KINDERHEIME IN KORNTAL UND WILHELMSDORF

Brüdergemeinde bittet „um Vergebung“

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat sich für Missbrauchsfälle in ihren Heimen entschuldigt. Nach über einjähriger Arbeit stellte sie am Donnerstag ihren Aufklärungsbericht vor.

„Wir bitten um Vergebung für den Missbrauch“, sagte der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Die Gemeinde erkenne „schmerzlich und demütig in tiefer Betroffenheit das Leid der Betroffenen“ an. Der Aufklärungsbericht zu den Missbrauchsfällen in den Kinderheimen von 1945 bis in die 1980er Jahre bringe „erschreckende Gewissheit“ darüber, was in den Heimen passiert sei.Der weltliche Vorstand der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, Klaus Andersen, am 07.06.2018 bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts zu den Missbrauchsfällen (Foto: SWR)

Vorstand Klaus Andersen bat die Opfer um Vergebung

Um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, hatte die pietistische Gemeinde zwei unabhängige Aufklärer verpflichtet: die ehemalige Richterin Brigitte Baums-Stammberger und den Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger.

Bruno Hafeneger hatte unter anderem Archivmaterialien der Brüdergemeinde analysiert. Man habe damals gewusst von Taten und Tätern, sagte er auf der Pressekonferenz. In Akten fanden sich laut Hafeneger dokumentierte Fälle von körperlicher und sexualisierter Gewalt.

Zahlreiche Opfer

Zur Aufklärung wurden auch Interviews mit mehr als 100 Opfern geführt. Laut Brigitte Baums-Stammberger kam heraus, dass 56 ehemalige Heimkinder sexualisierte Gewalt und 93 Kinder körperliche Gewalt erlebt haben.

Opfervertreter hatten lange dafür gekämpft, dass die Gemeinde ihre Vergangenheit aufarbeitet und Betroffene für das erlittene Leid entschädigt. Bis zu 20.000 Euro pro Person wurden ausgezahlt.

Erleichterung bei den Opfern

Opfervertreter Detlev Zander sprach von Genugtuung und Erleichterung. Nun sei schwarz auf weiß nachzulesen, was ihm und anderen in den Heimen angetan worden sei. Er sei jedoch geschockt, dass die Verantwortlichen der Brüdergemeinde damals laut Bericht von Misshandlungen wussten und sie die Kinder trotzdem nicht davor geschützt haben. „Da müssten einem die Tränen kommen“, sagte er. Gegenüber der SWR-Sendung Report Mainz hatte er die Aufarbeitung zuvor scharf kritisiert.

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal erklärte, die Ergebnisse des Berichts verstehe sie als Auftrag, das Geschehene nicht zu vergessen. Noch bis zum 30. Juni 2020 hätten ehemalige betroffene Heimkinder die Möglichkeit für Interviews mit Brigitte Baums-Stammberger. Solange würden auch „Anträge für Anerkennungsleistungen“ angeboten. Diakonie und Brüdergemeinde würden an einem Weg arbeiten, um die Erinnerung wachzuhalten: gegen das Vergessen und für ein aufmerksames Miteinander.

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