Sexualisierte Gewalt  Damit es nicht noch mal passiert

Der Täter war zuvor im Kinderheim Flattischhaus der Brüdergemeinde Korntal tätig, auch dort hatte er Kinder missbraucht. Ihm wurde nahegelegt, die Einrichtung zu verlassen. Erst als seine Straftaten in Hochdorf bekannt wurde, unternahmen die Verantwortlichen der Brüdergemeinde Korntal etwas.  Aktuell wird in Korntal versucht, die vielen Missbrauchssfälle der Vergangenheit aufzuklären. Detlev Zander der 2013 als erster die Missbrauchssfälle öffentlich gemacht hat, zeigt sich sehr besorgt.  Der Aufarbeitungsprozess wird massiv von den Verantwortlichen der Brüdergemeinde Korntal gesteuert, und überwacht. Der Vorsteher der Brüdergemeinde Korntal setzt falsche Signale, er betont, die Aufarbeitung sei unabhängig. Detlev Zander weißt diese Behauptung scharf zurück, und verurteilt das Verhalten von Klaus Andersen.  Die Brüdergemeinde Korntal und  ihre Verantwortlichen bestimmen bis heute wer und wie lange aufgearbeitet wird. Es werden keine bundesweiten Richtlinien, oder gar Standards erfüllt, oder eingehalten. Wünsche und Bedürfnisse werden in diesem Prozess überhaupt nicht berücksichtigt. Von einer unabhängigen Aufarbeitung im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal    sind wir meilenweit entfernt.
Detlev Zander wir werden alles in unserer Macht tun, damit diese unprofessionelle, und stümperhafte Aufklärung unter Aufsicht der Brüdergemeinde Korntal gestoppt, und unverzüglich reformiert wird. Dass sind wir allen Opfern schuldig.
Detlev Zander Betroffener im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal
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Sexualisierte Gewalt 

Damit es nicht noch mal passiert

Von Melanie Maier 

Schutzkonzepte sollen sexualisierter Gewalt in Kindertagesstätten, an Schulen, in Vereinen und in anderen Institutionen vorbeugen. Um sie zu erarbeiten, braucht es viel Zeit und Geld – doch die Investition lohnt sich.

Ausflüge zu zweit, teure Geschenke: Machtmissbrauch beginnt bereits lange bevor ein Täter ein Kind anfasst. Schutzkonzepte sollen dem vorbeugen. Foto: dpa
Ausflüge zu zweit, teure Geschenke: Machtmissbrauch beginnt bereits lange bevor ein Täter ein Kind anfasst. Schutzkonzepte sollen dem vorbeugen.Foto: dpa

Esslingen – Der Schock saß tief bei den Mitarbeitern der Jugendhilfe Hochdorf, als im August 2002 bekannt wurde, dass einer ihrer Kollegen einen Jugendlichen sexuell missbraucht hatte. Ein Mensch, mit dem sie ­monatelang zusammengearbeitet hatten, mit dem sie Dienstpläne genauso wie die Probleme und die Bedürfnisse ihrer Schutzbefohlenen besprochen hatten. Als „vorher unvorstellbar“ bezeichnet Claudia Obele, die Vorstandsvorsitzende der evangelischen Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg, das, was in jenem Sommer geschah.

Zu vier Jahren und neun Monaten Haft wurde der ehemalige Mitarbeiter verurteilt, zudem erteilte ihm das Gericht lebenslanges Berufsverbot. Die Leitung der Jugendhilfe zog jedoch auch darüber hinaus, für sich, Konsequenzen – um eine Wiederholung solcher Straftaten zu verhindern. „Spätestens nach dem Erleben des emotionalen Zusammenbruchs der betroffenen Eltern war für uns klar, dass wir diese schmerzliche Erfahrung nutzen werden“, sagt Obele. Es begann ein Organisationsentwicklungsprozess in der Einrichtung, der das Ziel hatte, die Kinder besser zu schützen und den Mitarbeitern zugleich mehr Sicherheit im Umgang mit Vorfällen sowie mit Vermutungen zu geben.

Am Ende dieses Prozesses steht mittlerweile ein vielgliedriges Schutzkonzept, bei dem sich die Mitarbeiter etwa schon beim Einstellungsgespräch zur Einhaltung von neun ethischen Grundsätzen verpflichten.

Etwa eine Million Kinder und Jugendliche sind betroffen

Individuell erarbeitete Schutzkonzepte wie dieses hält die Sozialpädagogin Julia Gebrande für unabdingbar an Institutionen – egal, ob es sich um Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Vereine, Einrichtungen der Kirche, der Kinder- und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe oder Alten- und Pflegeheime handelt. „Wenn Menschen Macht über andere innehaben, bietet sich ein Boden für deren Ausnutzung“, sagt Gebrande, die an der Hochschule Esslingen lehrt. „Je größer die Machtungleichheit ist, desto größer ist dabei die Gefahr für sexualisierte Übergriffe.“

Sexualisierte Gewalt – dieser Begriff umfasst zum einen den sexuellen Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und anderen Schutzbefohlenen wie etwa Menschen mit Behinderungen. Zum anderen bezieht er auch den Strafbestand der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung mit ein.

In Deutschland hat die Polizei nach der Kriminalstatistik 2016 im vergangenen Jahr 7919 Fälle der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung erfasst, dazu 12 019 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Die Dunkelziffer dürfte in beiden Bereichen weitaus höher liegen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, schätzt etwa der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, auf eine Million – allein in Deutschland. Dabei bezieht sich Rörig auf Zahlen der Weltgesundheitsorganisation.

Die Mehrheit der Fälle ereignet sich nach wie vor im familiären Rahmen und im nahen sozialen Umfeld. Und nach wie vor gilt das Thema als eines, über das man nicht gerne spricht – auch wenn es die ganze Gesellschaft angeht. In den vergangenen Jahren, nach der Aufdeckung der Missbrauchsfälle an pädagogischen Einrichtungen wie etwa der Odenwaldschule, habe immerhin eine Sensibilisierung für diese Art von Gewalt in den Institutionen stattgefunden, sagt Julia Gebrande. Das sei auch ein großes Verdienst der Frauenbewegung, die das Thema angesprochen und Anlaufstellen gegründet habe.

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