Text des Beitrags Ausgebeutete Kinder

Neue Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde Korntal

Moderation Fritz Frey:

Es waren einfach andere Zeiten. Mit dieser Redewendung versuchen Ältere oft Jüngeren Dinge zu erklären, die eigentlich unerklärlich sind.

Warum zum Beispiel Heimkinder früher oft pauschal als verwahrlost, frech und renitent angesehen wurden und Erziehung vor allem eines bedeutete: Prügel, exzessive Gewalt.

So ging es auch im Kinderheim der evangelisch-pietistischen Gemeinde Korntal zu, doch dort war es wohl noch weit schlimmer – Heimarbeit der perfiden Art habe es gegeben, so berichten ehemalige Heimkinder.

Mit anderen Worten es wurden Kinder zu jahrelanger Zwangsarbeit verdonnert. Mona Botros hat zweien von ihnen zugehört.

Bericht:

Detlev Zander wuchs als Heimkind bei der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal auf. Bis heute habe er schlimme Erinnerungen an diese Zeit.

Detlev Zander

Detlev Zander

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Ich hatte auch Angst immer, wenn wir da hergefahren sind. Immer! Weil ich wusste ja, was auf mich zukommt.“

Dreizehn Jahre lang prägte die streng gläubige, pietistische Gemeinde sein Leben.

In dieses Ferienlager seien er und andere Heimkinder aus Korntal jeden Sommer gebracht worden, erzählt uns Detlev Zander. Sie hätten es „Arbeitslager“ genannt.

Er selbst hätte ab seinem sechsten Lebensjahr zehn Jahre lang für die Brüdergemeinde arbeiten müssen. Unter anderem in der Landwirtschaft.

Und – dieses Privathaus des langjährigen Heimleiters hätten er und andere Heimkinder in den 70er Jahren maßgeblich mit gebaut.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Dieses Haus beklemmt mich unheimlich. Mir stockt es schier den Atem, weil in dem Haus ist auch so viel Gewalt, also auf der Baustelle gab es so viel Gewalt, hab ich so viel Gewalt erlebt. Und dann natürlich dieses ununterbrochene Arbeiten.
Wir waren auf dem Dach. Und hier war ein Gerüst. Unten haben wir so eine Treppe gemacht, so eine Hochhebe-Treppe. Und dann sind die Dachziegel einzeln so hoch. Und ich saß oben. Ich werd’s nie vergessen. Ich saß oben auf dem Ding und hatte so eine Angst.“

Zu den Vorwürfen in Verbindung mit dem Haus des Heimleiters wollte die Brüdergemeinde keine Stellungnahme abgeben.

Von Zwang zur Arbeit berichtet auch Thomas Mockler. Er war im selben Kinderheim wie Detlev Zander. Ab dem 7. bis zum 16. Lebensjahr habe er als Heimkind arbeiten müssen.

Thomas Mockler

Thomas Mockler

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Da ist gepfiffen worden und dann ist halt nur – nicht mal der Vorname genannt worden – sondern nur: Mockler, Müller, Mayer, mitkommen! Und dann durften wir hier den ganzen Tag arbeiten. Fenster herausreißen, Türen herausreißen, Innenwände herausreißen, solche Sachen.“

Auch diese Reithalle hätten Detlev Zander und Thomas Mockler mit aufgebaut. Die Arbeitseinsätze hätten täglich mehrere Stunden gedauert.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Die Reitbande mussten wir mithelfen annageln, dann bei den Verschalungen von den Betonpfeilern helfen. Und dann natürlich der Kies oder der Sand – da sind Lastwägen reingefahren – und die musste man dann von Hand auf den Boden schippen.“

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Überwiegend so die Handlangerarbeiten. Das, was eigentlich ein erwachsener Mann machen sollte und nicht gerade ein Kind.“

Wurden Heimkinder ausgebeutet? Die Evangelische Brüdergemeinde bestätigt die Vorwürfe auf REPORT MAINZ Anfrage:

Zitat:

„Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Missbrauch und Zwang (…) auch im Bereich von Arbeit.“

Ein Eingeständnis kurz nach der Veröffentlichung des Aufklärungsberichts zu den Vorgängen in Korntal zwischen den 50er bis in die 80er Jahre.

Prof. Benno Hafeneger hat im Auftrag der Evangelischen Brüdergemeinde die Akten zu Korntal ausgewertet. Auch zum Thema Kinderarbeit.

Prof. Benno HafenegerProf. Benno Hafeneger

O-Ton, Prof. Benno Hafeneger, Universität Marburg:

„50er, 60er, Anfang der 70er Jahre sind Kinder systematisch in die Arbeit hineingezwungen worden. Wenn sie ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder nicht so schnell, nicht so systematisch, wie das erwartet wurde, sind sie auch bestraft worden. Also das war schon ein Ausbeutungssystem.“

Wie schlimm dieses Ausbeutungssystem war, zeigt der Aufklärungsbericht:

Darin sprachen 64% der Betroffenen von Arbeitszwang, 31% sagten, sie hätten Gewalt und Strafen bei der Arbeit erlebt.

Auch Detlev Zander. Er hätte nicht nur Zwangsarbeit leisten müssen, sondern sei von dem Hausmeister Fritz M. immer wieder sexuell missbraucht worden, erzählt er.

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Hier hat er mich mehrfach vergewaltigt. Hier. In dieser Hütte. Brutal. Brutal vergewaltigt. Er hat mich genommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Hat mich auf dem Boden gelegt und ist dann über mir hergefallen, wie ein Tier. ‚So, jetzt bin ich fertig‘, hat er immer geschrien und dann hat er mich so…wie so ein, weggestoßen. Und dann hat er mir gesagt: ‚Jetzt gehst du arbeiten und nimmst noch einen Schluck Bier‘.“

Laut Abschlussbericht haben insgesamt 30 ehemalige Heimkinder ausgesagt, von dem Hausmeister Fritz M. sexuell missbraucht worden zu sein. Inzwischen ist er verstorben.

Wie wurden Opfer wie Detlev Zander für Zwangsarbeit und sexuellen Missbrauch entschädigt?

Bislang haben Betroffene eine so genannte Anerkennungsleistung erhalten, zwischen 1.000 und 20.000 Euro. Gegenüber REPORT MAINZ sagt die Brüdergemeinde:

Zitat:

„Unsere finanziellen Anerkennungsleistungen können nicht wieder gut machen, was geschehen ist.“

Trotzdem: Die Betroffenen empfinden die bisher gezahlten Summen als Hohn.

O-Ton, Thomas Mockler, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Man darf ja nicht vergessen, ich habe ja meine Kindheit verloren. Ein großer Teil meiner Kindheit ist hier in diesen Baustellen draufgegangen.“

O-Ton, Detlev Zander, Kinderheim Korntal 1963 – 1977:

„Ich fordere von der Brüdergemeinde, dass nochmal ganz genau hingeschaut werden muss, warum mussten die Kinder so viel arbeiten. Und selbstverständlich müssen die Kinder dafür Geld bekommen. Da führt gar kein Weg dran vorbei.“

Sie wollen weiterkämpfen – nicht nur um eine Anerkennungsleistung sondern um eine ihrer Meinung nach gerechte Entschädigung für die Zwangsarbeit.

Abmoderation Fritz Frey:

Auch unsere beiden Betroffenen haben sogenannte Anerkennungsleistung von der Brüdergemeinde Korntal erhalten. Bei Herrn Zander waren es 20.000 Euro, 5.000 hat Herr Mockler bekommen. Eine finanzielle Geste, doch ist sie ausreichend?