Evangelische Brüdergemeinde idea
16. August 2018

Korntal: Heimkinder wurden jahrelang zur Arbeit gezwungen

In dem Beitrag von „Report Mainz” schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Screenshot SWR

In dem Beitrag von „Report Mainz” schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Screenshot SWR

Korntal (idea) – In Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal hat es in den 1950er bis 1980er Jahren nicht nur sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder gegeben, sie mussten auch systematisch „Zwangsarbeit“ leisten. Das berichtete das ARD-Magazin „Report Mainz“. In dem Beitrag schildern ehemalige Heimkinder ihre Erfahrungen. Detlev Zander, der die Missbrauchsvorwürfe 2014 öffentlich gemacht hatte, berichtete, dass er ab seinem sechsten Lebensjahr zehn Jahre lang für die Brüdergemeinde arbeiten musste, etwa in der Landwirtschaft und im Hausbau. Ein weiterer Betroffener, Thomas Mockler, musste nach eigenen Angaben neun Jahre Zwangsarbeit leisten. So habe er Fenster, Türen und Wände aus Häusern herausreißen müssen: „Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“ Heimkinder hätten den ganzen Tag Arbeiten verrichten müssen, die „eigentlich ein erwachsener Mann machen sollte und kein Kind“.

Aufklärer: Es gab ein Ausbeutungssystem

Der Marburger Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger, der an der Aufklärung der Vorfälle beteiligt war, sprach in dem Beitrag von einem „Ausbeutungssystem“. Wenn die Kinder „ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden“. Hafeneger hatte im Juni zusammen mit der ehemaligen Amtsrichterin Brigitte Baums-Stammberger (Birresborn/Eifel) einen über 400-seitigen Aufklärungsbericht vorgelegt. Dazu wurden 105 ehemalige Heimkinder interviewt. 93 erklärten, dass sie körperliche Gewalt erleiden mussten, und 61 gaben an, sexuell missbraucht worden zu sein. Die Opfer haben von der Diakonie der Brüdergemeinde „finanzielle Anerkennungsleistungen“ von in der Regel zwischen 5.000 und 20.000 Euro erhalten. Laut dem „Report“-Beitrag empfinden die Betroffenen die bisher gezahlten Summen „als Hohn“. Sie wollten für eine „gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit“ weiter kämpfen. Die Psychotraumatologin Brigitte Bosse (Mainz), die mit betroffenen Heimkindern gesprochen hatte, sagte in dem Beitrag: „In dem Aufarbeitungsprozess sind nach meiner Wahrnehmung die Fragen der Ausbeutung nicht vorgekommen.“ Auf die Frage, ob die Höhe der bisher gezahlten Leistungen angemessen seien, antwortete sie: „Wie kann Geld jemals das Leid aufwiegen?“. Wenn man sich aber an Tabellen im Schmerzensgeldrecht orientiere, dann seien die Zahlungen „sehr niedrig“.

Vorsteher: „Wir bitten um Vergebung für alle Verletzungen“

Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea äußerte der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen: „Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, auch im Bereich der Arbeit.“ Der umfassende Aufarbeitungsprozess habe gerade auch den Aspekt des Arbeitszwangs deutlich gemacht. „Dass Arbeit in dieser Zeit erzieherisch häufig mit Zwang und Strafe verbunden war, verurteilen wir scharf und bedauern zutiefst, dass dies geschehen konnte.“ Der Brüdergemeinde sei bewusst, dass ihre finanziellen Anerkennungsleistungen das Geschehene nicht wiedergutmachen könnten. Andersen: „Die Erlebnisse in unseren Heimen werden immer ein Teil der Lebensgeschichte der Betroffenen sein. Wir erkennen ihr Leid und ihren Schmerz an und bitten um Vergebung für alle Verletzungen.“ Es gebe jedoch keine Überlegungen, die Anerkennungsleistungen aufzustocken. Die 1819 gegründete Brüdergemeinde ist eine mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vertraglich verbundene selbstständige Personalgemeinde. Zu ihr gehören diakonische Einrichtungen, darunter Kindergärten, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sowie ein Altenzentrum.

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3 Kommentare

Alemannevor 5 Tagen

Ich finde es unverantwortlich, wie hier mit dem Begriff „Zwangsarbeit“ umgegangen wird, auch von Journalisten. In den fünfziger und sechziger Jahren hat jedes Bauern- und Handwerkerkind selbstverständlich in Haus, Hof und Werkstatt mitgeholfen. Das war übrigens auch pädagogisch wertvoll, weil die jungen Leute früh gemerkt haben, wo ihre Gaben stecken (und wo auch nicht). Dass das nicht jedem dieser Kinder Spaß gemacht hat, liegt auf der Hand. Bei ungeliebten Hausaufgaben, die unter elterlichem Druck endlich gemacht werden, spricht man auch nicht von „Zwangsarbeit“.

Lutherusvor 7 Tagen

Ob solche Praktiken von Beginn an den Weg der Brüdergemeinde in Korntal geprägt haben, wage ich zu bezweifeln. Andererseits ist es leider so, dass nicht zuletzt in pietistischen Kreisen Brutalität in der Erziehung gegen Kinder nicht selten war, wie ich aus der eigenen Verwandtschaft weiß. Das sollte nicht verwundert, wird doch in einem pietistischen Erziehungsbuch von Dallmeier als Ziel unter anderem das Brechen des Willens des Kindes genannt. Ich halte das völlige Verbieten körperlicher Züchtigung von staatlicher Seite für überzogen und einen eklatanten Eingriff des Staates in die res privata. Aber sie hat auch diese – nicht nur in ferner Vergangenheit vorgekommene – Brutalität in der Erziehung zum Hintergrund. Es ist erfreulich, dass es, gerade auch aus bibeltreuen Kreisen, heute eine Reihe von Erziehungsbüchern gibt, die einen ganz anderen Geist atmen. Aber gerade der Pietismus muss sich schon fragen, warum da so viel schief gegangen ist, angefangen bei Francke.

wachsamseinvor 9 Tagen

Zwangsarbeit wie in der 3. Welt, die für Westprodukte arbeiten (z.B. „Schmutzige Schokolade“) ist grundsätzlich zu hinterfragen. Dennoch Arbeit und Tätigkeit ist für Heranwachsende auch ein wichtiger Faktor in ihrer Entwicklung zu einer gesunden heranreifenden Persönlichkeit. Alle Kulturen der Welt machen uns das vor, dass sie ihre Kinder aktiv in die gesellschaftlichen Prozesse und in die Familie integrieren. Dazu gehören auch den Kindern entsprechende Arbeiten anzuvertrauen. Für mich war es ganz normal als Kind bestimmte Arbeiten im Haus oder Garten regelmäßig oder sporadisch mit zu erledigen. Das neudeutsche Modell dass Kinder 4-8 Stunden täglich „zocken“, also vor ein Bildschirmgerät sitzen und dabei geistig und seelisch Schaden nehmen hat ja gehörig versagt. ADHS und immer mehr Einweisungen in die Kinder- und Jugend Psychiatrie und häufige Orientierungslosigkeit sowie Werteverluste belegen die dramatischen Fehlentwicklungen im „Westen“.

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