Regensburger Domspatzen: 547 Kinder Opfer des Missbrauchsskandals

 

    Regensburger Domspatzen: 547 Kinder Opfer des Missbrauchsskandals

    [Regensburg]

    dpa/Armin WeigelDie Regensburger Domspatzen im Dom St. Peter in Regensburg

    Bei den Regensburger Domspatzen sind von 1945 bis in die 1990er Jahre mindestens 547 Kinder Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt geworden. Das geht aus dem Abschlussbericht hervor, den der Anwalt Ulrich Weber nun vorlegte. Die Pressekonferenz im Ticker-Protokoll.

    Das Wichtigste in Kürze: Der Anwalt Ulrich Weber hat seinen Abschlussbericht zum Misshandlungs- und Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt. Erschreckend ist vor allem die hohe Zahl der Betroffenen: Weber ermittelte 547 Opfer, von denen 500 Opfer körperlicher und 67 Opfer sexueller Gewalt geworden waren. (Die Differenz erklärt sich dadurch, dass einige Opfer von beiden Gewaltformen betroffen waren.) Der Anwalt berichtete von einer „Kultur des Schweigens“ und der bewussten Isolation der Kinder, die eine frühzeitige Aufklärung erschwert hätten. Heute werde dagegen viel für die Prävention ähnlicher Taten getan, es gebe mittlerweile eine „hohe Sensibilisierung“.

    11.02 Uhr: Ein wichtiger Hinweis vom Podium: Auch jetzt noch können sich Opfer melden. Zum Beispiel gebe das “Münchner Informationszentrum für Männer” Hilfestellung bei der Ausfüllung der Anträge für Opferentschädigung. Die Entschädigungen betrügen pro Opfer 5000 bis 20.000 Euro. Es sei ein “Katalog” mit Kriterien erarbeitet worden, der helfen soll, die Schwere des erlittenen Leides einzustufen und die Entschädigung entsprechend hoch anzusetzen.

    10.57 Uhr: Als nächstes soll es um Entschädigungszahlungen für die Opfer gehen. Dazu spricht das sogenannte “Anerkennungskomitee”, das jeweils über die Höhe entscheidet. Vorab war die Rede von bis zu 20.000 Euro pro Opfer. Jetzt spricht die Regensburger Professorin Barbara Seidenstücker.

    10.53 Uhr: Der Anwalt bedankt sich bei Experten, die ihm geholfen hätten und Zeugen, die Informationen geliefert hätten – vor allem aber bei den Opfern, die den Mut gehabt hätten, zur Aufklärung beizutragen. Achtung gebühre aber auch den Verantwortlichen bei den Domspatzen, die ausgesagt hätten. Auch die staatlichen Ermittlungsbehörden seien hilfreich gewesen.

    Anwalt berichtet von guter Zusammenarbeit mit Domspatzen: Keine Akten vorenthalten

    10.49 Uhr: Er habe “zu jeder Tages- und Nachtzeit” Zugang zu den entsprechenden Archiven gehabt, berichtet der Anwalt. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass ihm Unterlagen vorenthalten worden wären.

    10.44 Uhr: Seine Arbeit am Abschlussbericht werde mit dieser Pressekonferenz zu Ende gehen, sagt Anwalt Weber.

    10.40 Uhr: Strafrechtlich gesehen seien die Taten allesamt verjährt. Kirchenrechtlich könnten Taten nur verfolgt werden, wenn die Beschuldigten zum Tatzeitpunkt Priester gewesen seien.

    10.38 Uhr: Eine Journalistin will von Weber wissen, warum so viele Eltern nichts gemerkt hätten. “Die Kinder sind doch manchmal nach Hause gekommen.” Der Rechtsanwalt macht vor allem die damalige gezielte Isolation der Kinder dafür verantwortlich.

    Mittlerweile gibt es Maßnahmen zur Gewaltprävention

    10.30 Uhr: Dafür sind die Regensburger Domspatzen heute viel besser im Bereich Gewalt- und Missbrauchsprävention aufgestellt, so der Anwalt. Heute gebe es anders als früher “eine hohe Sensibilisierung für die Thematik”.

    10.27 Uhr: Es müsse davon ausgegangen werden, dass alle Verantwortlichen „zumindest ein Halbwissen“ über die Vorfälle hatten, aber oftmals weggeschaut hätten. Das betrifft dem Anwalt zufolge auch den Bruder des früheren Papstes Benedikt, Georg Ratzinger, der jahrzehntelang Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen war. Er habe wohl zumindest von körperlichen Misshandlungen gewusst, sei aber nicht ausreichend eingeschritten. Insgesamt habe es eine “Kultur des Schweigens” gegeben, die es Opfern schwergemacht habe, sich Gehör zu verschaffen. Erst 2014/2015 habe es einen “Paradigmenwechsel” gewesen: Erstmals seien bei der Aufarbeitung die Opfer direkt eingebunden worden.

    10.25 Uhr: Als begünstigende Faktoren nennt Weber unter anderem ein “ausgereiftes System der Isolation und der Kommunikationsverhinderung”, das lange verhinderte, dass Informationen über die Vorfälle an die Öffentlichkeit gelangten. Es habe auch “organisatorische Schwachstellen” gegeben, die die Gewaltprävention und die offene Kommunikation darüber verhinderten.

    “Ging darum, den Willen der Schüler zu brechen”

    10.21 Uhr: Anwalt Weber erinnert an die extrem hohen künstlerischen Anforderungen bei den Regensburger Domspatzen. „Um diese Ziele zu erreichen, wurde auch Gewalt eingesetzt“, berichtet er. Es sei oft darum gegangen, “den Willen der Schüler zu brechen, ihnen die Individualität zu nehmen”. Dies habe nicht unbedingt immer mit der “persönlichen Neigung” der Beschuldigten zu tun gehabt, sondern teils auch mit erzieherischer Überforderung und anderen Faktoren. Er betont, dass man das Ausmaß der Taten nicht mit den damals üblichen Erziehungsmethoden entschuldigen könne.

    10.18 Uhr: Viele Opfer litten auch heute noch psychisch unter den Folgen der Taten, so Anwalt Weber. Zu so gut wie allen Zeiten in der untersuchten Zeit von den 1960er bis in die 1990er Jahren seien die Misshandlungen verboten gewesen, betont er.

    “Ich habe die Antworten”, verspricht der unabhängige Gutachter

    10.11 Uhr: Jetzt spricht Rechtsanwalt Ulrich Weber. Sein Abschlussbericht habe 440 Seiten, sagt er zu Beginn. In dem Bericht kämen viele anonymisierte Opferaussagen im Zitat vor. Einige Opfer hätten ihre Zeit bei den Domspatzen als „Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager“ bezeichnet.

    “Ich habe die Antworten”, verspricht er. Jetzt sagt er etwas zu den Opferzahlen: Insgesamt stufe er 547 Opferaussagen als “sehr plausibel” ein. Von ihnen seien 500 Opfer tätlicher Gewalt geworden und 67 Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Einige Opfer seien von beiden Formen von Gewalt betroffen gewesen.

    10.09 Uhr: Die Zahl der untersuchten Fälle ist enorm hoch: Baumeister berichtet von mehr als 12.000 Opferaussagen, die in mehr als 577 Themenordnern abgelegt wurden.

    10.07 Uhr: Wichtigste Quelle seien die Berichte der Opfer gewesen, erklärt Baumeister. Aber man habe auch Beschuldigte befragt, zum Beispiel Generalvikare, Bischöfe und Erziehungspersonal.

    10.05 Uhr: Experte Baumeister erklärt, was die drei zentralen Fragen des Abschlussberichts sind:

    1. Was ist geschehen?
    2. Wie konnte es geschehen?
    3. Wie wurde mit den Geschehnissen umgegangen?

    10.01 Uhr: Es geht mit der Vorstellung des Podiums los. Neben dem unabhängigen Gutachter, Rechtsanwalt Weber, ist auch ein Experte für Methodik und Datenanalyse dabei, Johannes Baumeister. Es moderiert der Rechtsanwalt Andreas Heintz.

    09.57 Uhr: Die Pressekonferenz geht in wenigen Minuten los, der Raum füllt sich zusehends. Auch Anwalt Ulrich Weber, der den Bericht vorstellen soll, wurde bereits gesichtet.

    09.56 Uhr: Bei der Vorstellung des Abschlussberichts könnte es auch Erkenntnisse dazu geben, welche Rolle der Bruder des früheren Papstes Benedikt, Georg Ratzinger, bei dem Misshandlungsskandal spielte. Ratzinger leitete den Chor von 1964 bis 1999.

    09.28 Uhr: Nach zweijähriger Aufklärungsarbeit soll am Dienstagvormittag der Abschlussbericht zum Misshandlungsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt werden. Anwalt Ulrich Weber will das Ergebnis erläutern. Anschließend nehmen Vertreter des Bistums Regensburg und des weltberühmten Knabenchors Stellung. Die Betroffenen sollen bis Ende des Jahres mit jeweils bis zu 20.000 Euro entschädigt werden. Bekanntgeworden waren die ersten Fälle 2010.

    [Regensburg]

    dpa/Armin WeigelRechtsanwalt Ulrich Weber während einer Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch von Kindern bei den Regensburger Domspatzen

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