MISSBRAUCH IN DER EVANGELISCHEN BRÜDERGEMEINDE

KORNTAL

Aufklärer: Kinder wurden systematisch zur Arbeit gezwungen

Kurz nach Abschluss der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch bei der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal decken Recherchen von „Report Mainz“ ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern auf.

„Ich habe auf der Baustelle so viel Gewalt erlebt“, sagt Detlev Zander. „Gewalt und dieses ununterbrochene Arbeiten.“ Zander ist das prominenteste Opfer eines Systems von sexuellem Missbrauch und Gewalt in Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg)zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren. Er hatte die Missbrauchsvorwürfe 2014 erstmals in die Öffentlichkeit getragen.

Nun berichtet Zander außerdem über ein System von Arbeitszwang und Strafen bei Kindern. Auch andere Betroffene bestätigen das. Sie hätten nicht nur in den Heimen selbst, sondern auch in der Landwirtschaft und am Bau viele Jahre lang und über viele Stunden am Tag arbeiten müssen. Das berichtet das ARD-Politikmagazin „Report Mainz“.

Aufklärer bestätigt ein „Ausbeutungssystem“

Im Auftrag der Brüdergemeinde hat Benno Hafeneger von der Universität Marburg die Akten zu Korntal ausgewertet. Seine Arbeit hat im Wesentlichen die Vorwürfe der Opfer bestätigt: „In den 50er-, 60er- und Anfang der 70er-Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden“, sagte Hafeneger gegenüber „Report Mainz“. „Wenn die Kinder ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Das war schon ein Ausbeutungssystem“.

„Kinder sind systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden.“

Benno Hafeneger, Aufklärer

Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf „Report Mainz“-Anfrage: „Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang, der dabei zutage getreten ist, auch im Bereich von Arbeit.“

Als Heimkind Privathäuser gebaut und Autos gewaschen

Zander berichtet gegenüber dem Politikmagazin, er habe von seinem sechsten bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Gärtnerei der Brüdergemeinde, im Stall und auf dem Acker arbeiten müssen, sagt er. Außerdem habe er als Heimkind mehrere Privathäuser mitgebaut und die Fahrzeuge eines Heimleiters waschen müssen.

„Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“

Thomas Mockler, ehem. Heimkind

Auch für den Betroffenen Thomas Mockler hätten Arbeitseinsätze den Alltag im Kinderheim geprägt. Neun Jahre lang habe er im Dienste der Brüdergemeinde arbeiten müssen, gegen seinen Willen. Im Interview mit „Report Mainz“ erhebt er schwere Vorwürfe: „Wir durften den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Wände herausreißen. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“

Konkrete Zahlen zum Ausmaß finden sich im Aufklärungsbericht zum Missbrauch in den Kinderheimen. Insgesamt wurden Gespräche mit 105 ehemaligen Heimkindern ausgewertet. So berichteten 64 Prozent der Betroffenen von Arbeitszwang, 31 Prozent sagten, sie hätten in Zusammenhang mit der Arbeit Gewalt und Strafen erlebt.

Opfer kämpfen für „gerechte Entschädigung“

Opfervertreter Detlev Zander bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Foto: picture-alliance / dpa)

Opfervertreter Detlev Zander bei der Vorstellung des Aufklärungsberichts der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Foto: picture-alliance / dpa)

 

Mittlerweile hat die Brüdergemeinde nach eigenen Aussagen Anerkennungsleistungen in Höhe von 1.000 bis 20.000 Euro an betroffene Heimkinder gezahlt. Auf Anfrage von „Report Mainz“ räumte die Brüdergemeinde ein: „Wir sind uns bewusst, dass unsere finanziellen Anerkennungsleistungen nicht wieder gut machen können, was geschehen ist.“

Betroffene wie Thomas Mockler und Detlev Zander sagten gegenüber dem Politikmagazin, sie empfänden die bislang gezahlten Summen als Hohn. „Diese Summen sind den Taten und Misshandlungen in keinster Weise angemessen“, so Mockler. Sie wollen weiterkämpfen, nicht nur um eine Anerkennungsleistung, sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit.

Den ganzen Bericht von „Report Mainz“ sehen Sie am Dienstagabend um 21:45 Uhr im Ersten.