegen seinen Willen. Im Interview mit REPORT MAINZ erhebt er schwere Vorwürfe:

„Wir durften den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Wände herausreißen. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“

Konkrete Zahlen zum Ausmaß finden sich im Aufklärungsbericht zum Missbrauch in den Kinderheimen. Insgesamt wurden Gespräche mit 105 ehemaligen Heimkindern ausgewertet. So berichteten 64% der Betroffenen von Arbeitszwang, 31% sagten, sie hätten in Zusammenhang mit der Arbeit Gewalt und Strafen erlebt.

Mittlerweile hat die Brüdergemeinde nach eigenen Aussagen Anerkennungsleistungen in Höhe von 1.000 EUR bis 20.000 EUR an betroffene Heimkinder gezahlt. Auf Anfrage von REPORT MAINZ räumte die Brüdergemeinde ein:

„Wir sind uns bewusst, dass unsere finanziellen Anerkennungsleistungen nicht wieder gut machen können, was geschehen ist.“

Betroffene wie Thomas Mockler und Detlev Zander sagten gegenüber REPORT MAINZ, sie empfänden die bislang gezahlten Summen als Hohn. „Diese Summen sind den Taten und Misshandlungen in keinster Weise angemessen“, sagte Thomas Mockler. Sie wollen weiterkämpfen, nicht nur um eine Anerkennungsleistung, sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit. 

HINTERGRUND

Im Mai 2017 berichtete REPORT MAINZ erstmals von einem System der Gewalt in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde. Die pietistische, streng gläubige Gemeinde ist beheimatet in Korntal, nördlich von Stuttgart.

Zwei Betroffene erzählten exklusiv von schwerem sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigungen, dem sie immer wieder durch Mitarbeiter der Kinderheime ausgesetzt gewesen sein sollen. Darüber hinaus habe die Brüdergemeinde sie an Wochenenden an so genannte Patenfamilien abgegeben, wo sie ebenfalls sexuell missbraucht worden sein sollen.

Der weltliche Vorsteher der Evangelischen Brüdergemeinde, Klaus Andersen, sagte 2017 gegenüber REPORT MAINZ: „Das bedauern wir sehr. Und ich weiß, dass damals auch die Mitarbeiter, trotz alledem, mit viel Herzblut und Engagement ihre Arbeit getan haben.“