Missbrauch und Gewalt an Kindern in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal

hpdMissbrauch und Gewalt an Kindern in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Regelmäßige “Einzelfälle”

Großer Betsaal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal
Großer Betsaal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal
Großer Betsaal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

Das ARD-Magazin Report Mainz berichtete am Montagabend über die evangelische Brüdergemeinde Korntal. Aufklärer bestätigen in dem Bericht schweren sexuellen Missbrauch und Gewalt an Kindern in Korntal. Bereits vor 3 Jahren wurde bekannt, dass ein Opfer die “Brüdergemeinde” auf eine Million Euro Schadensersatz verklagte.

“Eine Kindheit, geprägt von Angst und Ohnmacht” – so beschreibt Angelika B. ihre Kindheit in einem Heim in Korntal (bei Stuttgart). Sie berichtet über die körperlichen Misshandlungen, die den Schutzbefohlenen dort zugefügt wurden. Hans-Jürgen W. hat ähnliche Erfahrungen machen müssen.

Die evangelische Brüdergemeinde Korntal ist eine pietistische, streng religiöse Glaubensgemeinschaft. Angelika B. und Hans-Jürgen W. berichten über das Waisenhaus der Brüdergemeinde, in dem sie die ersten Jahre ihres Lebens verbrachten. Es gab dort – wie Report Mainz berichtet – keine “christliche Nächstenliebe. Stattdessen seien sie als kleine Kinder sexuell mißbraucht worden.”

Das ARD-Magazin fragte nach, ob es systematisch zu sexuellem Missbrauch und harten, körperlichen Strafen kam. Klaus Andersen, der aktuelle Leiter der evangelischen Brüdergemeinde Korntal “bedauert die Vorfälle sehr”, die seit dem Jahr 2014 öffentlich wurden. Doch für ihn haben die damaligen Angestellten “mit viel Herzblut und Engagement” nur ihre Arbeit getan. Es handle sich auch nur um “Einzelfälle”. Zwei Experten zweifeln das vor der Kamera an.

“Auch nach damaliger Rechtslage sind regelmäßig schwere Körperverletzungen vorgekommen” resümiert Brigitte Baums-Stammberger im Interview mit Report Mainz. “…Körperverletzungen mit Gegenständen. Es sind einfache Körperverletzungen vorgekommen, es sind Freiheitsberaubungen vorgekommen und es ist sexueller Missbrauch, auch schwerer sexueller Missbrauch vorgefallen.”

“In der Regel ist die sexualisierte Gewalt nicht zur Anzeige gekommen, sondern ist versucht worden zu vertuschen, zu verschweigen, zu relativieren oder durch Versetzungen … nicht öffentlich werden zu lassen”, ergänzt Prof. Benno Hafeneger.

Recherchen von Report Mainz haben sogar – entgegen den Aussagen von Andersen – ergeben, dass Missbrauch noch Anfang der 2000-er Jahre geschehen ist. Selbst die rechtskräftige Verurteilung eines mehrfachen Täters stellt für den Leiter der evangelischen Brüdergemeinde Korntal keinen Grund dar, an der Rechtmäßigkeit des Tuns seiner Mitarbeiter zu zweifeln.

Gab es ein Netzwerk für Phädophile?

Bis zu diesem Punkt ist der Beitrag von Report Mainz traurige Alltäglichkeit; zu häufig musste bereits über Vorfälle dieser Art berichtet werden. Doch skandalös wird der Fernsehbericht dadurch, dass recherchiert werden konnte, dass die Strenggläubigen zudem noch Profit aus der Not der Kinder zogen. “Missbrauch gab es nicht nur im Heim, sagen Opfer, als Kinder sind sie an sogenannte ‘Paten’ vermittelt worden. … Auch in den Privathäusern, so der Vorwurf, sei es zu schweren Übergriffen gekommen” berichtet Report Mainz.

Angelika B. bestätigt: “Der ‘Patenonkel’ hat mich damals vergewaltigt.” Ähnliches bestätigt auch das andere Missbrauchsopfer Hans-Jürgen W. vor der Kamera. In den Akten, die den Journalisten vorlagen, zeichnete sich ab, dass Interessierte dem Heim “Wunschzettel” geben konnten. So wünschte ein Mann “gelegentlich ein kleines Mädchen zwischen 5 und 10 Jahren.”

“Ob es da ein Netzwerk gab, ob damit Geld verdient worden ist, das wird man erschließen müssen”, sagt der Ermittler Prof. Benno Hafeneger am Ende des Beitrages.

Die Opfer warten weiterhin auf Entschuldigung und Entschädigung.


Der SWR berichtete bereits 2014 über Schadenersatzforderung nach Kindesmissbrauch in einem Kinderheim der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal:

Auch über die “Patenschaften” wurde bereits im Mai 2015 berichtet:

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