Überlebender sexualisierter Gewalt: „Ich bin nicht der Feind der Kirche“

EKD UND KIRCHEN 04.11.2019 Lilith Becker http://evangelisch.de

Kirsten Fehrs hat auf der EKD-Synode 2018 eine Rede gehalten, die die Synodalen ergriffen hat. Sie und fünf weitere Kirchenleitende bekamen den Auftrag, ihren Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche umzusetzen. Was ist daraus geworden?

Sechs Menschen aus hohen Positionen in Landeskirchen und aus der Diakonie bilden seit der EKD-Synode 2018 den Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll. Im Juni 2019 traten sie zum ersten Mal gemeinsam im Kirchenamt der EKD in Hannover auf. Kirsten Fehrs, die Sprecherin des Rates ist, war stolz, dass sie einen Flyer präsentieren konnte. „.help“ – eine Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt

Kerstin Claus, aus dem Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftagten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM), war auch auf diese Pressekonferenz geladen. Sie stand vor der versammelten Presse und sagte, sie sehe diesen Flyer zum ersten Mal. Betroffene seien in die Ausgestaltung der Anlaufstelle für Betroffene nicht einbezogen worden, sagte sie.

So hatte der EKD-Beauftragtenrat in diesem Fall zwar eine Aufgabe seines 11-Punkte-Handlungsplanes erfüllt – eine andere jedoch verfehlt: Betroffene bei den anfallenden Prozessen zu beteiligen. Ein gutes Zeichen ist jedoch sicher, dass mehrere Betroffene zur kommenden EKD-Synode 2019 nach Dresden eingeladen sind. Dass die Beteiligung Betroffener nicht nur eine Frage des guten Stils ist, zeigen die Anrufe, die Detlev Zander bekommt.

Detlev Zander, der Überlebender der dramatischen Kinderschändungen im Kinderheim der evangelischen Brüdergemeinde Korntal http://brüdergemeinde-korntal.de ist, hat Anrufe von Betroffenen bekommen, die diese „Zentrale Anlaufstelle.help“ kontaktiert haben.

Einem epd-Bericht zufolge haben sich seit Juli 2019 dort 150 Menschen gemeldet. „Was passiert mit unseren Geschichten?“, das fragten die Betroffenen Detlev Zander, und: „Warum werde ich lediglich an die jeweilig zuständige Stelle der Landeskirche verwiesen, in der mir der Missbrauch angetan wurde? Das möchte ich doch gar nicht.“ Detlev Zander und Kerstin Claus sind beide nicht überzeugt von dieser Anlaufstelle. Detlev Zander hat sogar den Eindruck, dass diese Menschen sich teilweise auch nicht wieder melden werden.

Foto: privat
Detlev Zander ist Überlebender der Kinderschändungen im Kinderheim der evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Zehn Jahre lang vergewaltigten und misshandelten ihn ein Hausmeister, ein Pfarrer und ein Gemeindemitglied. Die württembergische Landeskirche unterstützt das Kinderheim in Korntal finanziell.

„Viele Überlebende sind infolge schweren Missbrauchs unfähig ein normales Leben zu führen: Sie leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), haben Persönlichkeitsstörungen, sind arbeitslos“, viele seien deshalb so geschwächt, dass sie nicht die Kraft hätten, für ihr Recht auf Entschädigung einzustehen.

Nicht jedes Opfer könne also reflektiert mit seiner Situation umgehen. Viele Betroffene seien sauer und böse. Die EKD müsse diese Wut aushalten können. „Die Opfer fühlen sich wie Müll. Mit uns will man eigentlich gar nichts zu tun haben. Wir sind zum Teil gar nicht gläubig, aber auch, weil sie uns die Religion weggenommen hat. Viele haben Angst, dass sie kein richtiges Begräbnis bekommen“, sagt Detlev Zander. Er selbst sagt, dass er an Gott glaubt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, für diese Menschen, die es nicht selbst schaffen, den Weg zu ebnen. Es soll einen EKD-Betroffenenrat geben, für den möchte sich Detlev Zander bewerben.

Zanders Vorschlag für die Anlaufstelle: Psychologen und Juristen müssten die Geschichten der Anrufenden gleich anonym aufnehmen. Schließlich sind weitere Punkte des Handlungsplanes, in wissenschaftlichen Studien herauszufinden, was den Überlebenden von sexualisierter Gewalt in der Kirche angetan wurde und wer diese Menschen sind. Dafür hat das Universitäts-Klinikum Hamburg Eppendorf bereits den Auftrag bekommen.

Rotes Tuch: Entschädigungsleistungen

Kerstin Claus, die als Vertreterin des Betroffenenrates des UBSKM auf der EKD-Synode eine Rede halten wird, ist zudem der Ansicht, dass der Punkt „Individuelle Aufarbeitung“ des Handlungsplanes einen erheblichen Nachholbedarf hat. In diesem Punkt ist von materieller und immaterieller Anerkennungsleistung die Rede, die die Landeskirchen erarbeiten müssten. Die Evangelische Kirche scheut sich bisher, im Gegensatz zur katholischen, das Thema Entschädigungszahlungen an Betroffene, überhaupt auf ihre Agenda zu nehmen.

Bisher gewähren die Landeskirchen selbst, teilweise über ihre „Unabhängigen Kommissionen“, einen einmaligen Betrag X, wenn sie die Geschichten Betroffener anerkennen. Eine Regelung, wie sie das staatliche Opfer-Entschädigungs-Gesetz hat, beispielsweise mit einer monatlichen Rente, scheut die Evangelische Kirche allerdings. Nach Berichten aus der katholischen Kirche über die mutmaßliche Höhe der Beträge, ist eine Diskussion darüber bisher ein rotes Tuch für EKD und Landeskirchen – jede Landeskirche sei eben selbst dafür in ihren diskreten Verfahren zuständig.

Auch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs hat auf Nachfrage von evangelisch.de eine klare Position zur finanziellen Entschädigung von Betroffenen: „Aus unserer Sicht gehört es zu Aufarbeitungsprozessen in Institutionen und zur Verantwortungsübernahme durch eine Institution, dass Entschädigungszahlungen gemeinsam mit den Betroffenen ausgehandelt werden“, sagt die Vorsitzende Sabine Andresen. Sie begrüßt, dass die EKD-Synode sich weiter mit der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs beschäftigt. „Wo die evangelische Kirche damit in 2019 steht, gilt es auch gemeinsam mit betroffenen Menschen zu reflektieren. Diesem Austausch sollte sich die EKD stellen.“

MEHR ZU SEXUALISIERTE GEWALTArtikel Evangelische Kirche warnt vor Kita-Spiel „Original Play“Artikel Ein Jahr nach der Ruck-Rede – Was in der evangelischen Kirche gegen Missbrauch getan wird ALLE ARTIKEL

„Bitte melden Sie sich!“, hatte Kirsten Fehrs in ihrer Rede gesagt. Nach den Erzählungen Detlev Zanders und der Initative Betroffener in Ahrensburg, ist das bisher alles andere als erfreulich innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Ich bin es leid, dass ich hingestellt werde, als sei ich ein Feind. Das bin ich nicht: ich möchte was für die Opfer erreichen. Ich bin gläubig“, sagt Detlev Zander, der seinen Konfirmationsspruch „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2), zu seinem neuen Credo auserkoren hat.

Auf der Synode wird es auf Wunsch von Kerstin Claus aus dem Betroffenenrat des UBSKM zehn Workshops für die Synodalen geben.  Sie wollte, dass es nicht nur erstmalig einen Redebeitrag einer Betroffenen geben sollte, sondern die Synodalen sich in Workshops mit verschiedenen Aspekten sexualisierter Gewalt und deren Folgen für Betroffene auseinandersetzen. Auch Detlev Zander wird bei einem dieser Workshops dabei sein. Er hofft, dass er die Gelegenheit hat, den Synodalen ins Gewissen zu reden – und damit echtes Verständnis erfährt.

THEMEN

EKD-SynodeEKD-Synode 2019 in Dresden GewaltKinderOpferSexualisierte Gewalt sexueller Missbrauch Überleben