Interview – Missbrauch in Korntaler Kinderheim? ” Mein Pädagogenherz tut einfach weh”

Interview – Missbrauch in Korntaler Kinderheim? 

 ” Mein Pädagogenherz tut einfach weh”

Als Heide Scherer von den Missbrauchsvorwürfen hörte, die ein 53-Jähriger gegen die  Korntaler Brüdergemeinde erhebt, war sie geschockt. Denn sie war im Kinderheim seine Lehrerin.

Heide Scherer
Die 71-jährige Heide Scherer lebt in Schopfheim (Kreis Lörrach)

SWR.de: Was verbindet Sie mit der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und dem dortigen Kinderheim?

Heide Scherer: Meine Arbeit dort, von 1968 bis 1971 in der Schule, als Klassenlehrerin. Ich war dort im Privatschuldienst, in einer Sonderschule für schwer erziehbare und verhaltensgestörte Kinder.

Wie haben Sie die Kinder erlebt, wie war die Situation im Kinderheim?

Die Kinder waren schon sehr besonders, sehr schwierig, sehr auffällig. Sie kamen aus sehr belasteten Familien. Es waren ja alles Kinder, die von Amtswegen den Familien weggenommen wurden. Und ich habe es so erlebt, dass die Kinder mich ausprobiert haben. Ein Junge hat mich beispielsweise immer wieder ins Bein gebissen, dabei meine Strumpfhosen zerrissen oder er hat schwere Jähzornsanfälle bekommen. In dem Moment war an normalen Unterricht nicht zu denken.

Erinnern Sie sich auch an einen Schüler namens Detlev Zander?

Ja, er war ein kleiner kompakter Junge, schüchtern, sehr korrekt, innerlich ängstlich, sehr sogar. Er wollte immer alles sehr richtig machen, hatte Angst, dass er einen Fehler macht. Er konnte schlecht sehen, hatte eine sehr starke Brille. Mir fiel immer wieder mal auf, dass er einen innerlich unsicheren Blick hatte. Da dachte ich noch drüber nach, aber da so sehr viel in der Klasse los war, bin ich dem nicht nachgegangen. Er wurde nach außen hin nicht auffällig, hat sich mehr nach innen gezogen.

Dieser Detlev Zander hat jetzt, Jahrzehnte später, schwere Vorwürfe erhoben, gegen die Diakonie der Brüdergemeinde. Er sagt, dass er dort vergewaltigt wurde, geschlagen und auch zu Zwangsarbeit genötigt. Wie geht es ihnen, wenn Sie das hören?

Das sind natürlich unheimlich schwerwiegende Vorwürfe. Von Vergewaltigung hab ich nichts gemerkt. Dass er geschlagen wurde, kann ich mir sehr gut vorstellen, das hätte auch sein verängstigtes Blicken und Dasein unterstrichen. Von der Zwangsarbeit wusste ich nichts. Das sind Vorwürfe – mein Pädagogenherz tut einfach weh. Ich war damals 26 Jahre alt, hatte keine Phantasie in der Hinsicht. Auch keine Routine. Wir hatten auch keine Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule damals. Das musste man alles aus dem Moment heraus entscheiden und bewältigen.

Detlev Zander als Kind / Detlev Zander heute
Detlev Zander damals und heute

Wie wirken solche Vorwürfe auf Sie?

Zuerst, nachdem ich davon gelesen hatte, hab ich mich total dagegen gestellt. Denn es gab auch gute pädagogische Arbeit und Engagement, man hat sich schon bemüht. Es war aber auch sehr streng dort. Andererseits muss man streng sein, sehr strukturiert, sonst fallen die Kinder sofort ins Chaos, weil sie aus dem Chaos kommen. Dann war ich sehr erschüttert, konnte und wollte es im Grunde nicht glauben. Zwei Tage später sagte ich mir aber, wenn es so war, dann will ich versuchen, zu helfen und aufzuklären.

Was passierte dann, als Sie sich auf die Vorwürfe einließen?

Mir kamen Bilder von Situationen mit Detlev vor Augen, wie solche, als der Hausmeister anklopfte und auch sofort in der Klassentür stand. Da alles so familiär dort war, hat mich das nicht gestört. Heute würde mich das sehr stören, in der staatlichen Schule. In meinen Erinnerungsbildern sagte er damals: “Detlev, dein Fahrrad ist nicht in Ordnung, das Licht geht nicht richtig, komm doch mal mit”. Detlev wollte nicht mit und ich sagte ihm, das sei doch nett von dem Hausmeister, geh doch mit Detlev, wenn dir das hilft. Dann ging er mit und kam nach einiger Zeit wieder. Nachdem ich jetzt die Sachen gelesen habe von Missbrauch und Vergewaltigungen, sehe ich das natürlich ganz anders an. Das ist, wie wenn aus einem Brunnen ganz tief eine Erinnerung hochsteigt.

Detlev Zander sagt, er sei vom Hausmeister jahrelang im Fahrradkeller vergewaltigt worden. Haben Sie noch weitere Erinnerungen, die seine Aussagen untermauern?

Brüdergemeinde Korntal
Großer Saal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Vorerst keine Aufarbeitung in Korntaler Brüdergemeinde

Ich weiß sicher, dass ein Zivildienstleistender vor der Schule stand und sich unwahrscheinlich darüber aufregte, wie es da zuginge. Über den Schulräumen im Erdgeschoss war noch eine Gruppe von Jungen, die dort zusammen lebten. Die Heimkinder lebten immer in familienähnlichen Gruppen. Der Zivi klagte, die würden übereinander herfallen. Ich hatte das Gefühl, der blickt nicht mehr durch, das belastet ihn unheimlich. Er machte mir auch einen aufgeregten hilflosen Eindruck. Und dann sagte er noch, er hätte gesehen, wie der Hausmeister Buben ins Gebüsch zieht. Und ich dachte: Im Gebüsch, das ist ja sehr unbequem, was macht man da mit einem Jungen? Ich hatte keine Vorstellung von Missbrauch, von erwachsenen Männern an kleinen Jungen. Ich bin traurig nach Hause gegangen und hab mir überlegt, ob ich was sagen soll, bei der Leitung. Ich habs aber nicht gemacht. Ich dachte auch: Ist das ein Gerücht oder stimmt das? Bei solchen Anschuldigungen wird man unsicher.

Sie sind damals auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sexueller Missbrauch sein könnte, was da stattfindet?

Nein, ich hab wohl gespürt, dass das komisch ist. Das macht man ja eigentlich nicht. Warum macht der Hausmeister sowas? Und ich hab auch einen Hauch gespürt, da kann was nicht stimmen, das ist nicht normal, das ist auch kein Spiel, das vielleicht ein Vater mit seinem Sohn spielt. Es war nicht Usus, dass man solche Dinge in der Heimschule auf den Tisch legt. Und sexueller Missbrauch war kein Thema damals 1968.

Und wenn Sie es gesagt hätten, hätte man Ihnen geglaubt?

Heide Scherer
Heide Scherer als junge Frau

Ich habe genau diese Geschichte mit der Sache im Gebüsch kürzlich meiner Freundin erzählt, die auch Lehrerin dort war. Sie sagte, die hätten mir nicht geglaubt und wahrscheinlich gesagt: Was hat die denn für eine komische Phantasie?

Was meinen Sie, muss jetzt passieren, auch seitens der Brüdergemeinde, nach all diesen Vorwürfen?

Auch wenn die jetzt Verantwortlichen damals nicht dabei waren, muss die Brüdergemeinde in Stellvertretung die sich Beklagenden an den Tisch holen, mit jemand Neutralem zusammen, der fähig ist, so eine Sache zu moderieren. Die zur Zeit Verantwortlichen müssen sich entschuldigen. Und sie müssen um Verzeihung bitten. Auch in ihrem eigenen Interesse muss die Brüdergemeinde anbieten, dass die Vorwürfe auf juristischer Seite geklärt werden. Denn die Brüdergemeinde hat einen hohen Anspruch an sich: Das Verhalten der Mitglieder der Brüdergemeinde soll widerspiegeln, wie Jesus sich den Menschen gegenüber verhalten hat.

Sie kennen ja das “heilige Korntal” gut. Wie haben Sie diese pietistische Gemeinde wahrgenommen?

Das ist wie immer, wenn die Moralvorstellung sehr hoch ist. Die Mitglieder versuchen dementsprechend zu leben. Alles, was nicht passt, wird in ein dunkles Loch geschoben. Die eigenen unangenehmen Seiten, die jeder Mensch hat, will man nicht sehen, blendet es aus. So habe ich es erlebt. Es ist halt eine unwahrscheinlich große soziale Kontrolle in diesem Gebilde. Jeder ist ein Teil der Gruppe und wird vom Anderen beäugt, ob das was er macht, richtig ist. Und dann gibt es einen großen Deckmantel, der darüber gebreitet wird. Ich habe das Gefühl, der Deckmantel wird immer enger und man kommt aus dem gar nicht mehr raus. Einerseits waren die Erzieher in der Schule überfordert und hatten wahrscheinlich auch zu wenig fachliche Begleitung. Und zum Anderen ist dieser fromme Deckmantel sehr gefährlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.